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Prozessauftakt in Hamburg : Wölbern-Prozess: Der Angeklagte schweigt

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Heinrich Maria Schulte, Ex-Chef der Fondsgesellschaft Wölbern Invest, soll 147,3 Millionen Euro auf die Seite geschafft haben. Der Prozessauftakt verlief für die Zuhörer eher enttäuschend.

Hamburg | Die Zuschauerränge müssen wegen Überfüllung geschlossen werden. Dutzende Anleger der Wölbern Invest sind Montag erwartungsvoll im Hamburger Landgericht erschienen. Sie wollen persönlich jenen Mann auf der Anklagebank erleben, der mutmaßlich ihr Geld veruntreut hat. 147,3 Millionen Euro, so wird Staatsanwalt Heyner Heyen später verlesen, soll Heinrich Maria Schulte (60) als Inhaber und Geschäftsführer des Emissionshauses aus den diversen Fondsgesellschaften abgezweigt und „zweckfremd“ verwendet haben. Es ist eine der höchsten Schadenssummen, über die je vor einem Hamburger Strafgericht verhandelt wurde.

Der Prozessauftakt verlief für die Zuhörer aber eher enttäuschend. Neuigkeiten zum Verbleib ihres Geldes und zu den Beweggründen des Angeklagten gab es zunächst nicht. 45 Minuten lang hatte der Staatsanwalt geduldig sämtliche 360 Geldbewegungen mit Datum und Betrag referiert, um die es im Verfahren geht. Zwischen August 2011 und September 2013 soll Schulte „freie Liquidität“ aus etwa zwei Dutzend geschlossener Immobilienfonds der Wölbern Invest auf Konten einer niederländischen Schwesterfirma transferiert haben. Durchschnittlich alle zwei Tage verschob er demnach Beträge, meist im sechsstelligen Bereich.

40 Millionen Euro, so die Anklage weiter, habe der gelernte Arzt auf seine privaten Konten gelenkt und zudem private Ausgaben von Firmenkonten beglichen. Der Angeklagte habe sich eine „dauerhafte Einnahmequelle“ von erheblichem Wert geschaffen, befand der Staatsanwalt. Seinen Kunden hatte der Geschäftsführer dagegen mitgeteilt, die abgezogenen Fondsgelder sollten zinsbringend angelegt werden oder anderen Wölbern-Fonds zugute kommen.

Schulte schwieg am ersten Verhandlungstag. Sein Verteidiger kündigte für die heutige Fortsetzung eine „generalisierende Erklärung“ seines Mandanten an. Dann wird das Gericht auch die Entscheidung über zwei Ablehnungsanträge gegen die Kammer verkünden. Schultes Rechtsanwälte werfen den Richtern Befangenheit vor, unter anderem, weil diese die Hauptverhandlung eröffnet hätten, ohne das Untersuchungsmaterial gründlich ausgewertet zu haben. Das sei angesichts von allein 6,1 Millionen Seiten elektronischer Daten völlig unmöglich.

Der Angeklagte hörte all das mit stoischer Ruhe an. Äußerlich war der Medizinprofessor und Fondsmanager auch auf der Anklagebank ganz hanseatischer Business-Mann: grauer Anzug, zart-blaues Hemd, rote Krawatte. Die schon achtmonatige Untersuchungshaft ließ sich der 60-Jährige in keinem Moment anmerken. Und auch nicht seine etwaige Angst vor dem, was ihm blühen könnte. Die angeklagte mehrfache gewerbsmäßige Untreue wird mit bis zu 15 Jahren Gefängnis bestraft.

Die ersten kritischen Stimmen zum Geschäftsgebaren  waren 2012 laut geworden. Die Fondsgesellschaften hatten Rechenschaftsberichte gar nicht oder unvollständig geliefert. Im September vorigen Jahres schwärmten Polizei und Staatsanwaltschaft dann zu einer groß angelegten Razzia in der Firmenzentrale in der HafenCity sowie in den Privathäusern von Schulte aus. Er selbst kam in U-Haft; Begründung: Fluchtgefahr.

Anschließend ging Wölbern Invest in die Insolvenz. 23 der Gesellschaften werden inzwischen vom Hamburger Emissionshaus Paribus betreut. Einzelne Fonds, so heißt es dort, seien „stark beschädigt, sechs bis sieben kämpfen ums Überleben“. Unter dem Strich fehle eine Summe von 108 Millionen Euro. Die Paribus-Prognose verheißt nicht Gutes: Die mutmaßlich veruntreuten Gelder seien wohl weitgehend verloren.

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erstellt am 19.Mai.2014 | 21:12 Uhr

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