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Tornado und Unwetter in Hamburg : Wer bei Sturmschäden zahlt

vom
Aus der Onlineredaktion

Über 250 Einsätze - das ist die Bilanz eines Tornados, der am Dienstagabend in Hamburg wütete. Im Interview mit shz.de beantwortet Versicherungsexpertin Kerstin Becker-Eiselen alle Fragen zum Thema Sturmschäden.

shz.de von
erstellt am 08.Jun.2016 | 15:28 Uhr

Hamburg | Zerstörte Autos, umgeknickte Bäume, abgedeckte Dächer - ein Tornado ist über den Osten Hamburgs hinweggezogen und hat eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Tausende Helfer waren am Abend in Einsatz. Heute wird nicht nur das Ausmaß der Verwüstung deutlich, sondern stellt sich auch die Frage, wer für die Schäden aufkommt? Im Interview mit shz.de beantwortet Kerstin Becker-Eiselen, Rechtsanwältin und Versicherungsexpertin bei der Verbraucherzentrale Hamburg, die wichtigsten Fragen rund um das Thema Sturmschäden.

Frau Becker-Eiselen, einTornado hat in Hamburg gewütet und erhebliche Schäden angerichtet. Ab wann wird von einem Sturmschaden gesprochen?

Von einem Sturm wird dann gesprochen, wenn es ein Wind ab 62 Stundenkilometern oder Windstärke 8 gewesen ist. Hat dieser dann einen Schaden an Wohngebäuden und Hausrat angerichtet, so haben wir einen Fall für die entsprechende Versicherung.

0 Beaufort - Windstille

Es ist kein Wind zu bemerken, die See ist spiegelglatt.

1 Beaufort - leiser Zug

1 Beaufort ist kaum zu bemerken. Rauch treibt leicht ab, Wasser kräuselt sich, Fahnen bleiben aber unbewegt

2 Beaufort - leichte Brise

Blätter rascheln, auf See zeigen sich kleine Wellen.

3 Beaufort - schwache Brise

Blätter und dünne Zweige bewegen sich, Wimpel werden gestreckt.

4 Beaufort - mäßige Brise

Zweige bewegen sich, loses Papier wird vom Boden gehoben.

5 Beaufort - frische Brise

Größere Zweige und Bäume bewegen sich,  der Wind deutlich hörbar.

6 Beaufort - starker Wind

Dicke Äste bewegen sich, hörbares Pfeifen an Drahtseilen.

7 Beaufort - steifer Wind

Bäume schwanken beim beim Gehen merkt man den Widerstand gegen den Wind.

8 Beaufort - stürmischer Wind

Schon bei Windstärke 8 kann es im Wald gefährlich werden: Zweige brechen von Bäumen, große Bäume durchgeschüttelt. Auf See kommt es zu hohen Wellenbergen.

9 Beaufort - Sturm

Äste brechen und es entstehen oft kleinere Schäden an Häusern: Ziegel und Rauchhauben werden von Dächern gehoben, Gartenmöbel werden umgeworfen und verweht. Windstärke 9 macht sich auf See mit hohen Wellen und Gischt bemerkbar.

10 Beaufort - schwerer Sturm

Schon ein schwerer Sturm von Stärke 10 kann hohe Schäden verursachen: Bäume werden entwurzelt, Baumstämme brechen. An Häusern können größere Schäden entstehen. Was nicht fest ist, kann vom Sturm erfasst werden: Häufig werden Gartenmöbel weggeweht. Auf See kommt es zu Brechern.

11 Beaufort - orkanartiger Sturm

Heftige Böen können  schwere Sturmschäden verursachen. In Wäldern können Bäume gefällt werden. In schlimmen Fällen werden Dächer abgedeckt und selbst dicke Mauern werden beschädigt. Vorsicht auch im Straßenverkehr: Autos werden aus der Spur geworfen -  Gehen wird nahezu unmöglich gemacht. Stärke 11 kommt fast nur an den Küsten und auf See vor, selten im Landesinneren. Sehr hohe Wellen erschweren die Seefahrt.

12 Beaufort - Orkan

An Land können durch Orkane schwerste Sturmschäden und Verwüstungen entstehen. Sie  sind  aber sehr selten im Landesinneren. Stärke 12 sorgt auf dem Meer für außergewöhnlich schwere See - die Sicht ist durch Gischt nahezu unmöglich.

Sind Tornados ein besonderer Versicherungsfall?

Nein, versicherungsrechtlich nicht. Tornados und Stürme sind beides wetterbedingte Luftbewegungen. Der Unterschied ist nur, dass die Schäden bei Tornados viel größer sind und die Versicherung dann im Zweifel mehr zahlen muss.

Wer kommt für die Schäden auf?

Im Grunde sind es drei Versicherungen, die bei Folgeschäden von Stürmen greifen: Die Wohngebäudeversicherung, wenn es Schäden am Gebäude selbst sind; die Hausratversicherung, wenn es Schäden am Hausrat, also allem, was beweglich im Haus ist, sind; die Teilkaskoversicherung, wenn es Schäden am Auto sind, weil zum Beispiel ein Baum darauf gefallen ist.

Ist dieser Versicherungsschutz ausreichend?

Der vollgelaufene Keller ist mit diesen drei Versicherungen nicht abgesichert. Was bei dem Sturm in Hamburg jedoch eine Rolle spielen wird, sind Überschwemmungen als Folge des Starkregens. Am besten wäre hier eine Elementarschadenversicherung. Sie schützt Eigentümer und Mieter vor den finanziellen Folgen von Naturgewalten.

Wohngebäudeversicherung

Umgeknickte Bäume, abgedeckte Dächer und abgefallene Schornsteine - die Wohngebäudeversicherung kommt für alle Schäden am Haus auf, sofern Hausbesitzer das Sturmrisiko mit versichert haben. Achtung: Nicht alle Wohngebäudeversicherungsverträge haben in Deutschland diesen Passus. Ob dieser Versicherungsschutz besteht, ist in der Versicherungspolice nachzulesen. Auch für Folgeschäden, wenn es zum Beispiel durch ein abgedecktes Dach hereinregnet, kommt die Versicherung dann auf.

Hausratversicherung

Bei Sturmschäden am Hausrat kommt die Hausratversicherung zum Tragen. Haben Hausbesitzer oder Mieter jedoch Fenster oder Türen offen gelassen, so haben sie fahrlässig gehandelt und bleiben auf den Kosten sitzen.

Haftpflichtversicherung

Die Haftpflichtversicherung greift zum Beispiel dann, wenn ein morscher Baum auf das Grundstück des Nachbarn gestürzt ist oder herabfallende Ziegel Fußgänger verletzt haben.

Kaskoversicherung

Fällt ein Ziegel, Ast oder Baum auf ein parkendes Auto, so greift die Kaskoversicherung des Halters. Gleiches gilt für Schäden durch Hagelkörner. Eine Zurückstufung in der Schadenfreiheitsklasse müssen Halter dabei nicht fürchten.

Elementarschadenversicherung

Wohngebäude-, Hausrat- und Kaskoversicherung greifen nicht, wenn es in Folge von Starkregen zu Überschwemmungen oder Rückstau gekommen ist. Diese Schäden werden nur durch eine Elementarschadenversicherung abgedeckt. Sie kann nicht separat abgeschlossen werden, sondern ist eine Art Zusatzbaustein zur Wohngebäude- und Hausratversicherung. Elementarschäden sind Überschwemmung, Erdbeben, Erdsenkung, Erdrutsch, Schneedruck oder Lawinen.

 

Diese Versicherung haben jedoch die Wenigsten.

Vermutlich ja. Sie ist in bestimmten Regionen auch sehr teuer. Viele interessieren sich zwar dafür, treten aber davon zurück, wenn sie hören, wie viel sie kostet. Gerade wer in Lübeck an der Trave oder in Hamburg an der Elbe wohnt, muss mit hohen Kosten rechnen, weil diese Versicherung nach sogenannten Risikozonen eingeteilt wird. Wer in einer entsprechend hoch eingestuften Risikozone wohnt, muss demnach auch viel zahlen.

Was raten Sie in diesem Fall?

Überschwemmungsfälle sind Elementarschäden, die abgesichert werden können und - sofern bezahlbar - auch sollten. Elementarschadenversicherungen sind daher sinnvoll. Es gibt deshalb auch immer wieder Forderungen nach einer Pflichtversicherung für diesen Bereich, weil Wetterschäden in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen haben. Jede Elementargefahr kann auch einzeln in der Hausrat- oder Wohngebäudeversicherung aufgenommen werden. So zum Beispiel Rückstau. Voraussetzung ist, dass es zuvor einen Sturmschaden gegeben hat.

Was gilt, wenn ein Baum vom eigenen Grundstück auf das Grundstück eines Nachbarn fällt?

Hier haben wir das Problem, dass die Haftpflichtversicherung verschuldensabhängig ist. Der Baumbesitzer muss also irgendeinen Fehler begangen haben, damit die Versicherung einspringt. Zum Beispiel, wenn er versäumt hat, einen morschen Baum jedes Jahr begutachten zu lassen - dann kann er haftbar gemacht werden. Bei großen Schäden durch Stürme ab Windstärke 8 wird jedoch angenommen, dass der Baum ohnehin entwurzelt worden wäre. In der Regel kommt es hier daher nicht auf Verschulden an und insofern zahlt die Haftpflicht dann nicht. Ist der Baum auf das eigene Grundstück gefallen, kann es sein, dass die eigene Wohngebäudeversicherung zahlt. Hier kommt es jedoch auf die Vertragsbedingungen an.

Was müssen von einem Sturmschaden betroffene Eigentümer oder Mieter tun?

Juristisch gilt die Schadensminderungspflicht. Sie sollten also dafür Sorge tragen, dass der Schaden nicht größer wird. Ist also zum Beispiel ein Loch im Dach, müssen sie es mit einer Plane abdecken. Grundsätzlich gilt: den Versicherer anrufen, Fotos oder Filme machen, die den Schaden dokumentieren, und Nachbarn hinzuziehen, die im Zweifel belegen wie der Schaden wirklich ausgesehen hat.

Wie lange können Ansprüche geltend gemacht werden?

Auch das hängt wieder von den Vertragsbedingungen ab. Gesetzlich können Ansprüche immer bis zu drei Jahren geltend gemacht werden. In der Regel müssen die Ansprüche jedoch meist unverzüglich geltend gemacht werden. Wer den Schaden dennoch zu spät meldet, riskiert seinen Versicherungsschutz. Bei Schäden, die erst nach Monaten festgestellt werden, gilt ab Kenntnis des Schadens.

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