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Podcast aus Hamburg : Wenn Fake News Alltag sind: „Hoaxilla“ kämpft gegen Lügen

vom
Aus der Onlineredaktion

Chemtrails oder Zitate von Donald Trump – ein Ehepaar aus Hamburg entzaubert Verschwörungstheorien und Fake News.

von
erstellt am 27.Jan.2017 | 16:57 Uhr

Hamburg | Manchmal braucht sie einen Spaziergang, um den Kopf wieder frei zu bekommen – von Psychohygiene spricht Alexa Waschkau dann. Seit sechs Jahren befassen sie und ihr Ehemann Alexander sich mit Verschwörungstheorien, Falschmeldungen – und der Wahrheit. Um da nicht selbst hinter allem ein abgekartetes Spiel zu vermuten, müsse man von Zeit zu Zeit einen Schritt zurück treten und die Arbeit Arbeit sein lassen.

Verschwörungstheorien, Fake News oder Propaganda erreichen im Internet rasend schnell ein großes Publikum. Mit der Darstellung von Fakten oder Rückrufaktionen kommt man gegen diese Entwicklung bislang nicht an – die Lügenkonstrukte bleiben ein gefährliches Manipulationsinstrument.

Ihr Podcast „Hoaxilla“ ist für das Ehepaar aus Hamburg inzwischen mehr als ein Hobby. In inzwischen mehr als 200 Episoden entzaubern die Volkskundlerin und Journalistin und der Psychologe Themen, über die sich insbesondere im Internet ebenso leidenschaftlich wie uneinsichtig gestritten wird: Sind Chemtrails bedeutungslose Kondensstreifen vom Flugzeug-Linienverkehr oder stecken dahinter absichtlich versprühte Chemikalien, die eine Wirkung auf die Bevölkerung haben? Wer steckt wirklich hinter den Anschlägen auf das World Trade Center? Und: Haben die Reichsbürger Recht – ist die Bundesrepublik Deutschland eine Firma? Um über „Klassiker“ wie diese zu sprechen, sind sie außerdem zu Gast in Talkrunden, organisieren Diskussionsveranstaltungen, schreiben Bücher und haben mit „Hoaxilla TV“ eine eigene Sendung auf dem Internetfernsehportal „Massengeschmack.tv“. Auch einen Dokumentarfilm über den im Jahr 2014 verstorbenen Verschwörungstheoretiker Axel Stoll haben sie in Zusammenarbeit mit dem Psychologen und Journalisten Sebastian Bartoschek produziert.

Ihr Ziel: den Menschen zeigen, dass es so etwas gibt wie wissenschaftlich-kritisches Denken. „Manchmal hat man das Glück, dass man diese Leute erreicht und ihnen aufzeigen kann, dass es nicht nur die eine Sichtweise gibt, sondern dass die Fakten eine andere Sprache sprechen“, sagt sie. Doch das gelinge nicht bei jedermann. Menschen, die sehr stark an eine bestimmte Theorie wie zum Beispiel Chemtrails glaubten, die werde man kaum davon überzeugen, dass es sich um Kondensstreifen handelt. „Wichtig sind die Diskussionen, die wir führen, für diejenigen, die sich noch nicht mit dem Thema auseinandergesetzt haben, die sich zum ersten Mal informieren, die unsicher sind.“

Immer öfter setzten sich die Waschkaus statt mit komplexen Theorien auch mit Fake News auseinander, das zeige, dass sie mit ihrem Podcast am Puls der Zeit liegen, sagt die 42-Jährige: „Ich wünschte manchmal, es wäre nicht so.“

Dass sich Fake News heute so schnell verbreiten, liege zum einen in der Natur des Internets begründet: Die Kreise, die diese Inhalte heute ziehen können, würden sehr schnell sehr groß, sagt Waschkau. Anders als beim altbekannten Stammtisch in der Kneipe mit zehn Gleichgesinnten, verlasse Fragwürdiges in sozialen Medien leicht den geschützten Raum der überschaubaren Gruppe. Zudem fehle es vielen Nutzern an Medienkompetenz. Wenn eine Meldung – ob wahr oder nicht – ins eigene Weltbild passe, werde sie schnell geteilt. Ein Impuls, den Alexa Waschkau auch von sich selbst kennt: Die Nachricht, Donald Trump habe in seiner Antrittsrede aus dem Animatonsfilm „Bee Movie“ zitiert, klang für sie zunächst plausibel. Eine kurze Internet-Recherche führte sie zu Artikeln und Tweets, die diese Meldung bereits widerlegt hatten. Sie teilte den Beitrag nicht.

Jede Meldung auf ihre Richtigkeit zu prüfen sei zwar aufwendig, räumt Waschkau ein. Doch: „Jeder, dessen Herz für demokratische Grundwerte schlägt, ist in diesen Zeiten gefordert, nicht nur die Rechte zu genießen, sondern auch die Pflichten zu erfüllen. Dazu gehört eben auch, wachsam zu sein für politische Strömungen, die diese Grundwerte untergraben wollen.“

Die Antwort liegt in der Regel auch im Internet gar nicht so weit weg: Auf Twitter beispielsweise sei meist schnell jemand gefunden, der die Meldung bereits kritisch beleuchtet hat. Auch ist die Originalquelle oft nur ein paar Klicks entfernt und mit ihr eine Antwort auf die Frage: Wer steckt dahinter? Prüfen müsse man dann, wofür derjenige stehe. Portale wie mimikama.at oder snopes.com setzen sich professionell mit Lügen im Netz auseinander. Auf hoaxmap.org sind Gerüchte und ihr Wahrheitsgehalt auf einer Karte verzeichnet. Über die Suchmaschine hoaxsearch.com lassen sich Fakes entlarven.

Doch was sind das für Menschen, die von einer Verschwörungstheorie überzeugt sind? „Meist solche mit geringer Selbstwirksamkeit. Sie haben das Gefühl, wenig Kontrolle über ihr eigenes Leben zu haben“, sagt Waschkau. Sie tendierten dazu, Verantwortung von sich zu weisen und suchten woanders einen Grund dafür, dass das Leben nicht so läuft, wie es sollte. „Verschwörungstheorien liefern ein Feindbild“, jemanden, dem man die Schuld das eigene Versagen geben könne. Das könne man meist mit Fakten nicht entschärfen: „Herauszufinden, dass man Jahre mit dem Glauben an das Falsche verschwendet hat, ist eine wahnsinnig bittere Erkenntnis“, sagt Waschkau.

Die Arbeit der Waschkaus, solche Mythen oder Legenden mit Fakten zu widerlegen, wird nicht von allen gern gesehen: Sie werden persönlich beschimpft, erhalten Drohungen, erzählt sie, und sie werden als Teil der Elite bezeichnet, die versucht, Böses zu verbreiten. Dass sie für ihre Arbeit – das Aufdecken von Lügenkonstrukten durch Fakten – dann auch noch als Desinformanten bezeichnet werden, bezeichnet Alexa Waschkau als „Ironie des Schicksals“. Man müsse sich erziehen, so etwas nicht zu sehr an sich heran zu lassen. Dann sei man auch gewappnet für die künftige Arbeit: „Wir werden die Klappe nicht halten!“

>>> So erkennen Sie Fake News

Das verbirgt sich hinter den einzelnen Begriffen:

Verschwörungstheorien

Verschwörungstheorien liefern einfache Erklärungen für komplexe Zusammenhänge und sie liefern Feindbilder, in denen Schuldige gefunden werden können, erklärt Podcasterin Alexa Waschkau. So fänden Menschen, die an solche Theorien glauben, jemanden, den sie für Dinge verantwortlich machen können, die in ihrem eigenen Leben nicht funktionieren. Hinter bestimmten Zuständen werde dann eine größere Macht oder ein Netzwerk gewähnt, gegen das man als Einzelner kaum vorgehen kann. Durch dieses Wissen wird denjenigen, die an diese Theorien glauben, vermeintlich die Kontrolle über ihr Leben wieder zurückgegeben - sie wüssten demnach um die Hintergründe von Problemen und zögen daraus Konsequenzen. Seien beispielsweise Chemtrails am Himmel zu sehen, würden diese Menschen das Haus nicht verlassen oder nicht ohne Schutz vor die Tür gehen. „Solche Menschen geraten immer tiefer in ein Weltbild der Angst“, sagt Waschkau.

Fake News

Fake News werden oft als Falschmeldung übersetzt, sind aber in der Regel mehr als das. Sie sind wissentlich gefälschte oder erfundene Nachrichten, mit denen die Öffentlichkeit für politische oder kommerzielle Zwecke manipuliert werden soll. Es geht also in der Regel darum, entweder einer bestimmten Gruppe zu schaden oder eine andere zu bevorteilen.

Alexa Waschkau warnt vor dem inflationären Gebrauch diese Begriffs: Wenn korrekte Nachrichten oder seriöse Medien mit Fake News bezeichnet werden, sei das „besonders übel“. In seiner ersten Pressekonferenz rief Neu-Präsident Donald Trump Reportern zu: „Ich werde Ihre Fragen nicht beantworten. Sie sind Fake News.“

Alternative Fakten

Neue Verwirrung rund um die Begrifflichkeiten stiftet ausgerechnet das Weiße Haus. Nachdem der Sprecher des neuen Präsidenten Donald Trump, Sean Spicer, behauptete, es seien mehr Besucher bei der Vereidigung Trumps gewesen als bei der seines Vorgängers Barack Obama - was durch Luftaufnahmen widerlegt werden konnte -, sollte Trump-Beraterin Kellyanne Conway in die Bresche springen. Sie sagte, das Weiße Haus habe Fakten, die den Fakten widersprächen - und erfand mit „Alternative Facts“ eine Bezeichnung, die Korrektheit und Belastbarkeit als Charaktereigenschaften für Fakten austauschbar werden ließ.

„Alternative Fakten, das ist ein anderes Wort für Lügen“, sagte dazu der Rechtsprofessor Richard Painter von der University of Minnesota.

Hoaxes

Hoax wird aus dem Englischen zumeist als Scherz oder auch Schwindel übersetzt. Ein Hoax ist aber der heutigen Bedeutung nach keineswegs harmlos - der Begriff wird vielfach als Synonym für eine Falschmeldung im Internet verwendet. Aber auch unter dem Oberbegriff Betrug - wie beispielsweise ein digitaler Kettenbrief, der via Messenger aufs Smartphone kommt - kann ein Hoax einsortiert werden. Eigentlich sollen Hoaxes also erschrecken. Doch sie können auch Schaden anrichten: Die Verbreitung einer Schreckensmeldung über sexuelle Übergriffe in einer bestimmten Region zum Beispiel kann das Leben der Menschen dort - oder beispielsweise von als Tätergruppen dargestellten Minderheiten - beeinträchtigen.

Die Grenzen zwischen einem Hoax und einer Zeitungsente, hinter der sich sowohl eine absichtlich veröffentlichte Falschmeldung als auch ein Irrtum verbergen kann, sind fließend. Ebenfalls schwer abzugrenzen ist der Begriff der Urban Legend - eine Falschmeldung, die wie ein Gerücht weitererzählt wird. Dabei kommt es den Verbreitern nicht unbedingt darauf an, durch das Weitererzählen die Wahrheit herauszufinden. „Das liegt in der Natur des Menschen – er ist ein erzählendes Tier“, sagt Waschkau, und er gleicht durch das Erzählen von Geschichten sein Weltbild mit dem eines anderen ab.

Propaganda

Der Begriff Propaganda wird in der Regel in politischen Zusammenhängen verwendet. Ursprünglich galt Propaganda als Werbung oder Öffentlichkeitsarbeit. Durch die Anwendung beispielsweise in den Weltkriegen oder der DDR ist der Begriff negativ behaftet und beschreibt heute eher die Verbreitung von (Falsch-)Meldungen durch zumeist populistische Gruppierungen zum Zwecke einer Manipulation der Öffentlichkeit.

Mit der Verbreitung von Propaganda sollen durch systematische Verbreitung von Sichtweisen und vermeintlichen Erkenntnissen Meinungen und Ansichten zum Zwecke der Propagandisten beeinflusst werden.

 
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