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Hamburg : Volles Reptilienhaus: Immer mehr Exoten im Tierheim

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Schlangen, Echsen, Schildkröten: Viele sind der Pflege nicht gewachsen, geben die Tiere wieder ab oder setzen sie aus.

Hamburg | Das Thermometer zeigt 31 Grad. Doch im Reptilienhaus des Hamburger Tierheims kommen die Mitarbeiter nicht allein deswegen ins Schwitzen. Schlimmer ist die drangvolle Enge in den Bassins und Terrarien. 140 Echsen, Schlangen, Schildkröten und andere Exoten bevölkern einen Raum, der ursprünglich für 30 Tiere gedacht war. Die Fülle hat vor allem einen Grund: Immer mehr Menschen legen sich Tiere aus anderen Klimazonen zu, ohne der anspruchsvollen Pflege gewachsen zu sein. Viele der Exoten landen über kurz oder lang Im Tierheim Süderstraße, das die größte Wildtierstation im norddeutschen Raum unterhält. Insgesamt mehr als 200 der herrenlosen Tiere werden derzeit betreut, etliche davon kommen auch aus den norddeutschen Nachbarländern.

Der Hamburger Tierschutzverein als Betreiber schlägt jetzt Alarm. Sven Bernhardt, Leiter der Reptilienstation: „Wir haben keinen Platz mehr für die Aufnahme weiterer Exoten.“ Sein dringender Appell an alle, die sich Schlangen, Leguane, Krokodile oder ähnliches anschaffen wollen: „Lasst es sein.“ Viele Menschen kauften die Tiere „aus einer Laune heraus, oder um sich interessant zu machen“, ärgert sich Bernhardt. Exoten gehören aber in kein Wohnzimmer. Die Erfordernisse an Platzangebot, Nahrung und tägliche Pflege könnten oder wollten die allerwenigsten erfüllen. „Dann verlieren viele bald die Lust am Tier und setzen es aus.“

Das gilt aktuell vor allem für Wasserschildkröten aus Nord- und Lateinamerika sowie aus Asien, von denen eine Hundertschaft das Bassin im Reptilienhaus füllt. Auch Bart-Agamen aus Australien haben gerade traurige Hochkonjunktur auf Tierbörsen und im Internethandel, klagt Tierpfleger Bernhardt. Jungtiere seien zum Schleuderpreis von fünf Euro zu haben. Elf Exemplare der leguanartigen Echsen haben er und seine Kollegen gerade unter ihren Fittichen. Abnehmer für diese Art Findeltiere seien schwer zu finden. „Wir prüfen genau, ob jemand alle Voraussetzungen für die Haltung erfüllt.“ Genau das täten Tierhändler vor dem Verkauf nicht, kritisiert der Exotenexperte. Er fordert, den Handel mit exotischen Tieren ganz zu verbieten.

Nebenan dösen zwei kapitale, mehr als zwei Meter lange Boa Constrictor-Damen vor sich hin. Ein Terrarium weiter streckt Artgenosse „Sam“ dem Besucher neugierig den Kopf entgegen. Seine blasse Färbung fällt auf. „Eine Züchtung“, erklärt Sven Bernhardt. In gewissen Kreisen gelte es als schick, mutierte Würgeschlangen zu besitzen. Der frühere Besitzer hatte „Sam“ selbst zur Süderstraße gebracht – und eine abenteuerliche Geschichte aufgetischt: Die Boa sei ihm bei einem Angelausflug in den Schlafsack gekrabbelt.

Andere liefern ihre Exoten klammheimlich ab. So wie beim jüngsten Neuzugang, einem Jemen-Chamäleon, das grünschimmernd und verschüchtert in einem Glaskasten sitzt. Beim Tag der offenen Tür am vorigen Sonntag hatte ein Unbekannter im Tierheim eine Plastiktüte abgegeben. Angeblich mit Tierfutter darin, doch als die Mitarbeiter nachsahen, fanden sie unter all den Grillen das Chamäleon.

30 Tierheime und Auffangstationen in Deutschland haben gerade einen „Hilferuf“ an den Bund gerichtet, um den Handel mit exotischen Tieren einzuschränken. Sandra Gulla, Vorsitzende Tierschutzvereins Hamburg: „Wir bauen in unseren Tierheimen immer größere Exotenstationen, müssen um immer mehr Spendengelder bitten, um die verschiedenen Tierarten auch nur annähernd artgemäß unterzubringen und zu versorgen. Und das alles nur, weil in einem völlig unregulierten Markt, der das einzelne Tier ohne Rücksicht auf Verluste nur als handelbare Ware benutzt, einige an dem Exotenelend verdienen und einige sich an Exotenhaltung ergötzen wollen.“

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erstellt am 12.Mai.2017 | 19:04 Uhr

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