Student nimmt Inventar auf : Zuhause bei Helmut Schmidt

„Ich habe hier jedes Buch in der Hand gehabt“: Geschichtsstudent Hendrik Heetlage fotografiert im Arbeitszimmer von Altkanzler Helmut Schmidt das Inventar.
„Ich habe hier jedes Buch in der Hand gehabt“: Geschichtsstudent Hendrik Heetlage fotografiert im Arbeitszimmer von Altkanzler Helmut Schmidt das Inventar.

Der Geschichtsstudent Hendrik Heetlage inventarisiert das Wohnhaus des verstorbenen Altkanzlers in Hamburg-Langenhorn.

shz.de von
07. August 2018, 19:51 Uhr

„Wir sind die Schmidts“ steht auf dem Schild im Flur, der in das holzvertäfelte Erdgeschoss des Hauses in Hamburg-Langenhorn führt. Hendrik Heetlage, 28, Masterstudent der Geschichte, betritt den Wohnbereich – auf das rote Sofa setzen will er sich nicht, er ist zum Arbeiten hier. Bis zu seinem Tod 2015 hat Helmut Schmidt, fünfter Bundeskanzler der Bundesrepublik, in dem Haus gelebt.

Heetlage ist nun mit der Bestandsaufnahme im Wohnhaus beschäftigt. „Spannend wird die Inventarisierung dadurch, dass viele kleine Dinge seinen Charakter beschreiben“, sagt er. Die Helmut-Schmidt-Stiftung will das Haus, in dem der Altkanzler seit 1961 mit seiner 2010 verstorbenen Frau Loki gewohnt hatte, für kleinere Besuchergruppen öffnen.

„Es geht nicht darum, diesen Standort zu glorifizieren, sondern ihn behutsam zu öffnen für alle Menschen, die sich dafür interessieren, wie Helmut und Loki Schmidt hier über 50 Jahre gelebt haben“, sagt Stiftungssprecher Ulfert Kaphengst. Seit April 2017 arbeitet Heetlage im Haus der Hamburger Ehrenbürger – bis zu 20 Stunden pro Woche. Um das Haus zu inventarisieren, legt er eine Datenbank an, die schon über 5500 Einträge fasst. In der Auflistung findet sich jedes Bild, jedes Buch und jedes Taschentuch. Im Spätsommer will er fertig werden.

Heetlage betritt „Ottis Bar“ – benannt nach Schmidts langjährigem Personenschützer Ernst-Otto Heuer. Derzeit nehme er alle Gegenstände in der Hausbar in die Datenbank auf. Die Details der Einrichtung verraten viel über den Altkanzler, sagt Kaphengst. „Wenn man in das Haus kommt, bekommt man einen Eindruck davon, wie universell interessiert Helmut Schmidt war.“ Kunst diverser Epochen, politische und philosophische Literatur, ein Flügel, an dem Schmidt spielte – all dies zeige seinen Wissensdurst.

Ziel der Stiftung sei es, das Haus für Besucher begehbar zu machen. Dennoch solle alles weiter so aussehen wie zu Lebzeiten Schmidts, sagt Kaphengst. „Es ist ein ganz normales Wohnhaus, was die Nutzbarkeit als Ausstellungsort oder Museum begrenzt.“ Wenn die Inventarisierung fertig ist, wolle man die Geschichte hinter dem Mobiliar ergründen, so der Stiftungssprecher. Dann könne man ab voraussichtlich 2019 Führungen für Kleingruppen und Veranstaltungen anbieten.

Heetlage geht die Treppe hinauf, auf dem Weg in das Arbeitszimmer des Altkanzlers. Blitzende Kuriositäten füllen die Vitrinen. Ein Schachbrett, das der Altkanzler in Kriegsgefangenschaft geschnitzt hat, Münzen, Schnupftabakdosen. Und, wie in jedem Raum des Hauses, Zigarettenkisten aller Größen.

Besonders eine Auszeichnung in der Vitrine hat Heetlage in Erinnerung behalten: Eine opulente Freundschaftsmedaille, verliehen vom US-Politiker George P. Shultz. „Das ist typisch, dass Helmut Schmidt politische Freundschaften auch privat gepflegt hat“, sagt Kaphengst. Auf dem altehrwürdigen Sofa saßen Leonid Breschnew und Willy Brandt. Nicht selten seien Staatsgäste im ehemaligen Kinderzimmer untergebracht worden. Ein inoffizieller Regierungssitz mitten in einer Wohnsiedlung? „Helmut und Loki Schmidt haben sehr viel Wert auf die Normalität gelegt, die das Haus ausstrahlt“, so Kaphengst. Das Haus erschließen als Ort der Erinnerung an die Schmidts – das sei das Ziel seiner Arbeit, sagt Heetlage. Der Schutz des Hauses habe oberste Priorität, betont Kaphengst. „Wir werden alles so organisieren, dass dieses Haus so erhalten bleiben kann, wie Helmut Schmidt das ausdrücklich in seinem Testament festgehalten hat.“

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