Volle Hotels, Proteste und Herbert Grönemeyer : Was Hamburg zum G20-Gipfel erwartet

<p>Das Hamburger Polizeipräsidium ist wegen der erwarteten Proteste bereits mit Stacheldraht umzäunt.</p>

Das Hamburger Polizeipräsidium ist wegen der erwarteten Proteste bereits mit Stacheldraht umzäunt.

In 100 Tagen beginnt der G20-Gipfel in Hamburg. Was an Themen, Protesten und Hotelbuchungen zu erwarten ist.

shz.de von
30. März 2017, 12:42 Uhr

Hamburg | Wenn sich am 7. und 8. Juli die G20-Staaten in Hamburg treffen, ist der Ausnahmezustand programmiert: Rund 10.000 Teilnehmer werden zum Gipfeltreffen erwartet und bis zu 100.000 Demonstranten. shz.de gibt einen Überblick.

Der Austragungsort: Warum Hamburg?

Dass die Hansestadt den Ausnahmezustand in Kauf nimmt, hat mehrere Gründe - und basiert auf einer Entscheidung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in Abstimmung mit dem Ersten Bürgermeister Hamburgs, Olaf Scholz (SPD).

Für die Ausrichtung des Gipfels ist Deutschland zuständig, weil es vom 1. Dezember 2016 bis 30. November 2017 die Präsidentschaft der G20 übernimmt. Doch nur wenige Städte bieten die Voraussetzungen, die das Treffen an Logistik, Verkehr und Sicherheit braucht. Eine davon ist Hamburg.

Die Stadt sei seit jeher Deutschlands Tor zur Welt, sagte Merkel über die Entscheidung für ihre Geburtsstadt, bei ihrer Rede zum traditionellen Matthiae-Mahl im Hamburger Rathaus im Frühjahr 2016. Dass hier Kaufleute Verbindungen in alle Welt sponnen, als militärisches Muskelspiel noch die primäre Form der Diplomatie war, hat aus Merkels Sicht symbolischen Wert.

Laut Scholz verpflichtet die Hamburger Verfassung, „dazu beizutragen, dass es ein gutes Miteinander in der Welt gibt“. Die Hansestadt biete nicht nur für die Gipfelgespräche die passende Kulisse, sondern auch für den Dialog mit der Zivilgesellschaft.

Symbolisch ist auch ein weiterer Grund: Es war ein Hamburger, der die Grundlage für das Gipfeltreffen schuf: Helmut Schmidt. Als Bundeskanzler initiierte der 2015 gestorbene Staatsmann und spätere Zeit-Herausgeber 1975 das erste Treffen der G6 in Rambouillet, Frankreich. Für die Hansestadt schließt sich damit ein Kreis.

Politische Themen

Hierzu zählten etwa geopolitische Konflikte, Terrorismus, Migrations- und Fluchtbewegungen, Armut und Hunger sowie voranschreitender Klimawandel und Epidemien. Darüber hinaus wolle Deutschland unter anderem die Themen Digitalisierung, die Stellung von Frauen sowie die Gesundheitsversorgung ansprechen. „Die Notwendigkeit für internationale Zusammenarbeit mit dem Ziel, die wachsende globale Vernetzung zum Nutzen aller zu gestalten, war nie größer.“ Hehre Ziele, die aus Sicht der Gipfel-Gegner aber nichts mit der Realität zu tun haben. „Die Mächtigen, die sich in Hamburg treffen wollen, haben nur Sorge um ihren Status quo“, sagt Thomas Eberhardt-Köster vom globalisierungskritischen Netzwerk Attac. Um den zu erhalten, täten sie sich zusammen. „Deshalb machen sie das auch im Rahmen der G20 und nicht der UNO, denn dort hätten die ökonomisch schwächeren Länder einen deutlichen höheren Einfluss.“

Proteste

Gipfel-Gegner bereiten sich auf das Treffen der Staats- und Regierungschefs der führenden Industrie- und Schwellenländer vor, zu dem auch Reizfiguren wie US-Präsident Donald Trump, Russlands Präsident Wladimir Putin und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan erwartet werden. Der G20 gehören 19 Staaten und die Europäische Union an. Sie stehen für fast zwei Drittel der Weltbevölkerung, mehr als vier Fünftel des weltweiten Bruttoinlandsprodukts und drei Viertel des Welthandels.

Anders als bei den Organisatoren des G20-Gipfels, die das Treffen in der Messe Hamburg generalstabsmäßig vorbereiten, laufen die Planungen der Gegner bewusst offen. Seit Wochen schon gibt es unterschiedlichste Vorbereitungstreffen, Plattformen oder Konferenzen. Jeder soll sich wiederfinden und einbringen können, niemand soll bevormundet werden, lautet das einhellige Credo.

<p>Herbert Grönemeyer kommt zum Global Citizen Festival. </p>
dpa

Herbert Grönemeyer kommt zum Global Citizen Festival.

Vielfältig daher auch die angedachten Aktionen, die von Bootsdemonstrationen bis zum Global Citizen Festival am 6. Juli unter anderem mit Künstlern wie Coldplay, Herbert Grönemeyer und Ellie Goulding reichen.

Für die Polizei vor allem interessant wird jedoch die für den 8. Juli geplante Demonstration mit rund 100.000 erwarteten Teilnehmern und wegen möglicher Krawalle die internationale antikapitalistische Vorabenddemonstration „G20 Welcome to Hell“ am 6. Juli. Aber auch der angekündigte Aktionstag linker und autonomer Gruppen am 7. Juli dürfte die Polizei fordern. Zumindest kündigen die Veranstalter bereits an: „Im Gegensatz zur bürgerlichen Opposition werden wir den Herrschenden keine Alternativen vorschlagen, um das kapitalistische System am Leben zu erhalten.“ Ihr Motto lautet schlicht: „G20-Gipfel blockieren, sabotieren, demontieren!“ Als Vorgeschmack brannten bereits mehrere Polizeiautos in der Stadt. Mehr als 15.000 Polizisten werden beim G20-Gipfel im Einsatz sein.

Hamburgs Innensenator Andy Grote (SPD) ist sich dennoch sicher: „Die Hamburger Polizei ist bestens vorbereitet und wird für die Sicherheit der Bürger, Besucher und Gipfel-Teilnehmer in der Stadt sorgen.“ Der internationale Dialog sei selten so notwendig wie heute. „Der G20-Gipfel passt gerade mit dem begleitenden zivilgesellschaftlichen Diskurs gut in unsere freie, offene Stadt.“ „Die Einsatzplanungen laufen in aller Professionalität“, betont denn auch Polizeisprecher Timo Zill.

Auch wenn sich die Polizei bislang nicht über Mannschaftsstärken beim G20-Gipfel äußert, als Referenz kann durchaus das Ministertreffen der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) im Dezember 2016 gelten, das in Hamburg von mehr als 10.000 Polizisten beschützt wurde. „Wir wollen natürlich, dass das Leben in der Stadt an beiden Tagen so normal wie möglich bleibt“, hatte Regierungssprecher Steffen Seibert bereits mehrfach betont.

<p>Protest an der „Roten Flora“ gegen den G20-Gipfel in Hamburg.</p>
dpa

Protest an der „Roten Flora“ gegen den G20-Gipfel in Hamburg.

Für Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) ist der G20-Gipfel aller Aufwand auf jeden Fall wert. Kritik an den Kosten - bereits jetzt sieht allein der Bundeshaushalt mehr als 200 Millionen Euro dafür vor - und am Veranstaltungsort in unmittelbarer Nähe zum linksautonomen Kulturzentrum „Rote Flora“ hatte er bereits mehrfach zurückgewiesen. „Hamburg hat eine jahrhundertealte Tradition weltweiter Verbindungen, und wir sind nach unserer Verfassung sogar verpflichtet dazu beizutragen, dass es ein gutes Miteinander in der Welt gibt und der Frieden eine Chance hat.“

Im Hamburger Stadtteil Harburg soll eine Gefangenensammelstelle eingerichtet werden. Ein ehemaliger Lebensmittelgroßhandel, in dem zuletzt Flüchtlinge untergebracht waren, soll nach dem Umbau Platz für bis zu 400 Festgenommene bieten.

Alternativer Gipfel

Die wohl größte Alternativveranstaltung dürfte der zweitägige „Gipfel für globale Solidarität“ am 5. und 6. Juli mit mehr als 50 Initiativen und Organisationen aus dem In- und Ausland sein. Das Treffen auf Kampnagel, zu dem etwa 1500 Gäste erwartet werden, versteht sich als Alternativgipfel und will den G20 eine Politik globaler Solidarität entgegenstellen und Strategien sowie mögliche Bündnisse zu ihrer Umsetzung diskutieren.

Hotels

Wer dieser Tage auf Buchungs-Portalen ein Hotelzimmer für Anfang Juli in Hamburg sucht, dürfte sich verwundert die Augen reiben: Fünf-Sterne-Unterkünfte für 600 Euro und mehr, Vier-Sterne-Herbergen, die ihre (Rest)-Betten durchaus auf bis zu 500 Euro die Nacht hochtreiben. „Solche Preise werden in Hamburg nur ganz, ganz selten aufgerufen“, sagte die Geschäftsführerin des Hamburger Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), Ulrike von Albedyll.

Der Grund für die Preisexplosion: Zum G20-Gipfel am 7. und 8. Juli in Hamburg reisen nicht nur die Staatschefs an, sondern in ihrem Gefolge tausende Delegierte, tausende Journalisten, ein Heer von Sicherheitsbeamten und Polizisten. Sie alle müssen untergebracht werden. Allenfalls bei Messen für Schiffbau und Meerestechnik oder bei der Großveranstaltung der Rotarier 2019 mit 20.000 Besuchern (Rotary Convention) seien solche Preissteigerungen zu erwarten, merkte die Dehoga-Chefin an.

Spezialisierte Agenturen haben für die Staatsspitzen nebst ihren Delegationen ganze Hotels geblockt. Das Zimmer-Angebot hat sich verknappt, folglich sind die Preise gestiegen. „Hamburg wird sehr gut gebucht sein“, erwartet die Dehoga-Chefin. Zwar seien noch Zimmer verfügbar, „aber nicht mehr viele“. Auch Hamburg Tourismus prognostiziert, dass die innenstadtnahen Hotels sowie die in Randgebieten gut ausgelastet sein werden.

Immerhin hat Hamburg laut Statistik 357 Beherbergungsstätten mit 59.244 Betten (Stand Januar 2017). Im vergangenen Jahr lag die Auslastung durchschnittlich bei 57 Prozent. Hinzu kommen privat angebotene Unterkünfte und Jugendherbergen. Die beiden Hamburger DJH-Standorte seien zum Gipfel bisher zu jeweils der Hälfte belegt, vor allem mit Familien und Einzelgästen, berichtete der DJH-Landesverband Nordmark. Zum Gipfeltermin sind unter anderem schon Schulferien in Niedersachsen und Bremen.

Dass während und nach der Großveranstaltung Glanz auf Hamburg fällt, hoffen die Tourismusvermarkter der Stadt. „Die Weltöffentlichkeit wird auf Hamburg blicken, das ist für uns eine große Chance, die Hansestadt als weltoffen und gastfreundlich zu präsentieren“, sagte Tourismuschef Michael Otremba. „Veranstaltungen wie der G20-Gipfel bieten das Potenzial, die internationale Bekanntheit und damit die Nachfrage von internationalen Besuchern weiter zu steigern.“ 2016 buchten 1,46 Millionen Reisende (4,4 Prozent) aus dem Ausland rund 3,3 Millionen Übernachtungen (plus 5,5 Prozent) in der Hansestadt.

Wo schlafen die Regierungschefs?

<p>Ein Polizist bewacht das Hotel „Vier Jahreszeiten“ während des Besuchs von John Kerry.</p>
dpa

Ein Polizist bewacht das Hotel „Vier Jahreszeiten“ während des Besuchs von John Kerry.

 

Welcher Staatschef wo nächtigt, ist vor allem eins: „top secret“. Den Top-Hotels der Stadt ist kaum etwas über ihre kommende Klientel zu entlocken. Das Fairmont-Hotel „Vier Jahreszeiten“ geht derzeit davon aus, das zum Gipfel das Haus hauptsächlich von Staatsgästen und deren Entourage belegt sein wird. „Einen solchen Aufenthalt planen wir mit den Verantwortlichen der Delegationen zusammen, das sind große, eingespielte Teams, die ihre Bedürfnisse kennen“, weiß Hoteldirektor Ingo C. Peters. Beim OSZE-Gipfel im vergangenen Dezember hatte er Ex-US-Außenminister John Kerry zu Gast, der sich vis-à-vis beim Weihnachtsbummel an der Binnenalster ablichten ließ.

Zwar sind Spitzenbesucher eine Herausforderung für die Top-Hotellerie. Darauf sei sie mit ihren flexiblen Teams jedoch eingestellt, bekräftigte die Dehoga-Chefin. „Ob Scheichs, die geröstete Lämmer und 40 Tauben auf ihr Zimmer haben wollten oder Weltstars, die das Badezimmer in eine Küche umgebaut haben – in 120 Jahren haben wir schon so viel gesehen, dass uns Sonderwünsche nur selten vor Probleme stellen würden“, ergänzte Hoteldirektor Peters. „Der OSZE-Gipfel war schon so etwas wie eine Generalprobe für uns – die haben wir so gut gemeistert, dass wir vor einem Event der Größe des G20-Gipfels natürlich Respekt haben, uns aber nicht verstecken müssen.“

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