Hamburg-Jenfeld : Zeltstadt für 800 Flüchtlinge in Hamburg: DRK startet zweiten Versuch

Das Deutsche Rote Kreuz wurde am Donnerstag am Aufbau gehindert. Am Freitag sollen die 50 Zelte aufgestellt werden.

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10. Juli 2015, 17:14 Uhr

Hamburg | „Stellt die Zelte doch auf dem Rathausmarkt auf oder an der Alster.“ Hamburgs Innenstaatsrat Bernd Krösser schlug am Freitag bissige Ironie entgegen, als er in Jenfeld aufgebrachten Anwohnern den Aufbau einer Flüchtlingszeltstadt vor ihrer Haustür erklären musste. Immer wieder gab es Zwischenrufe, teils auch Pöbeleien, während Helfer des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) im Moorpark etwa 50 Zelte als Notunterkünfte für 800 Asylbewerber aufstellten.

In Neumünster wird derzeit die Sporthalle einer Schule für Geflüchtete vorbereitet. Zuvor gab es einen Hilferuf aus dem Landesamt für Ausländerangelegenheiten, wonach die Lage in der Erstaufnahme-Einrichtung am Haart mehr als angespannt sei. Am Freitagabend sollen die ersten der maximal 400 Flüchtlinge einziehen können.

Am Donnerstagabend hatte der Zorn der Bürger die Errichtung der provisorischen Erstaufnahmeeinrichtung noch verhindert. Trotz Anwesenheit der Polizei waren die DRK-Helfer unverrichteter Dinge wieder abgezogen, nachdem mehrere Dutzend Jenfelder gegen die Zeltstadt protestiert und einige die Zufahrt zum Park versperrt hatten.

Am Freitag nun gelang der Bau der provisorischen Unterkünfte unter dem Schutz der Polizei. Am Morgen hatten Sicherheitskräfte den kleinen Stadtteilpark eingezäunt, der inmitten eines dichtbesiedelten Quartiers liegt. In Sichtweite zur neuen Flüchtlingsunterkunft befinden sich mehrere größere Mehrfamilienwohnblocks. Zu tätlichen Auseinandersetzungen kam es nicht.

Was die Jenfelder besonders erbost: Niemand hatte sie vorab über das Aufstellen der Zeltstadt informiert. Staatsrat Krösser erklärte dies den Anwohnern mit dem immer größeren Andrang von Flüchtlingen, die nach Hamburg kommen. Allein in der Nacht zu gestern seien es 300 gewesen. Krösser: „Wir müssen die Leute sofort unterbringen. Ich kann den Menschen doch schlecht sagen, wir können euch kein Dach über dem Kopf bieten, weil die Bürger noch nicht informiert sind.“

Viele Bürger zeigten gestern vor Ort Verständnis für die Notlage der Stadt und die der Asylbewerber. Viele allerdings auch nicht. Anwohnerin Ilona Suhr will die Naherholungsfläche auf keinen Fall hergeben: „Das ist ein Park, und wir haben Kinder, und wir wollen unsere Ruhe.“ Ein Anwohner fragte den Staatsrat empört: „Warum baut ihr nicht auf dem Rathausmarkt ein Containerdorf? Oder will der Olaf da nicht draufschauen?“ Andere Anwohner hielten dagegen. Mit solchen Äußerungen spiele man „Neonazis und Rassisten“ in die Hände, sagte ein junger Mann. Ein anderer bekannte: „Hamburg macht was, und das finde ich toll.“

Die Bürgerschaftsfraktionen von SPD und Grüne baten die Hamburger um Verständnis. In dieser Situation seien Notmaßnahmen unumgänglich, um eine Obdachlosigkeit der Flüchtlinge zu vermeiden. „Wenn sich die Lage nicht entspannt, wovon wir leider nicht ausgehen können, wird es in den nächsten Monaten und Jahren noch zahlreiche zusätzliche Unterkünfte geben müssen, überall in der Stadt, in allen Stadtteilen“, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung.

Wie berichtet, hatte Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) am Dienstag angekündigt, dass im Stadtgebiet mehrere Zeltstädte für Asylbewerber als Notmaßnahme errichtet werden müssten. Standorte nannte er nicht. Hintergrund ist der starke Zulauf von Flüchtlingen. In Hamburg meldeten sich im ersten Halbjahr 2015 mehr als 12.000 Hilfesuchende und beantragten um Asyl – eine Verdoppelung gegenüber dem Vorjahr. Alle diese Menschen muss der Stadtstaat zunächst in Erstaufnahmeeinrichtungen betreuen. Später wird etwa die Hälfte der Asylbewerber auf andere Bundesländer weiterverteilt. Doch die Kapazitäten der Erstaufnahme-Stellen sind erschöpft. Allein in der Nacht zum Freitag hatten demnach 298 Flüchtlinge vor den überlasteten Erstaufnahme-Stellen gewartet, sagte der Sprecher der Innenbehörde, Frank Reschreiter. Ende Juni habe es 5257 reguläre Erstaufnahmeplätze gegeben. Seitdem seien es mit Notplätzen in Zelten und Schulen 6681 geworden. Mit Stand Dienstag vergangener Woche hätten bereits 820 Asylbewerber an vier Standorten unter Zeltplanen gelebt.

Im Moorpark sollen noch 30 Dusch-/WC-Container sowie 20 Container für Verwaltung, Sozialarbeiter und Vorratslager aufgebaut werden. Die ersten Flüchtlinge könnten ab Mitte/Ende nächster Woche einziehen, sagte ein Sprecher der Innenbehörde. Wie lange das Zeltstadt dort stehen bleiben soll, sei völlig unklar.

Am nächsten Donnerstag, 16. Juli, will der Bezirk Wandsbek die Information der Bürger bei einer öffentlichen Veranstaltung im Bürgersaal nachholen.

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