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Urteil in Hamburg : Zehn Jahre Haft für Asylbewerber nach Messerangriff auf Ehefrau

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Der aus Afghanistan stammende 26-Jährige hatte der Frau gedroht, er werde ihr den Kopf abschneiden.

shz.de von
erstellt am 14.Nov.2017 | 15:26 Uhr

Hamburg | Er werde ihr den Kopf abschneiden und ihn auf das Kopfkissen legen. Damit drohte ein 26-jähriger Afghane nach Angaben des Hamburger Landgerichts seiner Ehefrau am 1. Februar in ihrem Apartment im Stadtteil Eppendorf. Der Angeklagte saß auf seiner im Bett liegenden Frau, hatte ihr schon einen elf Zentimeter tiefen Stich in den Rücken versetzt und eine große Schnittwunde am Hals zugefügt. Sie habe ihn angefleht, an die drei gemeinsamen Kinder zu denken. Zwei von ihnen waren schwer krank, eine sechsjährige Tochter wurde gerade im Universitätsklinikum behandelt, wie die Vorsitzende der Strafkammer am Dienstag erklärt.

Die 28-Jährige kämpft um ihr Leben, fasst in die 20 Zentimeter lange Klinge und drückte sie zurück. Was sie rettet: Dem Angeklagten wird übel von dem vielen Blut, er muss sich zweimal erbrechen und ins Badezimmer gehen. Die Frau wirft das Messer zur Seite, so dass es der Mann nicht mehr sehen kann, und fleht ihn erneut an, als er zurückkommt. „Der Angeklagte sagte ihr, sie werde sowieso sterben. Falls sie doch überlebe, sollte sie zu ihm zurückkehren, sonst werde er auch die Geschwister der Frau töten“, gibt die Richterin die Drohungen wieder.

Die bereits seit längerer Zeit in Trennung lebende Ehefrau verspricht es, und der 26-Jährige ruft die Feuerwehr. Im nahen Krankenhaus wird das Leben der Frau durch eine Notoperation gerettet. Sie hat Glück, dass die Hals- und die Beckenschlagader nicht verletzt sind.

Die Strafkammer verurteilt den Ehemann wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung zu zehn Jahren Haft. Dabei wertet das Gericht zugunsten des Angeklagten, dass er die Rettungskräfte gerufen und vor Gericht ein Teilgeständnis abgelegt hat. Die Staatsanwaltschaft hatte zwölfeinhalb Jahre gefordert, die Verteidigerin sechs Jahre. Die Anwältin argumentiert, dass der Asylbewerber aus der Nähe von Gotha (Thüringen) vom Mordversuch zurückgetreten sei.

Schon vor der Tat in Hamburg habe der Angeklagte seine Frau und Kinder geschlagen, in Afghanistan, dann im Iran, wo die Familie vorübergehend lebte, und seit Dezember 2015 auch in Deutschland. Er sei keineswegs der liebevolle Ehemann und Vater gewesen, als der er sich im Prozess dargestellt habe, sondern ein „herrischer Familientyrann“, sagt die Vorsitzende.

Das Gericht habe Videoaufnahmen aus einer thüringischen Flüchtlingsunterkunft gesehen, die der Bruder der Frau gemacht habe. Darauf sei neben anderen Gewalttätigkeiten zu sehen gewesen, wie der Angeklagte mit einem Elektrokabel auf seine vor ihm knieende Tochter eingeschlagen habe. „Der Anblick dieser Videos war für alle Prozessbeteiligten schwer zu ertragen“, bekennt die Richterin.

Im Juli 2016 sei in Thüringen eine Anordnung nach dem Gewaltschutzgesetz erlassen worden. Der 26-Jährige habe keinen Kontakt mehr zu seiner Frau haben dürfen. Diese Anordnung wurde im Januar 2017 außer Kraft gesetzt, weil sich der Angeklagte zur Organspende für seine schwer leberkranke Tochter bereiterklärte. Er fuhr zu seiner Frau nach Hamburg. In Sorge um das gemeinsame Kind ließ ihn die Frau in ihr Apartment in einem Wohnheim in Kliniknähe. Nach einem Besuch der Tochter und einem Gebet in einer Moschee habe er ihr am Abend des Tattages erneut vorgeworfen, dass sie andere Männer habe.

Nach einem kurzen Streit habe er für harmonische Stimmung gesorgt, Musik angemacht, getanzt und der Frau angeboten, sie zur Entspannung zu massieren. Als sie bäuchlings auf dem Bett lag und er auf ihren Oberschenkeln saß, habe er auf die völlig arg- und wehrlose Frau mit dem zuvor versteckten Messer eingestochen. Dass er ihr nur Angst machen und sie „anpieksen“ wollte, sei eine Schutzbehauptung und „völliger Humbug“, sagt die Richterin.

Die Frau leidet bis heute unter den Folgen und ist in therapeutischer Behandlung. Die Kammer verurteilte den 26-Jährigen auch zur Zahlung von 30.000 Euro Schmerzensgeld und zur Übernahme aller weiteren Kosten, die der Ehefrau entstehen. Der Angeklagte, der älter als 26 Jahre aussah, nahm das Urteil mit gesenktem Kopf entgegen.

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