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Debatte um Namensgebung : Admiral Scheer wird zur Unperson

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Kritiker werfen dem Offizier Beteiligung an den Todesurteilen gegen meuternde Matrosen 1917 vor. Max Reichpietsch gehörte in Kiel zu den hingerichteten Soldaten. Kritiker verlangen deshalb, dass der Scheerhafen direkt vor dem Nord-Ostsee-Kanal umbenannt wird.

Die Bezeichnung „Platz“ ist übertrieben. Nicht einmal bei Google Maps ist der „Max-Reichpietsch-Platz“ zu finden. Dabei hat sich die Kieler Ratsversammlung 1999 einstimmig verständigt, die Rasenfläche neben der Fachhochschule nach jenem Marinesoldaten zu benennen, der Wegbereiter des Kieler Matrosenaufstandes war und dafür 1917 wegen „vollendeten Aufstandes im Kriege“ zum Tode verurteilt wurde. Maßgeblich beteiligt am Todesurteil war der damalige Chef der Hochsee-Streitkräfte, Admiral Reinhard Scheer. Nach ihm ist die Scheermole in der Wik benannt – sie ist nicht nur bei den Kielern wohl bekannt, sondern auch in Seekarten eingetragen. Zusammen mit der Tirpitzmole begrenzt die Scheermole den Kieler Marinestützpunkt.

Jakob Knab aus dem bayrischen Kaufbeuren drängt jetzt das Verteidigungsministerium, beim Zentrum für Militärgeschichte in Potsdam ein Gutachten über die Rolle des Admirals erstellen zu lassen. Scheer habe damals die drakonischen Urteile trotz erheblicher Einwände seines Rechtsberaters bestätigt. Bewusst habe er den Reichstag im Unklaren gelassen und damit gegen geltendes Recht verstoßen, so Knab. In aller Stille und höchster Eile seien die Urteile gegen Reichpietsch und seinen Kameraden – Oberheizer Albin Köbis – vollstreckt worden. Obwohl ein internes Gutachten für das Reichsmarineamt erklärte, der Tatbestand des „vollendeten Aufstandes“ sei kaum zu konstruieren, hatten die Angeklagten im Schauprozess keine Chance.

„Das war in der Tat ein Fehlurteil“ räumt auch Jann Witt ein, renommierter Militärhistoriker des deutschen Marinebundes in Kiel. „Die beiden haben gegen die menschenunwürdige Behandlung durch jüngere Offiziere und gegen die schlechte Versorgung protestiert“, erklärt er. Doch „von einem Todesrichter Scheer zu sprechen geht eindeutig über das Ziel hinaus“, so Witt. Die Sorge in der Admiralität , dass es ähnlich wie bei der russischen Revolution 1917 auch in Deutschland zu Angriffen auf Offiziere kommen könnte, sei damals groß gewesen. Wichtig sei es, die Personen aus ihrer Zeit heraus zu beurteilen. Früher habe man nur in Militärkategorien gedacht. „Zum Glück hat sich da bei uns viel geändert“, meint Witt.

Doch Knab ruft jetzt den Petitionsausschuss des Bundestages um Unterstützung für die Umbenennung an. Der studierte Theologe wurde durch Kritik an der Traditionspflege der Bundeswehr bekannt, insbesondere an einer bis 1995 nach Eduard Dietl benannten Kaserne in Füssen. Knab ist der Gründer und Sprecher der „Initiative gegen falsche Glorie“ und bezieht sich in seiner Petition zur Überprüfung der Namensgebung „Scheermole“ auf die Richtlinie zum Traditionsverständnis in der Bundeswehr. Danach sollen „Zeugnisse, Haltungen und Erfahrungen aus der Geschichte bewahrt werden, die als ethische und rechtsstaatliche, freiheitliche und demokratische Traditionen auch für unsere Zeit beispielhaft und erinnerungswürdig sind.“

Vor zwei Jahren konnten die Kieler bei der Diskussion über das Hindenburgufer erleben, wie die Namensgebung öffentlicher Straßen sich zu einem hoch emotionalen Kampf um die Deutung der Geschichte entwickeln kann. Droht der Scheermole jetzt das gleiche Schicksal, wie dem Hindenburgufer? Kritik an der Benennung von Straßen und Plätzen nach Scheer gab es zuvor bereits in Essen. Der Marineoffizier stehe bis heute für die Strategie des „uneingeschränkten U-Boot-Krieges“, bei dem Schiffe neutraler Staaten angegriffen wurden und der keine Rettung Schiffbrüchiger vorsah, so die dortige Kritik, die bislang ins Leere lief.

Das Andenken an den Seeoffizier wird auch im „Hotel Admiral Scheer“ in Laboe am Fuße des Marine-Ehrenmals hochgehalten. Zu Recht, wie Witt betont. Natürlich dürfe man Straßen und Plätze „nicht nach Menschen benennen, die tief verstrickt in ein Unrechtssystem waren“, doch in diese Kategorie falle Scheer nicht. Er habe zwar Reichpietschs Todesurteil bestätigt , dafür aber dessen Mitangeklagte begnadigt, mahnt Witt. Das sieht die Linke anders. Gegen die Admiral-Scheer-Straße in Eckernförde machte sie – bislang erfolglos – Stimmung: Dass heute noch Straßen nach den Militaristen und imperialistischen Kriegstreibern Scheer und Tirpitz benannt sind, sei nach den Katastrophen zweier verheerender Weltkriege nicht mehr akzeptabel.

In Kiel hat es übrigens auch schon eine Admiral-Scheer-Straße gegeben. 1936 wurde die Dorfstraße in der Wik geteilt und in Hindenburgufer und Admiral-Scheer-Straße (Einmündung Feldstraße bis Düvelsbeker Weg) umbenannt. Letztere wurde 1947 in die heutige Feldstraße einbezogen, damit war das Problem behoben. Vielleicht würde heute ein sichtbares Gedenken an Reichpietsch helfen, die aufflammende Scheer-Diskussion zu entkrampfen. Zum Beispiel durch die Benennung einer Straße, die man auch per Navigationssystem findet.

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erstellt am 11.Aug.2017 | 18:40 Uhr

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