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Verzweifelte Mütter : Verleugnete Babys: Vernachlässigt, ausgesetzt, getötet

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Der Fund zweier Babyleichen in einem Schließfach schockierte die Menschen. Das ist kein Einzelfall. shz.de sprach mit einem Oberarzt für Psychotherapie.

shz.de von
erstellt am 26.Sep.2014 | 16:48 Uhr

Hamburg | Frauen, die ihre Kinder töten oder aussetzen, sorgen immer wieder für Schlagzeilen. Zuletzt erschütterte der Fall von zwei toten Babys in einem Schließfach des Hamburger Hauptbahnhofs das Land. Die Mutter sagte der Polizei, die Kinder seien leblos zur Welt gekommen. Es lasse sich nicht mehr eindeutig feststellen, ob die Babys eines natürlichen oder gewaltsamen Todes gestorben sind, hieß es aus der Rechtsmedizin. Der Staatsanwalt fügte hinzu: „Wir ermitteln, aber für einen Haftbefehl gibt es keinen strafrechtlichen Ansatz.“ Was auch genau geschah - der Fall macht fassungslos. Eine Husumerin erstickte und erstach zwischen 2006 und 2012 fünf Babys, die sie zur Welt gebracht hatte. Für die meisten Menschen ist es nicht vorstellbar, was Mütter zu solchen Taten bewegt.

Oft fängt es mit einer verdrängten Schwangerschaft an. Häufig kann man dieses Verhalten bei Opfern von Gewalt oder sexuellem Missbrauch feststellen. „Wenn die Frauen schwanger werden, verbinden sie dies mit der Erinnerung an das Erlebte. Die Schwangerschaft ruft dann Panik und Stress hervor“, sagt Dr. med. Karl Heinz Brisch, Oberarzt der Abteilung Pädiatrische Psychosomatik und Psychotherapie an der Kinderklinik und Poliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital der Ludwig-Maximilian-Universität München. Dann schaltet sich eine Art Überlebensmechanismus ein, den man Dissoziation nennt. Er setzt die körperliche Wahrnehmung außer Kraft. „Die Leute funktionieren, aber ihre Gefühle und ihre Körperwahrnehmung sind abgeschaltet.“

Die angehenden Mütter nehmen ihre Schwangerschaft nicht als solche wahr. Neben dem Verdrängungsprozess sorgt die Dissoziation auch dafür, dass keine Schmerzen empfunden werden. Sie läuft automatisch ab, die Frau kann diesen Prozess nicht steuern.

Während der Entbindung kann dieser Vorgang dazu führen, dass Frauen nicht einmal wissen, dass oder wann sie ein Baby zur Welt gebracht haben. Der Säugling wird in dem Fall verleugnet. „Die Mütter legen ihr Kind irgendwo ab und denken nicht dran.“

Nicht jede vertuschte Schwangerschaft führt jedoch zur Kindstötung. Einige Frauen verheimlichen ganz bewusst ihren immer größer werdenden Bauch. Die Gründe hierfür, zum Beispiel ein strenges Elternhaus oder eine extrem schwierige persönliche Situation, können vielfältig sein. Frauen, die verheimlichen, legen ihre Kinder oft gezielt in Babyklappen oder stellen das Babykörbchen so ab, dass das Kind rasch gefunden wird. In Schleswig-Holstein gab es 2013 nach Aussage des Gesundheitsministeriums fünf bekannte Babyklappen.

Ein weiterer Grund für das lebensgefährliche Aussetzen von Babys liegt allerdings erneut in der Dissoziation. Dann werden die Kleinen häufig nicht an einem sicheren Ort, sondern etwa nachts im Winter in einer Plastiktüte abgelegt, wo sie kaum eine Überlebenschance haben.

Mütter, die ihre Säuglinge töten, fühlen sich oft von ihrem Kind bedroht. Sie leiden unter Wahnvorstellungen und Halluzinationen. „Die Mütter glauben, nur durch die Tötung des Babys zu überleben.“

Die Zahl der Kindstötungen im Jahr 2013 liegt laut Kriminalstatistik des Bundeskriminalamtes bei 153. In 72 Fällen lag ein Tötungsversuch vor. In Schleswig-Holstein sind fünf Fälle von Kindstötung aktenkundig. Dabei handelte es sich um drei vollendete und zwei versuchte Tötungen. „Das sind nur die polizeilich ermittelten“, sagt Brisch. Die Dunkelziffer liege vermutlich höher. „Die Fälle, über die die Medien berichten, sind nur die Spitze des Eisbergs.“

Wenn Freunde oder Arbeitskollegen Frauen bemerken, die eventuell ihre Schwangerschaft verdrängen könnten, sollte das persönliche Gespräch gesucht werden. „Die Haltung Schwangerschaft sei Privatsache, ist schwierig.“ Wenn man vermutet, dass das Kind in Gefahr sein könnte, sollte man anonym das Jugendamt informieren. „Ist es falscher Alarm, ist es das kleinere Problem“, so Brisch. Eine Meldung zu viel ist besser als eine zu wenig.

 

Die Grafik aus der Kriminalstatistik zeigt die bundesweiten Zahlen von Kindstötungen von 2004 bis 2013.
Die Grafik aus der Kriminalstatistik zeigt die bundesweiten Zahlen von Kindstötungen von 2004 bis 2013. Foto: Deutsche Kinderhilfe/BKA
 
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