Jochen Kiersch im Ruhestand : 37 Jahre lang für die Mieter gekämpft

Er hinterlässt große Fußstapfen: Jochen Kiersch (l.) und seine Nachfolger Heidrun Clausen und Carsten Wendt. Sie teilen sich das Amt.
Er hinterlässt große Fußstapfen: Jochen Kiersch (l.) und seine Nachfolger Heidrun Clausen und Carsten Wendt. Sie teilen sich das Amt.

Jochen Kiersch, Urgestein beim Kieler Mieterverein, geht in Ruhestand. Beim Rückblick auf turbulente Zeiten erinnert er an die Aufstellung des ersten Betriebskostenspiegels 1992. Vom Oberbürgermeister Ulf Kämpfer erwartet Kiersch deutlich mehr Einsatz für den Wohnungsbau, er müsse mehr liefern als Versprechungen aus dem Wahlkampf.

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18. Dezember 2014, 18:22 Uhr

Er hatte selbst Ärger mit dem Vermieter. Damals, als Jurastudent, wohnte Jochen Kiersch in der Nähe von Hamburg im Dachgeschoss eines Mehrfamilienhauses. „Im Sommer wurde man gegrillt, im Winter erfror man“, erinnert er sich. Die Wohnung war schwarz gebaut worden. Das erfuhr der junge Mann beim Bauamt. Dort war gar kein Dachgeschoss bekannt. Deshalb trat Kiersch 1976 dem Mieterverein bei. Es sollte der Anfang eines langen Lebenskapitels werden: Kiersch engagierte sich ehrenamtlich im Vorstand, arbeitete in der Rechtsberatung, brach sein Studium ab. Während einer Krise des Vereins wurde er Mitte der 80er-Jahre Vorsitzender und hauptamtlicher Geschäftführer. Nach insgesamt 37 Jahren voller Kämpfe für Mieterrechte geht Jochen Kiersch jetzt in den Ruhestand.

Auch wenn er weiterhin ehrenamtlich auf Stadt- und Landesebene für Mieterrechte tätig sein wird: Als Geschäftsführer des Kieler Mietervereins hat er heute seinen letzten Arbeitstag. „Ich bin hin- und hergerissen“, sagt Jochen Kiersch über sein Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben. „Die Arbeit macht noch Spaß. Andererseits – wenn draußen schönes Wetter ist, fahre ich gern Rad, dann geht’s mir gut.“ Die Hektik so kurz vor dem Absprung, die kriege er auch noch hin, sagt Kiersch.

Das Aufstellen des ersten Kieler Mietspiegels im Jahr 1992 zählt er zu seinen Erfolgen, ebenso gibt es einen Betriebskostenspiegel in Kiel – „eine Rarität“, so Kiersch. Der Kieler Mieterverein sei gut organisiert, habe einen guten Namen und leiste ordentliche Arbeit. Auch das sieht der 67-Jährige als seinen persönlichen Beitrag und Verdienst an.

In diesem Jahr feierte der Verein sein 100-jähriges Bestehen, vertritt aktuell er rund 18  000 Mitglieder. Größere Veränderungen bei den Zahlen erwartet Kiersch nicht. Doch die Bedürfnisse haben sich verändert: Der Anteil der sozial schwachen Mitglieder wächst, der mehr Unterstützung braucht. „Früher haben einige Mieter wegen 200 Mark keinen Aufstand gemacht. Die meisten sagen heute: Zehn Euro sind auch Geld.“ Der Streit mit privaten Vermietern lief früher persönlicher ab. Heute zieht die Mieterorganisation gegen institutionelle Anbieter oder Finanzinvestoren vor Gericht. Ein zäher Kampf mit mehr Frustpotenzial: Die Fälle schleppen sich hin. Mieter werden in der Zwischenzeit, so Kiersch, „drangsaliert“. Das mache keinen Spaß, sei anstrengend.

Auch an so manche Konflikte mit der Stadt Kiel erinnert sich der Mietrechts-Experte. Nicht alle Kämpfe hat er gewonnen. Am heutigen Sophienhof hatte er den Abriss alter Häuser zu Gunsten des Einkaufszentrums verhindern wollen. Er scheiterte – „aber wir haben Rabatz gemacht“, betont Kiersch. Die Stadt habe sich, was Wohnraum angeht, nicht verbessert, meint er.

Auch wenn das ein schweres Geschäft sei: Von Oberbürgermeister Ulf Kämpfer erwartet Jochen Kiersch mehr als Wahlkampf-Versprechungen. „Ich nehme ihm nicht ab, dass er ein warmes Herz für den Wohnungsbau hat“, kritisiert Kiersch. Auch ist er enttäuscht, dass Kämpfer keine Notwendigkeit und nicht die finanziellen Mittel für die Neugründung einer Wohnungsbaugesellschaft sieht.

Man kann es ruhig so sagen: Kiersch gilt in Kiel als eine Institution. Nicht nur unter den Vereinsmitgliedern, sondern auch im Rathaus, im Kieler Innenministerium, bei Haus & Grund und anderen Vermieter-Organisationen. Nicht alle lieben den hartnäckigen Mahner – wenig überraschend. Aber den Respekt hat Kiersch sich erarbeitet. Deshalb hinterlässt Jochen Kiersch auch große Fußstapfen für seine Nachfolger. Heidrun Clausen und Carsten Wendt werden sich das Amt teilen und unterschiedliche Schwerpunkte setzen: „Eine 50-Stunden-Woche wie bei ihrem Vorgänger wollen beide nicht“, sagt Jochen Kiersch, und ein wissendes Lächeln flitzt über sein Gesicht.

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