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Hamburg : Yagmur-Prozess: Von Tränen, Schweigen und Lügen

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Die kleine Yagmur starb im Dezember. Ihre Eltern stehen vor Gericht. Die Mutter wegen Mordes. Im Prozess zeigt sie selten Emotionen. Ein Rückblick auf das, was bisher vor dem Hamburger Landgericht geschah.

Hamburg | Das Gesicht der zierlichen Frau ist für die Zuschauer im Gerichtssaal nur selten zu sehen. Meist verdeckt sie es mit der rechten Hand. Das schwarze Haar ist zu einem Zopf zusammengebunden. Ein paar Meter weiter sitzt ihr Ehemann. Er starrt auf den Boden, blickt fast nie nach oben, wirkt scheu – wie ein ängstlicher kleiner Junge. Dabei ist er 26 Jahre alt. Beide würdigen sich keines Blickes. Seit Juni treffen sie immer wieder aufeinander, im Saal 237 des Hamburger Landgerichts. Wie auch am bisher letzten Verhandlungstag vergangene Woche.

Der 27-Jährigen wird wegen Mordes der Prozess gemacht. Sie soll die kleine Yagmur zu Tode misshandelt haben. „Aus Hass auf ihre Tochter“, lautet die Anklage der Staatsanwaltschaft. Der Vater soll tatenlos zugesehen haben, die Dreijährige nicht geschützt haben.

Das Mädchen starb am 18. Dezember vergangenen Jahres in Hamburg-Billstedt in der Wohnung ihrer Eltern – an schweren inneren Blutungen. Ihre Leber war gerissen. Bei der Obduktion entdeckten die Ermittler Schminke an Yagmurs Leiche. Ihre Mutter habe damit die Spuren der Schläge verdecken wollen, so die Überzeugung der Ermittler.

Der Fall sorgte in ganz Deutschland für Entsetzen. Nicht nur wegen des grausamen Todes, sondern auch weil die zuständigen Jugendämter die Gefahr für Yagmur übersahen. Neben dem Prozess gegen die Eltern klärt ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss der Hamburger Bürgerschaft die Frage, wieso das Kind überhaupt wieder in die Obhut der Eltern kommen konnte – trotz Hinweisen auf Misshandlungen. Drei Jugendämter waren für die Betreuung des Kindes seit dessen Geburt zuständig.  

Yagmur lebte am Tag ihres Todes erst seit ein paar Monaten wieder bei ihren Eltern. Sie war zuvor in einem Hamburger Kinderschutzhaus und bei einer Pflegemutter untergebracht. Zwischenzeitlich verbrachte sie aber teilweise mehrere Tage bei den leiblichen Eltern.

Eigentlich sollte das Verfahren in diesen Tagen zu Ende gehen. Doch der Prozess zieht sich in die Länge. Ein Urteil wird erst für Ende November erwartet. Dann wird das Gericht mehr als 40 Zeugen gehört haben.

Zuletzt saßen zwei Ärzte, ein vermeintlicher Geliebter von Yagmurs Mutter und eine Erzieherin im Zeugenstand. Letztere berichtet von der Zeit, als Yagmur im Kinderschutzhaus lebte. Das war von Februar bis Sommer 2013 ihr Zuhause.

Die Eltern der getöteten Yagmur (links  und rechts)  zu Beginn des Prozesses neben ihren Verteidigern.
Die Eltern der getöteten Yagmur (links und rechts) zu Beginn des Prozesses neben ihren Verteidigern. Foto: dpa
 

„Sie war ein Häufchen Elend“, beschreibt die 42-Jährige das erste Treffen mit dem Kleinkind. Ihr Kopf sei komplett rasiert gewesen – wegen einer schweren Kopfverletzung wurde sie zuvor operiert. Laut Aussage der Eltern soll sie in der Badewanne ausgerutscht sein. Im Krankenhaus bestand allerdings der Verdacht der Kindesmisshandlung. Das deuten die Mediziner im Zeugenstand an. Ihnen war klar: „Wir müssen da aufpassen“, so die Kinderchirurgin. Emotionen zeigen weder Vater noch Mutter an diesem Prozesstag. Wie so oft. Doch es gab auch andere Momente.   

Ende Juni lässt das Gericht Handyvideos zeigen, die die kleine Yagmur fröhlich spielen zeigt. Dann bricht es aus dem Vater heraus. Er wirft eine Kette nach seiner Ehefrau und schreit auf Türkisch: „Du hast sie umgebracht, warum weinst Du?“ Die Verhandlung wird unterbrochen.

An diesen Moment erinnern sich auch ein paar ältere Zuschauer zurück. Sie kommen zu jedem Prozesstag, seit dem Beginn im Juni. Besonders bewegend und erschütternd sei es gewesen, als Bilder von Yagmurs Leiche im Gerichtssaal gezeigt wurden. Sie zeigten die Spuren massiver Verletzungen. Am ganzen Körper hatte das Kleinkind Blutergüsse, Schwellungen, Narben und Würgemale. „Das war der schlimmste Tag“, sagt ein Rentner. Einige Besucher seien damals aus dem Saal gegangen. Aus Erschütterung über das Leid, das Yagmur hat über sich ergehen lassen müssen.

„Dieses Kind hat immer wieder erhebliche Schmerzen davongetragen und sehr, sehr gelitten“, berichtete Rechtsmediziner Püschel Anfang Juli vor dem Gericht. 83 Verletzungen wären bei der Obduktion der Leiche gezählt worden. Zum Schluss sei die Dreijährige „einfach zusammengebrochen“. Der Gutachter hatte bereits etwa ein Jahr vor deren Tod Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Damals musste das Kleinkind mit mehreren schweren Verletzungen im Krankenhaus behandelt werden.

 

Die beiden Angeklagten haben sich entschieden, vor Gericht zu schweigen. Das Reden übernehmen ihre Anwälte und Zeugen. Oft geht es sehr emotional zu im Zeugenstand. Es wird geweint und gepöbelt. Belastet wird vor allem Yagmurs Mutter. Zwei Freundinnen beschreiben die 27-Jährige als hinterhältig und rabiat. „Sie hat eigentlich jeden immer angelogen“, sagt eine Zeugin im August. „In Bergedorf damals hatte jeder Angst vor ihr“, fügt sie hinzu. Auch eine zweite Zeugin sagt: „Sie ist so eine Person, die schauspielert viel, die lügt viel.“

Yagmurs Vater wird von einem Zeugen als jemand beschrieben, der „keiner Fliege was tut“. Vor dem Tod der Dreijährigen soll er mehreren Bekannten erzählt haben, dass seine Frau Yagmur schlage. Er habe ratlos gewirkt, beschriebt ein weiterer Zeuge den 26-Jährigen. „Er hatte Angst, dass das Jugendamt ihm das Kind wegnehmen würde.“

Mit dpa-Material

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erstellt am 29.Sep.2014 | 19:24 Uhr

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