Gestiegener Mindestreferenzwert : Heringsfischerei in westlicher Ostsee verliert MSC-Ökosiegel

Ostsee-Hering im Hafen von Stahlbrode in Mecklenburg-Vorpommern.
Hering ist einer der beliebtesten Speisefische in Deutschland.

Wegen einer Veränderung der Referenzwerte gilt der Bestand als gefährdet. Die Fischer befürchten Einkommenseinbußen.

shz.de von
23. August 2018, 07:08 Uhr

Rostock/Sassnitz | Die deutsche Herings-Schleppnetzfischerei in der Ostsee hat das MSC-Ökosiegel verloren. Es sei suspendiert worden, sagte der Direktor des Thünen-Instituts für Ostseefischerei, Christopher Zimmermann. Vom 1. September an darf damit kein Hering aus der westlichen Ostsee mehr als MSC-zertifiziert verkauft werden. Der Fischereibiologe Zimmermann ist zugleich Mitglied des Technischen Beratenden Gremiums des MSC.

Begründet wird der Schritt mit den bereits im Frühjahr nach oben korrigierten Richtwerten für einen nachhaltigen Biomasse-Bestand an Heringen. Damit galt der tatsächliche Bestand automatisch als gefährdet. Die Fischer befürchten massive Einkommenseinbußen.

Mindestreferenzwert heraufgesetzt

Die Suspendierung des Ökosiegels hatte sich in den vergangenen Monaten bereits angedeutet. Der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) – ein international besetztes Gremium von Fischereibiologen – hatte den Mindestreferenzwert für die notwendige Biomasse an erwachsenen Heringen in der westlichen Ostsee von 90.000 Tonnen auf 120.000 Tonnen heraufgesetzt und ein Fangverbot empfohlen.

Der aktuelle Hering-Bestand mit derzeit etwa 105.000 Tonnen lag damit schlagartig unter dem Referenzwert. Die Änderung der Referenzwerte wurde mit einer breiteren Datenbasis und besseren Rechenmodellen begründet – war also ein technischer Schritt.

Obwohl es inzwischen erste Signale gibt, das Fangverbot abzuwenden und stattdessen die Quoten stark zu reduzieren, befürchten die Schleppnetzfischer erhebliche Einkommenseinbußen. Weil der Hering nicht mehr das Siegel trage, würden die Preise sinken, sagte der Geschäftsführer der in Cuxhaven ansässigen Kutterfisch-Zentrale, Kai-Arne Schmidt. Mit acht Fahrzeugen in Sassnitz befischt das Unternehmen eigenen Angaben zufolge rund 50 Prozent der deutschen Ostseequote.

Großhandelsketten nehmen Fisch ohne Siegel kaum mehr ab

Sein Unternehmen habe rund 60.000 Euro in die Zertifizierung investiert – Kosten, die man eigentlich über einen langen Zeitraum reinvestieren wollte, beklagte Schmidt. Er befürchtet, dass der Verkauf von Ostseehering nun deutlich schwerer wird – vor allem in Deutschland, wo kaum noch Hering ohne Ökosiegel abgesetzt werden kann. Alternativ müsse der Fisch zu niedrigeren Preisen nach Dänemark oder Polen verkauft werden.

„Wir machen dem MSC gar keinen Vorwurf. Der hat nach seinen vorgegebenen Standards gearbeitet“, sagte Schmidt. Das Problem liege bei der Wissenschaft, die einfach vom Schreibtisch aus die Referenzwerte verändert habe.

Fraglich ist, ob im EuroBaltic-Fischwerk in Sassnitz, das rund 80 Prozent der deutschen Ostsee-Heringsquote verarbeitet, nach dem Wegfall des Siegels überhaupt noch Ostseehering angenommen wird. „Wir prüfen derzeit, wie Non-MSC-Fisch am Markt im In- und Ausland platziert werden kann“, sagte Geschäftsführer Uwe Richter. In Deutschland sei das schwierig, weil Großhandelsketten kaum Fisch ohne Ökosiegel verkaufen. Rund 20 Prozent der im Fischwerk verarbeiteten 50.000 Tonnen Hering stammen aus der Ostsee.

Es kann passieren, dass der der ICES im März 2019 die Referenzwerte wieder nach unten korrigiert. Denn in Kürze wollen die Fischereibiologen um Zimmermann eine Studie veröffentlichen, aus der deutlich wird, dass der Rückgang des Heringsnachwuchses in der Ostsee klimabedingte Ursachen hat. Wegen höherer Wassertemperaturen könnten sich Larven nicht mehr optimal entwickeln, erläuterte der Wissenschaftler, selbst Mitglied des ICES. Werde diese Argumentation vom Gremium anerkannt, müsse der Referenzwert wieder gesenkt werden, weil sich der Bestand dauerhaft verkleinert.

Auch Schweden und Dänemark betroffen

Zimmermann bedauert, dass er sich in diesem Jahr mit dieser Argumentation im ICES noch nicht durchsetzen konnte. Sollte der Bestand 2019 wegen des neuen Rechenansatzes aus dem gefährdeten Bereich rutschen und wieder MSC-zertifizierbar sei, bedeute das nicht, dass man die Fischerei wie bislang fortsetzen könne, warnte er. Es müsse langfristig zu einer deutlichen Reduzierung der Quoten kommen. Zimmermann spricht von einer schwierigen Gratwanderung. „Einerseits muss sich der Bestand weiter erholen, andererseits wollen wir, dass die Fischerei in der Ostsee erhalten bleibt. Dafür ist das Siegel eine wichtige Größe.“

Die Stellnetzfischer im Nordosten lassen ihr Zertifizierungsverfahren ruhen bis die Referenzwerte wieder korrigiert sind, wie der Vizechef des Landesverbands der Kutter- und Küstenfischer, Michael Schütt, sagte. „Das Hin und Her mit den Referenzwerten kann kein Fischer nachvollziehen.“ Auch der schwedischen Schleppnetzfischerei in der westlichen Ostsee wurde das Ökosiegel entzogen, den Dänen droht der Entzug. Die Schweden und Dänen fischen auf denselben Bestand wie die deutschen Fischer, wie Zimmermann sagte.

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