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Totes Mädchen aus Hamburg : Yagmur war „hochgradig gefährdet“ – schon vor einem Jahr

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Ein Rechtsmediziner erstattete bereits vor einem Jahr Anzeige – die dreijährige Yagmur hatte „massive Verletzungen“. Die Opposition kritisiert die Informationspolitik des Sozialsenators. Die Medien seien besser informiert als die Bürgerschaft.

shz.de von
erstellt am 16.Jan.2014 | 19:25 Uhr

Hamburg | Der Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel hielt die kleine Yagmur schon Monate vor ihrem gewaltsamen Tod für „hochgradig gefährdet“. Das berichtete der Experte am Donnerstag im Familienausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft. Bei Untersuchungen am 31. Januar 2013 habe er „massive Verletzungen“ an Kopf und Bauch festgestellt, deren Ursache kein Unfall sein könne, Deshalb habe er einen Tag später Anzeige erstattet. Dies sei ein „extrem ungewöhnlicher Vorgang“, sagte Püschel.

Das Mädchen wurde seit seiner Geburt vom Jugendamt betreut. Obwohl die Ermittlungen gegen die leiblichen Eltern noch nicht abgeschlossen waren, durfte Yagmur von Mitte 2013 an wieder bei ihnen leben. Sie verblutete am 18. Dezember innerlich. Der Vater soll sie zu Tode misshandelt haben, die Mutter nichts dagegen unternommen haben. Beide sitzen in Haft.

Yagmur war schon kurz nach ihrer Geburt zu einer Pflegemutter gekommen, immer wieder kam es aber auch zu Begegnungen mit den leiblichen Eltern, die das Sorgerecht hatten. Nach der Anzeige des Rechtsmediziners gab das Jugendamt Yagmur vorübergehend in eine Einrichtung. Denn die Pflegemutter soll sich selbst bezichtigt haben, möglicherweise für die Verletzung des Kindes Anfang 2013 verantwortlich zu sein - deshalb wurde zuerst auch gegen sie ermittelt. Doch erst im Herbst 2013 habe die Hamburger Staatsanwaltschaft angefragt, ob die Schilderungen der Pflegemutter zu den Verletzungen des Kindes passten, sagte Püschel. Er habe das verneint. Im November stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen die leiblichen Eltern und die Pflegemutter ein.

„Man wusste, dass es höchstwahrscheinlich eine Misshandlung war“, hatte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft dazu kürzlich erklärt. „Es konnte aber nicht aufgeklärt werden, wer für die Verletzung verantwortlich war.“ Warum gab es bereits im Sommer die Entscheidung, dass das Kind bei den leiblichen Eltern leben durfte - obwohl auch gegen sie noch Ermittlungen liefen? „Mit gesundem Menschenverstand kann ich das nicht nachvollziehen“, monierte die Grünen-Abgeordnete Christiane Blömeke.

Eine Antwort darauf erhielten die Familienpolitiker auch im öffentlichen Teil der Ausschutzsitzung nicht. Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) erklärte, seine Behörde wolle weiterhin erst den Bericht der unabhängigen Jugendhilfeinspektion abwarten. Dieser wird für Ende Januar erwartet und soll klären, ob die Behörden Fehler bei der Betreuung des Mädchens gemacht haben. „Es wäre nicht klug, Zwischenergebnisse vorzutragen“, sagte Scheele. Zudem müsse man Rücksicht auf den Sozialdatenschutz nehmen.

Dafür erntete er harsche Kritik von den Abgeordneten der Opposition, die ihre parlamentarischen Rechte beschnitten sehen. „Die Medien sind besser informiert als die Hamburgische Bürgerschaft“, kritisierte der familienpolitische Sprecher der Linken, Mehmet Yildiz. Schließlich fiel der Beschluss, den Senator in nicht-öffentlicher Sitzung weiterzubefragen.

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