Bericht eines Zeitzeugen : Als Liquidator in Tschernobyl

Mit Dienstausweis und Orden: Ex-Liquidator Wladimir Sednjow war über Monate hinweg Schichtleiter im explodierten Atomkraftwerk von Tschernobyl.
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Mit Dienstausweis und Orden: Ex-Liquidator Wladimir Sednjow war über Monate hinweg Schichtleiter im explodierten Atomkraftwerk von Tschernobyl.

1986 gehörte Wladimir Sednjow zu den Helfern am havarierten Atomreaktor in der Ukraine. „Liquidatoren“ werden die Aufräumarbeiter genannt, sollten sie doch die lebensgefährliche Strahlung eindämmen und „liquidieren“. Im Gespräch mit Schülern am RBZ Wirtschaft sprach der Zeitzeuge über seine Erlebnisse.

shz.de von
04. Mai 2015, 12:06 Uhr

Es war ein harter Einsatz damals, in den Tagen und Wochen nach dem 28. April 1986, als der Atomreaktor von Tschernobyl in der Ukraine in die Luft geflogen war. Der Ingenieur Wladimir Sednjow hatte seinen Arbeitsplatz eigentlich in einem Dampfkraftwerk in der Nähe von Minsk (Weißrussland), doch dann kam die Abberufung nach Tschernobyl. „Meine Frau hat lange geweint“, berichtete der Zeitzeuge gestern vor Schülern des Regionalen Bildungszentrums (RBZ) Wirtschaft. Sednjow war von Sommer bis Winter Schichtleiter vor Ort, er gehörte zu den schätzungsweise 850  000 „Liquidatoren“ – so benannt, weil sie als Aufräumarbeiter die radioaktive Strahlung eindämmen, „liquidieren“ sollten.

Die allermeisten der Schüler waren noch gar nicht geboren, als der Super-Gau in der damaligen Sowjetunion vor knapp 30 Jahren die Welt aufschreckte. Sie haben sich wie Annabell Eckardt (24) oder Marion Simbeck (22) mit Hilfe ihrer Lehrer im Unterricht über die Katastrophe informiert. Dann aber auf eine Person zu treffen, die mittendrin war im Geschehen – das war für sie gestern ein besonderes Erlebnis. Zumal viele Liquidatoren schwere Strahlenschäden davontrugen oder den Einsatz am strahlenden Kraftwerk sogar mit ihrem Leben bezahlten.

Auch Sednjow (58) lebt mit körperlichen Einschränkungen. Und sein drittes Kind, ein paar Jahre nach Tschernobyl geboren, leidet an einer Immunschwäche. Beides ist nach seinen Worten vermutlich auf radioaktive Langzeitwirkung zurückzuführen. Über die Spätfolgen aufzuklären und für eine „Zukunft nach Tschernobyl und Fukushima“ zu werben – das ist die Absicht der Heinrich-Böll-Stiftung, die die landesweite Besuchstour mit Sednjow und seiner Dolmetscherin Maria Shedik in dieser Woche organisiert und begleitet.

Im globalen Zeitalter von Handy und Internet ist es für die RBZ-Schüler schwer vorstellbar, dass die Havarie 1986 von den sowjetischen Behörden zunächst verschwiegen und später heruntergespielt werden sollte. Es waren Wissenschaftler im fernen Schweden, die nach ersten auffälligen Messungen Alarm schlugen – der Wind hatte radioaktive Wolken erst nach Polen und Skandinavien, später dann auch nach Tschechien, Süddeutschland und Österreich getrieben.

Vor Ort erfuhren selbst die russischen Techniker wenig verlässliche Einzelheiten. Sie mussten sich aus Erzählungen von Betroffenen ihr eigenes Bild machen. Sednjow erinnert sich daran, dass in den ersten Tagen nach der Haverie etwa 350 eiligst evakuierte Familien in Minsk untergebracht worden waren. „Viele von ihnen sind gestorben“, hat der Liquidator beobachtet. Warum er dann überhaupt nach Tschernobyl gegangen ist, wird er von den Schülern gefragt. „Es war ein Befehl“, lautet die Antwort: „Es war, als wenn ich an die Front muss.“
 

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