Nach Spiegel-Informationen : Verkehrsanalyse: Bahnhof Hamburg Altona neues Stuttgart 21?

Anstelle der Güterzuganlage und des Altonaer Bahnhofs soll ein neues Quartier mit insgesamt 3500 Wohnungen entstehen.
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Anstelle der Güterzuganlage und des Altonaer Bahnhofs soll ein neues Quartier mit insgesamt 3500 Wohnungen entstehen.

Die Verlegung des Bahnhof Altona soll weitaus mehr Nachteile als Vorteile aufweisen, so das Ergebnis der Analyse.

shz.de von
03. November 2017, 16:40 Uhr

Hamburg | Die Deutsche Bahn AG und die Stadt Hamburg planen seit 2014 die Verlegung des Fernbahnhofs Altona. Knapp zwei Kilometer weiter nördlich will das Staatsunternehmen an der bisherigen S-Bahnstation Diebsteich den Bahnhof Altona neu errichten.  Für die Inbetriebnahme werde das Jahr 2023 angepeilt. Die Entscheidung gilt als Durchbruch. Auf dem alten Bahnhofsgelände sollen neue Wohnung entstehen. Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz sagte damals in einem Interview 2014: „Mit dem Kauf des Grundstücks können wir unser Wohnungsbauprogramm für Hamburg fortführen. Im Herzen von Altona wird ein neues Stadtquartier mit hoher Lebensqualität entstehen, das neuen Raum für Wohnen, Arbeiten und Freizeit bietet.“

Kostenpunkt: 300 Millionen Euro. In Altona verbleibt lediglich der unterirdische S-Bahnhof (neuer Name: „Altona-Mitte“). Freiwerdende Gleisflächen werden Teil der Neuen Mitte Altona, einem Neubaustadtteil für fast 10.000 Menschen. Die traditionsreiche Holsten-Brauerei in Hamburg verlagert zum Beispiel ihre Produktion an den südlichen Stadtrand. Es soll ein neues Hopfen-Viertel in Hamburg-Altona entstehen.

<p>Luftaufnahme Zentrum Altona mit Bahnhof. Links rot markiert das Holsten-Gelände, daneben (helle Sandflächen) das Großbaugebiet Neue Mitte Altona.</p>
Foto: FHH

Luftaufnahme Zentrum Altona mit Bahnhof. Links rot markiert das Holsten-Gelände, daneben (helle Sandflächen) das Großbaugebiet Neue Mitte Altona.

Als weitere Vorteile für die Verlegung des Kopfbahnhofs werden reduzierte Fahrzeiten und bessere Verbindungen angegeben. Der neue Bahnhof Altona liegt direkt auf der Hauptstrecke zwischen Elmshorn und Hamburg-Hauptbahnhof und dient nicht mehr als Kopfbahnhof am Ende einer abzweigenden Stichstrecke. Daher geht vieles schneller, so Bahnsprecher Egbert Meyer-Lovis.

Doch nun hat der Spiegel eine Analyse zur Verlegung des Bahnhofs in Auftrag gegeben. Zwei Monate lang beschäftige sich das Magazin mit dem Thema, sammelte Unterlagen zu dem Großprojekt, wertete diese aus, ließ eine Verkehrsanaylse durchführen und kam zu dem Schluss, dass der neue Bahnhof viel mehr Nachteile mit sich bringt als bislang bekannt. Vergleiche mit dem Stuttgarter Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 werden gezogen. 

Die Verkehrsanalyse kommt zu dem Schluss, dass sich der Anschluss an den Fernverkehr für rund 231.000 Hamburger durch den Bahnhofsumzug verschlechtere, das seien rund 13 Prozent der Stadtbevölkerung. Auf der anderen Seite hingegen könnten nur rund 169.000 Hamburger von der neuen Lage profitieren. Das Unternehmen Motion Intelligence, das die Analyse durchführte, sieht den Grund für die Verschlechterung darin, dass der alte Kopfbahnhof nicht nur für Fern- und Regionalzüge ein Verkehrsknotenpunkt ist. Sechs S-Bahnen und 17 Buslinien bieten den Fahrgästen am jetztigen Bahnhof Altona direkten Anschluss ans Verkehrsnetz. Der Bus- und S-Bahnhof soll aber nach dem Umzug am alten Standort bleiben.

Davon seien nicht nur Hamburger betroffen, auch für viele Schleswig-Holsteiner würde sich die Situation nicht verbessern. Lediglich Zugfahrer aus Kiel, Elmshorn und Pinneberg hätten es leichter durch die Bahnhofsverlegung ihren Anschluss zu erreichen. Tausende Pendler müssten auf ihrem Arbeitsweg allerdings einmal mehr umsteigen. Dies soll zu einem Zeitverlust von zehn Minuten täglich führen.

Auch die Planung des Projektes sei lückenhaft, so fehle in den Unterlagen für die Planfeststellung eine „eisenbahnbetriebswissenschaftliche Untersuchung“. Dies führte schon bei Stuttgart 21 zu Problemen. Nach Spiegel-Informationen seien viele wichtige Dokumente nicht einsehbar und führen zu „geheimen Planungen“, bei denen die Öffentlichkeit ausgeschlossen wird.

Reaktion auf die Vorwürfe

Die Deutsche Bahn und die Hamburger Verkehrsbehörde haben gelassen auf den Bericht über angebliche Nachteile durch die Verlegung des Bahnhofs Altona reagiert. Durch den geplanten Durchgangsbahnhof im Bereich der heutigen S-Bahn-Station Diebsteich anstelle des jetzigen Kopfbahnhofs entstehe „ein nachhaltiger Impuls für eine langfristige Veränderung des umgebenden Stadtraums“, teilte die Verkehrsbehörde am Freitag auf Anfrage mit.

Ein Bahnsprecher sagte dazu der Deutschen Presse-Agentur: „Die Untersuchung ist nicht bekannt und wir können sie daher nicht bewerten.“ Er verwies auf die Vorteile des Umzugs. So werde etwa die Zahl der Umstiegsmöglichkeiten vom Regional- auf den Fernverkehr spürbar steigen. Außerdem würden Bürger an dem Projekt beteiligt. So hätten etwa Infoveranstaltungen stattgefunden. Dass es auch Nachteile für einige Menschen geben werde, sei hinlänglich bekannt, sagte eine Sprecherin der Verkehrsbehörde.

(mit Material der dpa)

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