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Elbinsel Wilhelmsburg : Weg vom Schmuddel-Image

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wilhelmsburg: Auf der Elbinsel regt sich im Fahrwasser von Bauausstellung und Gartenschau Einiges.

Wilhelmsburg gilt als Problemgegend: Auf der einen Seite die Veddel mit ihren von Kanälen umgebenen Industriebrachen, dann das Reiherstiegviertel, mit seinen zum Teil maroden Altbauten, flutgeplagt, doch gerade mächtig im Kommen, auch im Zuge der aufwertenden Großereignisse Internationale Bauausstellung (IBA) und Internationale Gartenschau (IGS). Auf der anderen Kirchdorf, mit altem Dorfkern samt kleiner Kirche, etwas weiter das Hochhaus-Ghetto Kirchdorf-Süd. Dazu kommt der Inselpark, gleich beim S-Bahnhof, der im Zuge der IGS angelegt wurde, nur acht Minuten mit der S-Bahn von der City entfernt.

Auf dem Weg ins Reiherstiegviertel geht es an der Soul Kitchen vorbei, die der Hamburger Kult-Regisseur Fatih Akin in einem Film verewigt hat. Drei Jahre lang blühte hier, im Gebäude der ehemaligen Zinnwerke und drumherum, auf 10.000 Quadratmetern die Subkultur und zog immer mehr junge Leute in das einstige Arbeiter- und Migrantenrevier. Seit einem Jahr ist der nicht standsichere Laden dicht, auch weil man einen von Industriemüll kontaminierten Boden vermutet.

Im Reiherstiegviertel geht es bunt zu. Dort, wo vor allem Polen, Türken und Italiener die erste Einwanderkultur prägten und viele Bewohner im Hafen malochten, ist die Bevölkerungsstruktur gerade in den vergangenen Jahren immer bunter geworden. „Viel Gewerbe ist zurückgebaut worden“, erklärt Andreas Kirschner diesen Wandel. Kirschner betreibt hier das Café Deichdiele. Er profitiert auch von vielen Künstlern und Studenten die hier wegen des billigen Wohnraums hergezogen sind. Auch hipperes Publikum macht sich schleichend breit. So entsteht nach der IBA gleich um die Ecke in einer ehemaligen Arbeitersiedlung mit dem Weltquartier ein imposantes interkulturelles Modellprojekt mit 770 um- und neugebauten Wohneinheiten, zum großen Teil öffentlich gefördert. Wilhelmsburg will weg vom Image, Schmuddel- und Sorgenkind der Stadt zu sein. Kirschner sagt: „Von der Flut 1962 hat sich der Stadtteil eigentlich nie erholt.“ Vor allem die Bausubstanz habe sehr gelitten, ein Komplettabriss des Viertels wurde diskutiert. „Wir haben viel Wasser, Grün, Kanäle bis Harburg durch und viel Naturschutzgebiet“, preist Kirschner die Gegend.

Mathias Lintl war der Macher der Soul Kitchen und hat das große Gelände samt Gebäude noch nicht aufgegeben. Man prüfe, ob sich der verseuchte Boden nicht versiegeln ließe, statt ihn kostspielig auszuheben, was wiederum für die Finanzbehörde ein Problem wäre. Schließlich sei „der Sprung über die Elbe eine sinnvolle Ergänzung zur wachsenden Stadt“ gewesen, betont der Umweltwissenschaftler − also jenem 2002 verabschiedeten Leitbild, die Metropole nachhaltig zu entwickeln. „Die Probleme in Wilhelmsburg waren eklatant“, erinnert Lintl. Sinnbild war die Geschichte des kleinen Jungen Volkan, der 2000 unweit des heutigen Inselparks von einem Kampfhund totgebissen wurde.

Danach habe es „Tabula rasa“ gegeben, so Lintl weiter, viel sei seitdem abgerissen worden. Die Stadt hat 60 Millionen Euro in die Bildung investiert, 1,5 Milliarden Euro insgesamt. Zudem ist das Großbauprojekt Verlegung der Wilhelmsburger Reichsstraße, die die Stadtteile trennt, in Arbeit. „Sobald die Wilhelmsburger Reichsstraße verlegt ist, wollen wir richtig in den Wohnungsbau einsteigen“, verspricht der Bezirksamtsleiter Mitte, Andy Grote. Es solle ein neues Quartier entstehen, das Kirchdorf und Reiherstiegviertel verbinden werde.

Lintl lobt, dass die IBA und IGS eine „neue Qualität“ nach Wilhelmsburg gebracht hätten. Auch die Fähre zu den Landungsbrücken fährt nach 20 Jahren Pause wieder. Er und sein Verein Stadtkultur Hafen haben in der zurückliegenden Dekade viel bewegt. Es gab Konzerte und Theater in der alten Kirche am Inselpark. Nun haben 7000 Unterstützer eine Petition für den Erhalt der Soul Kitchen und eine selbstbestimmte und nichtkommerzielle Kultur unterschrieben. Man wolle den „Veringkanal in einen Kulturkanal verwandeln“. Lintl betont: „Erst die Vielfalt macht das System lebenswert.“

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