Fair-Trade-Bordelle? : Verband fordert mehr Anerkennung für Sexarbeit

Undine de Rivière ist Sprecherin vom 'Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen'. Dieser setzt sich für die Rechte und bessere Arbeitsbedingungen von Prostituierten ein.
Undine de Rivière ist Sprecherin vom "Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen". Dieser setzt sich für die Rechte und bessere Arbeitsbedingungen von Prostituierten ein.

Momentan könne sie sich keinen besseren Job vorstellen, sagt Undine de Rivière. Sie ist Prostituierte in Hamburg. Von aktuellen Plänen der Politik, das Prostitutionsgesetz zu verschärfen, hält sie nichts.

shz.de von
02. Juni 2014, 21:25 Uhr

Hamburg | Ihr Gesicht ist dezent blass geschminkt, die Lippen sind rot angemalt und die gelockten rötlich-braunen Haare gehen ihr etwa bis zu den Schultern. Fast puppenhaft sieht sie aus – Undine, 40 Jahre alt, Prostituierte. Manchmal spiele sie gerne mit Klischees, sagt die studierte Physikerin, die als Studentin mit der Sexarbeit angefangen hat, und zieht sich einen bodenlangen schwarzen Ledermantel und kniehohe Stiefel mit Plateau-Absätzen an. Dann legt sie sich auf das überdimensionierte Bett in ihrem Hamburger Studio und posiert für das Foto. „Ich mag den Beruf sehr gerne, habe ihn selbst gewählt, und ich glaube, ich bin gut in dem, was ich tue.“ 

Undine de Rivière, wie sie sich nennt, ist Pressesprecherin des Berufsverbandes erotische und sexuelle Dienstleistungen. Der Verein setzt sich für die Rechte und bessere Arbeitsbedingungen von Prostituierten ein. Er wünscht sich – auch anlässlich des heutigen „Internationalen Hurentags“ – einen normaleren Umgang mit der Branche. „Wenn im Lebenslauf stehen könnte, dass ich als selbstständige Sexarbeiterin tätig war, wäre ich am Ziel“, sagt die Frau, die seit 20 Jahren als Prostituierte arbeitet.

Von den aktuellen Plänen der Bundesregierung, das Prostitutionsgesetz zu verschärfen, hält sie nichts. Was jetzt diskutiert wird, sei wie eine Rückabwicklung des Prostitutionsgesetzes von 2002. Die Politik wolle wieder mehr Repressalien gegen Prostituierte einführen, findet sie. „Ich halte nichts von solch unnötigen Repressalien gegen Sexarbeiterinnen oder gegen Bordellbetreiber“, sagt de Rivière.

Das Prostitutionsgesetz, das im Jahr 2002 unter der damaligen rot-grünen Bundesregierung eingeführt wurde, sollte das Gegenteil bewirken: Vor der Einführung galt Prostitution als sittenwidrig, und die Vereinbarungen zwischen den Frauen und ihren Freiern hatten keine rechtliche Gültigkeit. Rechtlich und sozial standen Prostituierte also schlecht da, denn sie konnten weder in die Sozialkassen einzahlen, noch ihren Lohn vor Gericht einklagen. Das damalige Gesetz änderte dies. Es stand aber immer wieder in der Kritik, weil es, so die Kritiker, vor allem die Rechte der Freier stärke und Zwangsprostitution fördere.

Frauenrechtlerin Alice Schwarzer (71) zum Beispiel macht seit längerem in dieser Sache mobil. Durch das liberalisierte Prostitutionsgesetz sei Deutschland zu Europas Drehscheibe für Frauenhandel und zum Paradies der Sextouristen aus den Nachbarländern geworden, kritisierte ihre Zeitschrift „Emma“. In vielen Kommunen, besonders an den deutschen Grenzen, wird zudem über Hilfen für Frauen debattiert, die etwa aus Rumänien, Bulgarien oder der Ukraine verschleppt, zur Prostitution gezwungen und von Zuhältern ausgebeutet werden.

Um Zwangsprostitution und Menschenhandel effektiver zu bekämpfen und Bordelle besser kontrollieren zu können, hat die Union inzwischen ein Eckpunktepapier vorgelegt, das die SPD weitgehend mitträgt. Demnach soll das Prostitutionsgesetz dahingehend verschärft werden, dass unter anderem das Mindestalter für Prostituierte von 18 auf 21 angehoben und „menschenunwürdige Geschäftsmodelle“ wie Flatrate-Bordelle verboten werden.

Aus Sicht von de Rivière laufen diese Maßnahmen unter „dem Deckmantel von Schutz- und Hilfeleistung“, es gehe aber tatsächlich um die Eindämmung von Prostitution, meint die Vereinssprecherin. Sie selbst hält nichts von einer Abschaffung der sogenannten Flatrate-Bordelle, denn sie kenne viele Kolleginnen, die gerne und langfristig dort arbeiten würden, weil sie das Tageshonorar schätzten und sie nicht selbst um Kunden werben müssten. Auch Flatrate-Partys sollen wohl nicht mehr angeboten werden. Bei solchen Partys zahlen die Freier Eintritt und dürfen so häufig mit Prostituierten Sex haben, wie sie wollen.

Während die Bundesregierung also insgesamt darüber nachdenkt, die Prostitutionsbranche unter schärfere Kontrolle zu stellen, findet der Berufsverband der Prostituierten es wichtiger, Mindeststandards für die Sexarbeit zu etablieren. „Ich könnte mir zum Beispiel in Anlehnung an Fairtrade-Produkte eine Art Gütesiegel-Prinzip für fair geführte Bordelle vorstellen, was den Frauen und den Kunden zeigt, dass es dort vernünftig abläuft“, sagt de Rivière.

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