24-Stunden-Lesung : Abenteuerreise zu Moby Dick

Auge in Auge mit dem Schwertwal:  Im Zoologischen Museum lief für 24 Stunden (und eine halbe) die Lesung von „Moby Dick“.
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Auge in Auge mit dem Schwertwal: Im Zoologischen Museum lief für 24 Stunden (und eine halbe) die Lesung von „Moby Dick“.

Insgesamt 200 Zuhörer verfolgten die komplette Lesung des berühmten Walfänger-Romans von Herman Melville im Zoologischen Museum. Die Atmosphäre war einzigartig: Im Schatten der mächtigen Walskelette konnte sich der Zuhörer in die Zeit der gefährlichen Waljagd hineinfühlen.

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21. Januar 2018, 17:52 Uhr

Auf dem Linoleum knarzten die Schritte wie auf den hölzernen Decksbohlen. In Öljacke und Südwestern stapften die Wachegänger an der Balustrade entlang, als wäre es die Reling des Segelschiffes. Alle halbe Stunde schlug der Wachoffizier die Schiffsglocke, bei jedem zweiten Auftritt drehte er das Stundenglas mit dem hellen Sand um. Im Zoologischen Museum durfte sich der Besucher am Wochenende wie auf einem alten Walfängerschiff fühlen: Das Kieler Jugendtheater aus dem Werftpark hatte zu einer 24-Stunden-Lesung des berühmten Abenteuerromans „Moby Dick“ eingeladen.

„Eine Super-Idee“, befanden etwa Ingrid und Klaus Richter. Sie waren von Beginn an dabei – das war morgens um 10 Uhr – und wollten im großen Saal neben den mächtigen Walskeletten so lange zuhören, „wie wir’s aushalten“. Stundenlang lauschten sie den Worten der elf Vorleser und Schauspieler, spätabends ging das ältere Ehepaar hochzufrieden nach Hause.

Für die Jugendtheater-Chefin Astrid Großgasteiger war es ein einzigartiges Experiment. Und ein gelungenes, wie sich am nächsten Morgen um 10.30 Uhr herausstellen sollte. Nicht eine einzige Minute lang war der Saal leer, auch in den Stunden nach Mitternacht nahmen neue Besucher Platz, während andere vor der Tür ein wenig Luft schnappten und später vielleicht zurückkehrten. Es war ähnlich wie die Wacheinteilung an Bord der „Pequod“ zu alten Walfängerzeiten.

Auch das blaue Licht, das Museumsleiter Dirk Brandis mit Beginn der Dämmerung eingeschaltet hatte, trug zur maritimen Atmosphäre bei. Insgesamt 200 Gäste verfolgten abschnittsweise die Jagd des rachsüchtigen Kapitäns Ahab auf den weißen Wal, jenen Leviathan, der ihm einst das Bein ausgerissen hatte. Auf den sicheren Stühlen direkt unterhalb des 13 Meter langen Skeletts einer jungen Blauwalkuh – sie war 1881 auf einer Sandbank zwischen Sylt und Amrum gestrandet – erhielt man einen vagen Eindruck von den Gefahren, die einst den Walfängern beim Harpunieren von Moby Dick drohten.

„Erleichtert und glücklich“ zeigte sich Astrid Großgasteiger, als gestern Vormittag gegen 10.30 Uhr die letzte der 860 Roman-Seiten gelesen war. Und auch ein wenig stolz auf ihr Ensemble nach der Mammut-Veranstaltung: „W8ir sind zu allem bereit.“

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