Netzrückkauf durch Hamburg : Vattenfall will bei Fernwärme im Boot bleiben – auch ohne Moorburg

Die Durchlaufkühlung Kohlekraftwerks Moorburg erhitzt die Gemüter.
Der per Volksentscheid geforderte Rückkauf der Hamburger Energienetze sorgte 2013 für Aufsehen.

Die Stadt Hamburg hat noch bis Ende November Zeit, das Fernwärmenetz zurückzukaufen. Viele Fragen sind ungeklärt.

shz.de von
28. August 2018, 07:21 Uhr

Hamburg | Vor dem Hintergrund des nahen Fristendes für den Rückkauf des Hamburger Fernwärmenetzes durch die Stadt hat Vattenfall sein Interesse an der Fortführung der Zusammenarbeit bekundet – auch ohne das Kohlekraftwerk Moorburg. „Vattenfall möchte an der Weiterentwicklung der Fernwärme weiterarbeiten und ist bereit, sinnvolle Konzepte zu entwickeln und umzusetzen“, sagte die Hamburger Sprecherin des schwedischen Energiekonzerns, Barbara Meyer-Bukow.

Voraussetzung sei allerdings, „dass eine gemeinsame Lösung gefunden wird, die zu einer deutlichen CO2-Einsparung führt, wirklich auf das Erneuerbare-Zeitalter vorbereitet und die Preise im Zaum hält“.

Kauf verstößt möglicherweise gegen Haushaltsordnung

Hintergrund ist der 2013 per Volksentscheid geforderte Rückkauf der Hamburger Energienetze. Die Stadt hat noch bis zum 31. November Zeit, das Fernwärmenetz inklusive des überalterten Kohle-Heizkraftwerks Wedel für insgesamt 950 Millionen zurückzukaufen. Nutzt sie diese Option nicht, bliebe die Fernwärme in privater Hand bei Vattenfall.

Der Wert des Unternehmens liegt mittlerweile allerdings rund 300 Millionen Euro unter dem 2014 vereinbarten Mindestkaufpreis. Der Senat befürchtet, gegen die Haushaltsordnung zu verstoßen, sollte der Preis dennoch gezahlt werden. Momentan hält die Stadt bereits mit 25,1 Prozent an dem Netz eine Sperrminorität. Der Rest gehört Vattenfall. Die Verhandlungen laufen.

Heizkraftwerk in Wedel sorgt für Zeitdruck

Bei der Stadt sieht man diese Offerte eines dritten Weges unter dauerhafter Einbeziehung des schwedischen Energieriesens skeptisch. „Über laufende Verhandlungen mit Vattenfall äußern wir uns nicht“, sagte ein Sprecher der Umweltbehörde zwar. Aber: „Der Hamburger Senat arbeitet weiter daran, die Verpflichtung des Volksentscheids zur Übernahme der Energienetze umzusetzen.“ Dann wäre Vattenfall raus.

Für Zeitdruck sorgt auch das in die Jahre gekommene Heizkraftwerk Wedel, das rund 120.000 Haushalte im Hamburger Westen mit Fernwärme versorgt, aber jährlich bis zu 1,4 Millionen Tonnen CO2 in die Atmosphäre pustet und 2021 stillgelegt werden soll. Vattenfall hatte sich bislang für einen Anschluss des Kraftwerks Moorburg als Ersatz stark gemacht. Die in dem modernen Steinkohle-Kraftwerk ohnehin anfallende Wärme wird bisher ungenutzt heruntergekühlt. Ein Anschluss Moorburgs an das Fernwärmenetz ist allerdings im Koalitionsvertrag der rot-grünen Regierung ausgeschlossen.

Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) hat ein Konzept vorgelegt, mit dem die in Wedel wegfallenden Kapazitäten ausgeglichen werden sollen. Es sieht neben der Nutzung von in der Stahl- und Aluminiumindustrie im Hafen anfallenden Wärme unter anderem auch die Verwendung der städtischen Abwasser durch Wärmepumpentechnologie und einen unterirdischen Wärmespeicher unter der Elbinsel Dradenau vor. Mit Mehrkosten von laut Kerstan rund zehn Prozent, die die Fernwärmekunden tragen müssten.

Moorburg spielt in städtischen Planungen keine Rolle

Eine Einbindung Moorburgs hat dagegen „in keiner der städtischen Planungen irgendeine Rolle gespielt“, sagte ein Sprecher der Umweltbehörde. „Wir sind zu der Ansicht gelangt, dass seitens der Stadt eine Wärmeeinspeisung durch das Kraftwerk Moorburg eine sehr schwierige Option ist“, meinte auch Meyer-Bukow. „Mit einer entsprechenden politischen Entscheidung würden wir natürlich leben.“ Man sei aber bereits in einem konstruktiven Dialog, bei dem Alternativen beurteilt würden. „Dabei muss es zuerst um eine wirklich effiziente Nutzung des fossilen Energieträgers Gas und um eine Vorbereitung der heute im Wärmemarkt nur begrenzt möglichen Nutzung von erneuerbaren Energien gehen.“ Diese Voraussetzung biete aber noch keines der heute diskutierten Konzepte, auch nicht das der Umweltbehörde, sagte Meyer-Bukow. Vattenfall hat sich den Verzicht auf fossile Energien binnen einer Generation auch werbewirksam auf die Fahnen geschrieben.

Das Unternehmen strebt nun offensichtlich eine Mischung aus dem Kerstan-Konzept mit Wärmespeicher, Nutzung der Industrie- und Abwasserwärme unter Einbeziehung der Müllverbrennungsanlage Rugenberger Damm – ebenfalls in Vattelfall-Hand – sowie einem neuen, effizienten Gas-Kraftwerk an, das dann sinnvollerweise im Hafen stehen müsste. Denn ein Planfeststellungsverfahren für eine Fernwärmeleitung unter der Elbe ist bereits angestoßen, ruht aber aufgrund der unklaren Lage. „Wir haben genug Elemente zur Verfügung, um eine sinnvolle Lösung zu ermöglichen“, sagte Meyer-Bukow, ohne weitere Details zu nennen. Nur soviel: „Dort wird Gas eine Rolle spielen, aber ebenso Speicherlösungen und die Nutzung von Wärmepumpentechnologie.“

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