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Ab- und Aufbruch : Alles neu in Kiel: „Wir häuten uns als Stadt.“

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In Kiel werden munter Häuser abgerissen und neue gebaut, Kanäle geplant und Sorgenkinder gerettet. Nicht alles ist unumstritten.

shz.de von
erstellt am 25.Jul.2017 | 14:41 Uhr

Kiel | Eine städtebauliche Perle ist Kiel auch vor den heftigen Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg nicht gewesen. Und der Wiederaufbau danach war auch kein Glanzstück. Jetzt steckt Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt mitten in einer Abriss- und Aufbauphase, die ihr Bild in wenigen Jahren stark verändern wird.

Kiel wurde in der Kaiserzeit im Eiltempo zur Großstadt. Werften, Maschinen- und Fahrzeugbau, Marinehafen - die Stadt wuchs rasant. 1895 war der Nord-Ostsee-Kanal fertig, 1900 lebten 100.000 Menschen in der Stadt. Das Schönste an ihr sei die Umgebung, sagen Spötter. Ob sich das nun ändern wird, muss die Zeit zeigen.

„Wir erleben eine Gestaltungsphase wie seit Jahrzehnten nicht mehr“, sagt Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD). „Wir häuten uns als Stadt.“ Zwei Kaufhäuser wurden gerade abgerissen, auch ein Hotel und ein Nebengebäude. Ein neues Quartier mit 120 Wohnungen ist fast fertig, ein weiteres mit 213 soll im nächsten Frühjahr folgen. Insgesamt 700 Wohnungen entstehen in diesen Jahren auf einer Strecke von drei Kilometern zwischen Schloss und Hörn, dem Ende der Förde. Dazu kommen Geschäftshäuser, fünf Hotels, ein Schwimmbad. In die Innenstadt fließen 400 Millionen Euro aus privaten und öffentlichen Kassen. „Sie bekommt ein völlig neues bauliches Gesicht“, sagt OB Kämpfer.

Die neue Dynamik war noch vor Jahren nicht absehbar. Als CDU-Frau Angelika Volquartz 2003 Oberbürgermeisterin wurde, galt Kiel als schrumpfende Stadt. Prognosen sagten für das laufende Jahr 200.000 Einwohner voraus, jetzt hat sie 250.000. „Um 2003 war Katzenjammer“, erinnert sich Kämpfer. „Damals gingen die Prognosen für 2030 von 170.000 Einwohnern aus, jetzt von rund 270.000.“ Die Verwaltung muss also binnen wenigen Jahren die Planung auf 100.000 Einwohner mehr umstellen. Das betrifft auch Schulen, Kitas und die Personalstärke der Stadtverwaltung.

Der gestiegene Wohnungsbedarf hat es in sich. Kämpfer: „Von der Erteilung des Baurechts bis zum Einzug dauert es oft zwei bis manchmal acht Jahre - das ist der Flaschenhals, in dem wir stecken.“ Vor 2014 hatte die Stadt jährlich rund 300 Baugenehmigungen erteilt, die Zahl wurde verdreifacht. „Eigentlich müssten wir aber 1200 bis 1400 Wohnungen im Jahr fertigstellen“, sagt der OB. „Wir werden auch in den nächsten Jahren noch eine angespannte Lage haben.“

Kritik am Bau von Luxuswohnungen in der Innenstadt weist Kämpfer zurück. „Die will ich auch in der Stadt haben“, sagt er. „Wir haben eine Vielfalt an Wohnbedarfen in der Stadt und sollten sie nicht gegeneinander ausspielen.“ Alle Bevölkerungsgruppen müssten Platz haben. „Ich möchte einen guten Mix aus sozialem und frei finanziertem Wohnungsbau, wie an der Hörn - das wird ein Vorzeigeprojekt an einer Stelle mit nicht gerade günstigen Bodenpreisen.“

Derzeit bietet die unmittelbare Innenstadt auch traurige Anblicke. 30 Läden stehen leer, Traditionsgeschäfte gaben auf. „Das hat manchmal auch mit Unflexibilität von Eigentümern zu tun“, sagt Kämpfer. „Sie sind noch zu selten bereit, in dieser Umbruchphase realistische Mieten zu verlangen.“ Bei internationalen Immobilienfonds seien Verluste aus Leerständen in Kiel nur Rundungsbeträge in der Bilanz.

Anfang September gibt es in Rathausnähe den ersten Spatenstich für das umstrittenste Projekt namens Kleiner-Kiel-Kanal. Auf 170 Metern Länge und mindestens 9,5 Metern Breite entsteht eine künstliche Wasserfläche, die zum Verweilen einladen und Platz für Aktivitäten bieten soll. Die Befürworter erwarten eine Attraktivitätssteigerung wie am benachbarten Bootshafen, an dem sich Lokale angesiedelt haben und der sich zum beliebten Veranstaltungsort gemausert hat. Kritiker verspotten den Kleinen-Kiel-Kanal als sinnlosen „Mückentümpel“.

Kämpfer ist von dem Projekt überzeugt, das Ende 2019 fertig sein soll. 40 Millionen Euro investiert die Stadt in die Aufwertung der innerstädtischen Straßen und Plätze. Die kilometerlange Holtenauer Straße am Rande der Innenstadt ist mit vielen inhabergeführten Läden, Restaurants, Kneipen, einem Kino und Schauspielhaus für Kämpfer ein Beleg dafür, wie Engagement und Ideenreichtum aus einem tristen Gebiet ein attraktives munteres machen können.

In der City soll ein Sorgenkind bald zum Schmuckstück werden. Die Konzerthalle am Schloss ist seit langem keine Spielstätte für gehobene Ansprüche. Dass hier noch das Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF) gastiert, liegt am guten Willen des Intendanten. Doch eine Lösung ist in Sicht. Die Stadt ist bereit, den derzeit in privatem Eigentum befindlichen Konzertsaal zu übernehmen, zu sanieren und zu betreiben. Land und Stadt geben je acht Millionen Euro zur Modernisierung, dann müssten noch mindestens fünf Millionen aus Spenden hinzukommen. Frühestens 2021 könnte der Saal saniert sein. Kämpfer ist optimistisch: „Wenn alles optimal läuft, wird das SHMF nur in einer Saison ein Ausweichquartier benötigen.“

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