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Interview mit Wolfgang Maennig : Verkehrsexperte fordert City-Maut für Hamburg

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Der Hamburger Verkehrsforscher Professor Wolfgang Maennig fordert im Interview mit shz.de eine temporäre City-Maut, um die Staus in und um Hamburg zu reduzieren.

Hamburg | Den Alltag in Hamburg bestimmen Dauer-Staus und Dauer-Baustellen; die Züge sind überfüllt und es werden immer mehr Autos für immer weniger Parkplätze zugelassen. Müssen wir in einer Millionenmetropole damit leben?
Wolfgang Maennig:
Ich komme gerade aus Los Angeles. Dort kann man sehen, was Verkehr in einer Großstadt wirklich bedeutet. Die Stadt ist durchzogen von zehnspurigen Highways, auf denen sich unendliche Kolonnen von Autos fortbewegen und oft im Stau stehen. Das ist wahrlich „beeindruckend“ und hat mit dem Verkehr in Hamburg nichts zu tun. Das, was wir in Deutschland und in Hamburg an Staus kennen, ist zwar unangenehm, aber im internationalen Vergleich irrelevant. Grundsätzlich gilt: Wer keine Staus möchte, sollte auf dem Land leben. Es wird in Ballungsräumen und Großstädten immer Staus geben.

Also alles in Ordnung?
Nein, es gibt immer die Möglichkeit, etwas zu verbessern. Und das wird auch kommen. In den kommenden Jahren wird sich ein neues Carsharing-Modell etablieren. In Hamburg werden in nicht allzu langer Zukunft 50.000 selbstfahrende E-Mini-Busse für bis zu acht Leute unterwegs sein, die ähnlich wie ein Sammeltaxi funktionieren werden. Als Kunde werde ich in eine App meinen aktuellen Standort, mein Fahrtziel und meine gewünschte Ankunfts- oder Abholzeit eingeben. Diese Informationen werden an einen Zentralrechner weitergeleitet, der checkt, welcher Mini-Bus diesen Fahrtenwunsch am besten bedienen kann, weil er gerade auf einer nahen Route unterwegs ist und Kapazitäten frei hat. Und da 50.000 Busse im Einsatz sein werden, wird er einen finden. Der Kunde erhält die Bestätigung per App. Vielleicht fährt der Bus nicht immer auf der allerkürzesten Route, doch er bringt seinen Kunden immer direkt zum Ziel. So wird öffentlicher Personennahverkehr völlig neu gedacht, denn der heutige ist liniengebunden mit starren S- und U-Bahntrassen, die uns in die Nähe unserer Ziele bringen, aber selten direkt bis zum Ziel. Und das ist einer der wichtigen Punkte, warum so viele Leute in der Großstadt immer noch ins eigene Auto steigen.

Welche Vorteile sehen Sie neben der Zielgenauigkeit?
Die Nutzerfreundlichkeit ist höher. Sie werden von ihrem Standort abgeholt, kommen direkt zum Ziel und müssen nicht lange warten – jedenfalls nicht, wenn von Anfang an sehr viele Busse eingesetzt werden. Und Sie können Gepäck mitnehmen. Ein solches System hätte aber auch für die öffentliche Hand den großen Vorteil, dass die Investitionen in die Infrastruktur des schienengebundenen ÖPNV, die auch in einer Stadt wie Hamburg Milliarden verschlingen, weitgehend entfallen würden. Und die Straßen wären wieder freier, weil weniger Leute mit dem eigenen Auto fahren müssten.

Können Sie sich das für Hamburg vorstellen?
Ich bin davon überzeugt, dass das kommen wird, aber nicht zuerst in Deutschland. Diese Idee wird zuerst verwirklicht werden in Kalifornien, weil ein Unternehmen wie Google das Kapital hat, für den Anfang 50.000 Autos zur Verfügung zu stellen; und weil es die dazugehörige Software und die Legitimation für fahrerloses Fahren hat. Vielleicht werden auch die Chinesen die Ersten sein, denn auch sie haben den Anspruch, technologisch weltweit an der Spitze zu sein. Und sie haben ein großes Umweltproblem.

Wann wird das kommen?
In zehn Jahren spätestens, aber die typischen „eruptiven Technologien“ in unser digitalen Welt können sehr plötzlich und viel schneller als erwartet eine Branche oder einen Markt revolutionieren und alles in Frage stellen, was bis dahin funktioniert hat.

Schön und gut. Doch was machen wir in Hamburg mit den Staus, bis es soweit ist?
Auch wenn viele und insbesondere die betroffenen Pendler dies nicht mögen: Eine temporäre und lokal gebundene City-Maut ist eine weltweit gut etablierte Lösung. Aus ökonomischer Sicht gilt die Regel: Wenn ein Gut knapp wird, gibt es keine bessere Lösung, als die Nachfrage über finanzielle Anreize zu steuern. Wenn wir eine Mautgebühr einführen würden, die zur Rushhour morgens zwischen 7 und 9 Uhr besonders hoch ist, dann aber deutlich günstiger wird oder ganz entfällt, können wir den Autoverkehr besser lenken, sodass die Straßenkapazitäten gleichmäßiger genutzt werden. Es gibt noch viele andere Stau-Steuerungs-Lösungen wie etwa die Fast Lanes, also Fahrstreifen, die nur Autos benutzen dürfen, in dem mindestens zwei Leute sitzen. So gibt es einen Anreiz zum Carpooling.

Wolfgang Maennig...

... ist 57 Jahre alt und 2,04 Meter groß.

Der Professor für Wirtschaftspolitik an der Uni Hamburg...

... hat den Forschungsschwerpunkten Stadt- und Immobilienökonomik, Sportökonomik und Verkehrswissenschaft.

1988 gewann der ehemalige Ruderer...

... mit dem Deutschland-Achter Gold bei den Olympischen Spielen in Seoul.

 

Ist eine City-Maut nicht unfair Pendlern gegenüber, die dann dafür bezahlen müssten, dass sie morgens pünktlich bei der Arbeit sind?
Ja und nein. Sie könnten im Extremfall die Mauteinnahmen auch verwenden, um den schlechter Verdienenden eine Prämie zu zahlen, wenn sie nicht zur Rushhour fahren. Spätestens dann kann ich nur noch wenig Unsoziales erkennen. Zum City-Maut-Konzept gehört natürlich auch, dass die Arbeitszeiten flexibilisiert werden und verstärkt die Möglichkeit für das Homeoffice-Arbeiten angeboten wird. Letztlich müssen auch die Unternehmen daran Interesse haben, weil sie nur so dauerhaft zufriedene Mitarbeiter behalten. Zwei Stunden Autofahrzeit pro Tag akzeptieren die Wenigsten auf Dauer.

Eine City-Maut wäre aber auch für Unternehmen der Hafenwirtschaft etwa enorm teuer, da sie jeden Tag Tausende Lkw auf die Straße schicken ...
... nein, Im-Stau-Stehen ist noch viel teurer. Eine Stunde Stau verursacht erhebliche Lohn- und Kapitalkosten. Und wenn Waren nicht pünktlich geliefert werden, kann es noch teurer werden, jedenfalls teurer als die Mautgebühr. Viele Unternehmer, aber auch Privatleute machen sich zu selten klar, dass sie zum Beispiel mit fünf Euro Mautgebühr Zeit durch gesparten Stau gewinnen, in der sie womöglich 20 Euro verdienen können. Die Hafenwirtschaft täuscht sich, wenn sie glaubt, sie spart etwas, indem sie sich gegen die City-Maut ausspricht. Im Gegenteil: Die durch die City-Maut gewonnene Zeit ist Geld.

Apropos Stau. Halten Sie Dieselfahrverbote, wie in Hamburg geplant, für richtig?
Vorab: Ja, wir sind betrogen worden. Es ist harter Tobak, den sich die Autoindustrie geleistet hat. Aber wir leben in einem Rechtsstaat und der erlaubt Fahrverbote, wenn bestimmte Konzentrationen von Stickoxiden überschritten werden. Das ist anzuwenden: Da geht Gesundheit vor Mobilität mit einem Dieselfahrzeug.

Für weniger Staus - würden Sie eine City-Maut zahlen?

zum Ergebnis

Die Autoindustrie könnte Autos mit Software und Hardware so nachrüsten, dass sie fahren dürften.
Das mag so sein. Selbst dann ist es aber an der Zeit zu hinterfragen, warum Diesel günstiger besteuert wird als Benzin. In anderen Ländern gibt es diese Art der Subventionierung nicht. Ursprünglich war die günstige Dieselsteuer − verbunden mit einer höheren Diesel-Kfz-Besteuerung − als Unterstützung für Pendler gedacht. In den letzten Jahren waren jedoch meist rund 50  Prozent der neu zugelassenen Fahrzeuge Diesel-Kfz – deutlich über der Quote der Pendler und ein klares Zeichen, dass die Subventionierung zu weit ging. Auch weil Dieselfahrzeuge de facto mehr Gifte emittieren als andere Fahrzeuge, sollte Diesel-Treibstoff stärker besteuert werden. Die EU wollte vor Kurzem sogar Treibstoffe nach dem Energiegehalt besteuern. Demzufolge hätte der Dieseltreibstoff höher besteuert werden müssen als Benzin! Es ist also höchste Zeit, darüber nachzudenken, ob die Dieselsubventionierung noch opportun ist.

Wie beurteilen Sie die Verkehrspolitik von HH?
Es ist alles relativ. Insgesamt hat Hamburg kein größeres Stauproblem als andere vergleichbare Städte in Deutschland und Europa. Politik und Verwaltung arbeiten hier nicht schlechter als in anderen Städten. Allerdings: Zu dem Hamburger Anspruch einer schönen Weltstadt würde eine ambitioniertere, innovative Verkehrspolitik gut passen. Zum Beispiel wären 1000 App-gesteuerte, selbstfahrende E-Mini-Sammelbusse zum HVV-Tarif für die Anbindung in und nach Wilhelmsburg eine mutige Stadtentwicklung und Verkehrspolitik, die der Stadt sicher international viel Aufmerksamkeit bringen würde. Und den Menschen mehr Lebensqualität.

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erstellt am 11.Aug.2017 | 12:00 Uhr

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