Freispruch in Kiel : 108 Kilo Falschsilber verkauft – doch eine Strafe gibt es nicht

Seit gut 30 Jahren in der Branche tätig: Boris Schmidt (hier neben einem Container mit Kupferdrähten) kaufte 108 Kilo falschen Silbers an.
Seit gut 30 Jahren in der Branche tätig: Boris Schmidt (hier neben einem Container mit Kupferdrähten) kaufte 108 Kilo falschen Silbers an.

37.000 Euro für 108 Kilo angeblichen Reinsilbers kassierte ein Trio kassierte von einem Metallhändler in Kiel. Doch in Wahrheit steckte viel Kupfer und Zinn in den kleinen Kügelchen.

shz.de von
16. Januar 2015, 18:03 Uhr

Kiel | Boris Schmidt ist auf die Kieler Justiz zurzeit nicht gut zu sprechen. Der Inhaber eines Metallhandel-Unternehmens im Gewerbegebiet am Grasweg ist verärgert über ein Urteil aus dem Amtsgericht. Mit einem Freispruch endete nämlich das Verfahren gegen drei junge Angeklagte, obwohl sie Schmidt für 37.000 eine große Charge falschen Silbers verkauft haben. Den Großteil des Geldes kann Schmidt abschreiben. Das Gericht meldete aber Zweifel an, ob das Trio von der falschen Zusammensetzung der Ware tatsächlich gewusst hatte.

Denn sowohl der Experte einer Pfandleihe aus Neumünster wie auch der Kieler Metallhändler konnten die wahre Beschaffenheit der Ware nicht erkennen. Die kleinen angeblichen Silberkügelchen müssen äußerst geschickt hergestellt worden sein. Weder die Sichtprüfung noch das Wiegen ließen einen Verdacht aufkommen, auch die Untersuchung mit dem Laser-Scanner kam zu dem Ergebnis, dass der Edelmetall-Anteil bei mindestens 95 Prozent liegt. Erst in der Scheideanstalt – an die Schmidt das Material ausgeliefert hatte – konnte die wahre Beschaffenheit ermittelt werden: viel Zinn und Kupfer, wenig Silber.

Zu diesem Zeitpunkt war es aber bereits zu spät. Schmidt hatte insgesamt 108 Kilo angekauft und dafür gut 37.000 Euro bezahlt. Der Wert der Ware lag aber bei nur 4000 Euro. Der Metallhändler gab vor Gericht zu Protokoll, dass er solch einen Fall noch nicht erlebt habe. Er kennt auch keine praktische Anwendung für die Metallkugeln mit dem vergleichsweise dicken Silberauftrag und ist sogar überzeugt, dass die Ware einzig für den geschickten Betrug hergestellt worden ist.

Woher das Material letztendlich kam, blieb ungeklärt. Das Trio will es für 27.000 Euro von einem Russen oder Polen namens Dimitri erworben haben, den einer der Angeklagten in einer Spielhalle in Neumünster kennen gelernt haben will. „Ein schmieriger Typ mit fettigen Haaren, der fürchterlich roch. Ins Restaurant gehen würde ich mit ihm nicht“, erklärte der Wortführer. Die genaue Adresse oder gar einen Personalausweis ließ er sich aber nicht zeigen, er wusste nur noch, dass der Erstverkäufer in einem rostigen Auto vorgefahren war.

Es blieb nicht die einzige Ungereimtheit im Verfahren. Denn die Summe von 27.000 Euro musste sich das Trio zusammenleihen. Einer der Geldgeber erklärte vor Gericht, dass er seinen Freunden 8000 Euro ausgelegt hätte, ohne die Details zu hinterfragen. Zum Zeitpunkt seiner Befragung war er, wie sich später herausstellte, bereits aus seiner Wohnung in Neumünster mit unbekanntem Ziel verzogen – darüber informierte er das Gericht aber nicht. So sprach der Staatsanwalt denn auch von einem „instruierten Zeugen“, er verlangte nebst zwei Freisprüchen eine Strafe von 5400 Euro für den Hauptangeklagten.

Doch die Richterin mochte ihm nicht folgen. Trotz aller „Auffälligkeiten“ und der wenig seriösen Geschäftemacherei sei nicht auszuschließen, dass das Trio selbst Opfer eines Betruges geworden sei. Sie verkündete nach ihrer Abwägung letztendlich den Freispruch.

Und Boris Schmidt, immerhin seit über 30 Jahren in der Branche tätig, ärgert sich nicht allein über die Justiz, sondern auch über sein eigenes Verhalten. Er zieht aus dem Verfahren den Schluss, dass er künftig nur noch Material ankauft, das er präzise analysieren kann. „Im Zweifelsfalle verzichte ich lieber auf das Geschäft.“  

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