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30-Jähriger gesteht tödliche Schläge

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Prozess: Vorbestrafter Gewalttäter trat Rentner ins Gesicht

Er steht nicht zum ersten Mal vor Gericht, er hat sich vorbereitet. Die kurzen, roten Haare ordentlich zur Seite gekämmt. Ein glänzendes Sakko übergezogen. Die Fingernägel sauber geschnitten, die schwarzen Schuhe geputzt. Schwer vorzustellen, wie Sascha Raimund Z. (30) im Jogging-Anzug und Base-Cap mit seinen Fäusten eine Kielerin (43) und ihren Vater (72) bei einem Streit auf offener Straße hart ins Gesicht geschlagen haben soll. Wie er mit dem rechten Fuß den Rentner so brutal treten konnte, dass dieser mit dem Hinterkopf auf dem Asphalt aufschlug, ins Koma fiel, sechs Tage später an schweren Hirnverletzungen verstarb. Dies wird die 8. Strafkammer des Kieler Landgerichts an voraussichtlich drei Prozesstagen versuchen zu klären. Wegen Totschlags muss sich der Angeklagte seit gestern dort verantworten. Er ist als Gewalttäter vorbestraft, stand zum Tatzeitpunkt vor vier Monaten unter Bewährung.

Es passiert am Morgen des 17. Mai. Sascha Raimund Z. holt in Kiel-Dietrichsdorf eine Ex-Freundin und deren Tochter von der Kita ab. Dabei sind auch die beiden jungen französischen Bulldoggen „Elvis“ und „Jake“. An einer Baustelle müssen sie die Straße überqueren. Laut Anklage hält die Kielerin Melanie S. da in ihrem Kombi an der Baustelle verkehrsbedingt an, mit Vater Ulrich B. als Beifahrer. Sie setzt kurz zurück. Dabei soll sie den Angeklagten und Hund „Jake“ übersehen haben. Der 30-Jährige wird wütend, schlägt der Anklage zufolge mit der Hand auf die Heckscheibe. Er beschwert sich – der Hund wäre fast überfahren worden. Ein Streit entbrennt, zuerst verbal und zwischen der Kielerin und dem Angeklagten, später mit Faustschlägen, Schubsen, Zerren an der Kleidung. Dann mischt sich der Senior ein – eine fatale Entscheidung.

Den genauen Tathergang kann das Gericht am ersten Verhandlungstag nicht rekonstruieren. Zu unterschiedlich die Aussagen des Angeklagten, von Melanie S. und der Ex-Freundin des Angeklagten, die alles mit angesehen hat.

Sascha Raimund Z. selbst gibt die Prügelei zu. Einen Vorsatz will er aber nicht gehabt haben: „Ich will ja nicht abstreiten, dass ich den Mann getroffen habe mit der Faust“, sagt er. „Aber ich habe keine gezielten Faustschläge gemacht.“ Wegen früherer Gewaltdelikte war Z., der einen Hauptschulabschluss hat, mehrmals zu Anti-Aggressions-Trainings verdonnert worden, die er nicht durchhielt. Deswegen musste er bereits ins Gefängnis. Nach eigener Aussage hatte er noch drei Wochen vor der Tat freiwillig eine neue Gruppe besucht – und sich dann krank gemeldet. Er wirkt unbeteiligt vor Gericht. Nur einmal kommen ihm die Tränen. Als er berichten soll, warum er seinen Vater bestohlen hat – trotz eines guten Verhältnisses. Da schweigt der junge Mann und schluckt. „Ich habe ein Spiel-Problem gehabt. 2012 war es extrem. Da habe ich 20 000 Euro im Monat verspielt.“ Sein Bedauern über den Tod des Rentners klingt dagegen wie eine Phrase: „Das tut mir unendlich Leid, das wollte ich nicht.“ Begreifen könne er sein Verhalten auch nicht.

Melanie S., deren Nase der Angeklagte in dem Streit blutig schlug, beschreibt ihn so: „Wie eine Maschine“ habe der Mann auf sie in seiner Wut gewirkt: „Die Augen wurden plötzlich ganz aggressiv.“ Die Schläge seien nur so auf sie und ihren Vater eingeprasselt – „auch gezielt“.

Bemerkenswert widersprüchlich gibt die Ex-Freundin (28) die Prügelei wider. Von einem „Gnadenstoß“ spricht sie kurz nach der Tat gegenüber der Polizei. Sie meint den Tritt ihres Ex-Freundes gegen das Kinn des Rentners, und zwar „volle Granate. Wie tot ist der Mann umgeklappt“. Nun sitzt Sascha Raimund Z., mit dem sie immer noch gut befreundet ist, auf der Anklagebank. Da will sie von der rohen Gewalt nichts mehr wissen. Staatsanwalt und Richter werfen ihr Falschaussage vor.

Den Angeklagten erwarten maximal 15 Jahre Haft. Die Hinterbliebenen von Ulrich B. sind Nebenkläger – und Gefangene ihrer Gefühle aus Trauer und Schmerz. „Dieser Mensch hat unsere Familie zerstört“, sagt Melanie S., die im Gerichtssaal um Fassung ringt. Auch ihre Mutter kann den Verlust kaum akzeptieren: „Ich muss zum Friedhof gehen, um zu begreifen – er kommt nicht wieder.“ Der Prozess wird heute fortgesetzt.

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erstellt am 17.Okt.2013 | 00:32 Uhr

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