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Familiendrama in Hamburg : Wer trägt die Verantwortung für Yagmurs Tod?

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Rätselhafte Verletzungen in der Vergangenheit und überschminkte Blutergüsse: Nach dem Tod der dreijährigen Yagmur werden immer mehr Vorwürfe laut. Ihre Eltern sitzen in Untersuchungshaft.

shz.de von
erstellt am 20.Dez.2013 | 13:55 Uhr

Hamburg | Nach dem gewaltsamen Tod der kleinen Yagmur aus Hamburg-Billstedt prüfen die Ermittler, wer die Verantwortung dafür trägt. Gegen die Eltern wurde Haftbefehl erlassen, es gibt zudem Vorermittlungen gegen Jugendamtsmitarbeiter. Unterdessen werden immer neue Details bekannt. So soll die Mutter nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft versucht haben, Blutergüsse am Körper des Mädchens mit Schminke zu überdecken. Die Dreijährige war am Mittwoch an einem Leberriss innerlich verblutet.

„Wir gehen davon aus, dass die Verletzung am 17. Dezember entstanden ist und am 18. zum Tode des Kindes geführt hat“, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Nana Frombach, am Freitag. Der Vater sei in dem Moment, als das Kind starb, nicht anwesend gewesen. Nach dpa-Informationen soll das Kind in der Vergangenheit immer wieder Verletzungen erlitten haben, deren Ursache nicht genau geklärt werden konnte.

Das Mädchen wurde seit seiner Geburt von verschiedenen Jugendämtern betreut, zuständig war das Bezirksamt Mitte nach eigenen Angaben seit Juli dieses Jahres, weil die Familie umgezogen war. Vorher hätten die Bezirksämter Eimsbüttel und Bergedorf mit dem Fall zu tun gehabt. Yagmur lebte lange bei einer Pflegemutter, die Eltern hatten aber Sorge- und Besuchsrecht. Seit August durfte Yagmur wieder bei ihren leiblichen Eltern wohnen - obwohl es den Verdacht gab, dass es bei einem Besuch Anfang 2013 zu einer schweren Schädelverletzung gekommen war. „Die Arbeit des Jugendamtes scheint dabei nach derzeitigem Erkenntnisstand von fatalen Fehlentscheidungen geprägt gewesen zu sein, die fachlich in keiner Weise nachvollziehbar sind“, erklärte der CDU-Abgeordnete Christoph de Vries.

Yagmurs Vater stritt ab, das Kind misshandelt zu haben. Zum Haftbefehl trug aber die Vernehmung seiner Frau vor dem Haftrichter bei: „Unter anderem haben die Angaben der Mutter den dringenden Tatverdacht mitbegründet“, sagte Frombach. Der Mutter wird Körperverletzung mit Todesfolge durch Unterlassen vorgeworfen. Bei beiden sah der Haftrichter Fluchtgefahr. Der 25 Jahre alte Vater ist wegen Körperverletzung, Drogendelikten und Diebstahls polizeibekannt - allerdings führten die Ermittlungen zu keiner Vorstrafe.

Die Ermittler untersuchen derzeit, ob es Versäumnisse bei der Arbeit der Jugendämter gab. Es handele sich dabei aber lediglich um Vorermittlungen, betonte Frombach. „Wir haben noch keinen begründeten Anfangsverdacht gegen irgendjemanden.“ Inzwischen habe die Jugendhilfeinspektion ihre Arbeit aufgenommen und alle notwendigen Akten bekommen, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Erstellt werden solle in den kommenden Wochen eine umfassende Chronologie.

Viele Unklarheiten gibt es noch immer bezüglich der Schädelverletzung, wegen der das Kind Anfang dieses Jahres operiert werden musste. Die Ermittlungen hätten sich damals auf Vater und Mutter konzentriert, bei denen das Mädchen kurz zuvor zu Besuch war, berichtete Frombach. Die Pflegemutter, die das Kind abholen wollte, habe die Schwerverletzte in ein Krankenhaus gebracht. Ein Rechtsmediziner habe kurz darauf Anzeige erstattet.

„Man wusste, dass es höchstwahrscheinlich eine Misshandlung war“, sagte Frombach. „Es konnte aber nicht aufgeklärt werden, wer für die Verletzung verantwortlich war.“ Die Ermittlungen wurden erst im November eingestellt. Warum gab es dann bereits im Sommer die Entscheidung, dass das Kind bei den leiblichen Eltern leben darf? Auch am Freitag gab es dazu aus Sozialbehörde und den Bezirksämtern noch keine Antwort. Gerichtssprecher Alexander Witt betonte, die Rückkehr des Kindes zu seinen leiblichen Eltern sei kein Beschluss des Familiengerichtes gewesen.

Dem Familiengericht liegen vier Verfahren aus dem ersten Quartal 2013 vor, die alle in Zusammenhang mit der schweren Kopfverletzung des Kindes stehen. Yagmur war nach dem Vorfall für mehrere Monate von den Behörden in Obhut genommen und in einer Einrichtung untergebracht worden. In einem Verfahren habe das Jugendamt Eimsbüttel angeregt, den Eltern das Sorgerecht zu entziehen, berichtete Witt. „Es bestand aus der Sicht des Jugendamtes der Verdacht, dass das Kind misshandelt wird.“ 

In allen vier Verfahren sei aber keine Entscheidung des Familiengerichtes ergangen. „Das Familiengericht hat die ganze Zeit ermittelt.“ Doch letztlich habe das Jugendamt Eimsbüttel im Juni mitgeteilt, dass das Kind wieder bei den Eltern leben solle. „Damit gab es ja keine Grundlage mehr, weiter zu prüfen, ob den Eltern nun das Sorgerecht entzogen werden soll“, meinte Witt.

Auf Antrag der Verteidigung der Mutter gab es am Freitag einen Haftprüfungstermin. Dabei entschied der Richter, dass der Haftbefehl aufrechterhalten wird. Die 26-Jährige könne aber die Untersuchungshaft verlassen, wenn sie sich zweimal wöchentlich melde. Gegen diese Entscheidung legte die Staatsanwaltschaft Beschwerde ein, das Landgericht hat in der kommende Woche das Wort. Bis dahin darf die Frau nicht auf freien Fuß.

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