zur Navigation springen

Kofferversteigerung in Hamburg : Was unsere Redakteurin im Seemannskoffer findet

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

shz-Reporterin Sarah Erichsen ergatterte für 65 Euro einen der begehrten Koffer bei der Versteigerung im Hamburger Seemannsheim. Was erfährt man über das Leben eines Seemanns?

shz.de von
erstellt am 07.Aug.2014 | 08:03 Uhr

Hamburg | Für 200 Menschen war die gemütliche Empfangshalle des Hamburger Seemannsheims am Mittwochnachmittag bestuhlt, deutlich größer war der Andrang. Zum offiziell dritten Mal wurden dort die verwaisten Koffer und Taschen rauer Seemänner versteigert - die Seesäcke und -Kisten der Neuzeit. Auf dem Boden, in den Türen und an den Wänden entlang drängten sich Schaaren aufgeregter Besucher. Die einen sind von der Neugier getrieben, die anderen von der Hoffnung auf teure Schätze, auf Mitbringsel aus fernen Ländern und Erinnerungen an die stürmische See. Martina C. zum Beispiel wünscht sich, dass möglichst viele Bieter schon vor Ort ihre Koffer öffnen. Ob sie selbst mitsteigern wird? „Das wird sich zeigen. Ich habe ein Limit, bis dahin kommt es auf den äußeren Eindruck des Koffers an“, sagt sie.

Die Gepäckstücke haben Geschichte. Bis zu zwei Jahre lang werden sie im Kofferkeller der Seemannsmission für die Männer auf See eingelagert. All das, was nicht mit auf die große Fahrt soll, kann hier verweilen. Nur die Koffer, die niemand mehr abholt, kommen unter den Hammer. Zu einigen der Gepäckstücke kennen die Angestellten der Seemannsmission die Besitzer, manche kehren nie mehr zurück - sei es, weil die Koffer dort vergessen wurden oder um das alte Leben zurückzulassen.

So erinnert sich Felix Tolle, stellvertretender Geschäftsführer des Seemannsheims besonders an Hartmut, den Besitzer der großen Blechkiste, die als drittes Stück unter den Hammer kommt. „Ich habe lange Zeit versucht, zu ihm Kontakt aufzunehmen. Die Kiste lagert schon sehr lang bei uns“, sagt er. Was aus dem Seemann geworden ist, kann er nicht sagen. Die Kiste wird am Ende zu einem Rekordpreis von 210 Euro verkauft. Ihren Inhalt kennen nur zwei Menschen: Hartmut und ihr neuer Besitzer, der sich direkt nach Auktionsende verabschiedete, um den vielen Neugierigen zu entkommen. „Wir schauen vorher nicht in die Koffer“, sagt Tolle. Er vermutet aber viele Bücher in dem schweren Stück. „Hartmut hat sehr gern gelesen.“

Und auch wir lassen uns hinreißen und bieten mit. Schon etwas abgewetzt sieht er aus, der schwarze Rollkoffer, den Tolle den Bietern nun präsentiert. Gar nicht schwer soll er sein, dafür ist er groß. Grund genug, für die ausgelassenen Bieter, den Preis schnell hochzutreiben. In der zweiten Reihe scheint sich eine regelrechte Konkurrenz anzubahnen, schon von Beginn der Auktion an wird dort fröhlich lachend ein Gebot nach dem anderen abgegeben. Schließlich bekommen wir trotzdem den Zuschlag: 65 Euro für die Erinnerungen eines Seemanns und für das, was er zurücklässt. 

Mit dem Auspacken warten wir, bis der Ansturm nach der Auktion vorbei ist. Trotzdem bildet sich schnell eine Traube Neugieriger um uns und unseren Schatz. Was erfährt man aus den Hinterlassenschaften eines Menschen? Was lässt sich über ihn vermuten? Klein muss er sein und breit. Der Mann, der seinen Koffer für uns zurückgelassen hat. Das verraten uns die Hosen - Jeans; funktional. Nicht besonders modisch. Auch eine beige Uniform finden wir im Koffer. Zudem mehrere dicke Jacken und einen knalligen, orangenen Overall. Vehältnismäßig kleine Füße scheint er zu haben. Sportschuhe in Größe 39 und neue, selbstgestrickte Wollsocken. Nicht viel erfahren wir über den Besitzer dieser Tasche. Ein Nokia-Handy hatte er, das entnehmen wir dem Ladegerät eines älteren Modells - der einzige Hinweis auf die Moderne. Vielleicht hat seine Mutter bis ins hohe Alter für ihn gestrickt - den senfgelben Schal etwa oder die grünen Socken.

Andere finden mehr Hinweise in ihren Koffern. Briefe, Fotos oder Bücher. Doch die meisten nehmen ihre Taschen mit nach Hause, um dort in Ruhe zu stöbern. Eine besonders auffällige Tasche, bunt gemustert, um die sich in der zweiten Reihe besonders emotional bekriegt wurde, soll ein Geburtstagsgeschenk sein, verrät die erfolgreiche Bieterin Ines Laqua. Was darin ist, bleibt ein Geheimnis. Kleidung wird es jedoch nicht sein, sagt Tolle, der sich zuvor vom hohen Gewicht des Gepäckstücks überzeugen konnte.

Gelegentlich bekommen die Betreiber des Seemannsheims Rückmeldung nach den Auktionen, die je nach Anzahl der Koffer alle zwei bis drei Jahre stattfinden. Dabei kam schon viel Kurioses aus den Taschen zurück ans Licht: „Meine Favoriten sind ein Waschbecken und eine Tätowiermaschine“, lacht Tolle. Auch eine Tasche randvoll mit Lottoscheinen und eine mit exotischem Kaffee soll bereits dabei gewesen sein. 

Insgesamt 17 Gepäckstücke, von Koffern über Reisetaschen bis hin zu Umzugskisten und Pampers-Kartons kamen heute unter den Hammer. Nach einer halben Stunde war das letzte Gebot abgegeben. „Die Bieter waren sich schnell einig und die Stücke wurden alle weitergegeben. Wir sind sehr zufrieden“, freut sich Tolle. Am Ende waren es rund 1800 Euro Gewinn für das Seemannsheim. „Das Geld kommt den Seeleuten zugute, die hier Station machen“, sagt der 36-Jährige. „Damit feiern wir Feste und machen Ausflüge mit den Seemännern.“

Das Seemannsheim bietet Seeleuten aus aller Welt ein Zuhause in der Ferne. Mit einem offenen Ohr und helfender Hand steht das Team des Heims all denen bei, die dort ankern, wo sie niemanden kennen. Auch Privatpersonen und Gruppen finden hier eine kostengünstige Unterkunft. Eine Stunde nach der Versteigerung ist vom Trubel nichts mehr zu sehen. Nur zwei bärtige Seemänner bleiben in der Empfangshalle zurück.

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen