zur Navigation springen

Unesco-Ehre für Hamburg : Urkunde für die Speicherstadt: Fragen und Antworten zum Weltkulturerbe

vom
Aus der Onlineredaktion

Der Außenminister kommt mit der Urkunde unter dem Arm und überreicht Hamburg zertifizierten Weltruhm. Worum geht es beim Welterbe und wo gibt es weitere Stätten in der Nähe?

shz.de von
erstellt am 27.Jun.2016 | 12:20 Uhr

Hamburg | Ein buntes Bild in den einschlägig bekannten Reiseführern ist Hamburgs Speicherstadt nun sicher bis in alle Ewigkeit – wenn sie das nicht eh schon war. Fast ein Jahr nach der Ernennung wurde dem pittoresken Lagerhauskomplex aus stilechtem Backstein am Montag offiziell der Status „Unesco-Weltkulturerbe“ eingraviert. Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) nahm die begehrte UN-Urkunde im Börsensaal des Ameron Hotels von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier entgegen.

Die Unesco-Ehrung wird in Hamburg und Deutschland als nomineller Aufschluss zu anderen kulturhistorisch bedeutenden Metropolen empfunden. Die Speicherstadt stehe nun in „einer Reihe mit den Pyramiden Ägyptens, dem Mont Saint-Michel, dem Tadsch Mahal, oder der Inkastadt Machu Picchu, erklärte die Präsidentin der Deutschen Unesco-Kommission, Verena Metze-Mangold, bei der Entscheidung vor einem Jahr.

 

Fragen und Antworten rund ums Thema Welterbe:

Was ist das Besondere an der Speicherstadt?

Am 5. Juli 2015 wurde das Kontorhausviertel zusammen mit der Hamburger Speicherstadt und dem Chilehaus (Foto) zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt.

Foto:imago/blickwinkel

Die Hamburger Speicherstadt gilt als das größte zusammenhängende und einheitlich geprägte Speicherensemble der Welt. Das Kontorhausviertel mit seinen Klinkerfassaden entstand in den 1920er und 1930er Jahren. Das Speicherensemble wurde von 1885 bis 1927 unter der Leitung von Franz Andreas Meyer in drei Bauabschnitten als größtes und modernstes Logistikzentrum seiner Zeit errichtet. Mehr als 18.000 Menschen verließen notgedrungen ihre Häuser, damit 1885 mit der Errichtung der Speicher begonnen werden konnte. Jeder Block hatte jeweils eine Wasser- und eine Landseite, womit Waren sowohl per Schuten über die Fleete als auch über die Straße transportiert werden konnten.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Speicherstadt zwar stark beschädigt, aber in der Nachkriegszeit von Werner Kallmorgen weitgehend nach historischem Vorbild wieder aufgebaut und mit 1950er-Jahre-Bauten von hoher Qualität ergänzt. Durch den behutsamen Wiederaufbau konnte das einheitliche Bild, das die Speicherstadt bis heute prägt, wieder hergestellt werden.

In den 1980er Jahren, als die einstigen Waren der Speicherstadt größtenteils an modernen Container-Terminals umgeschlagen wurden, hielten die Teppichhändler Einzug in das Quartier. Noch heute gilt die Speicherstadt als weltweit größter Lager- und Handelsplatz für Orientteppiche, obwohl die Zahl der Händler dramatisch gesunken ist.

Das benachbarte Kontorhausviertel mit den Büros des Hafens und der Schifffahrtsunternehmen wurde zwischen 1920 und 1940 erbaut. Der Komplex mit dem berühmten Chilehaus war das erste Büroviertel in Europa.

Worum geht es beim Welterbe?

Verliehen wird der Titel Welterbe von der Unesco, der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur. Dabei kann es sich um ein Weltkulturerbe oder ein Weltnaturerbe handeln. Die Unesco verabschiedete 1972 die Welterbekonvention, ein „Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt“. Inzwischen haben 191 Staaten das Übereinkommen unterzeichnet. Es hat eine international sehr hohe Bedeutung.

Die Geschichte der Welterbekonvention begann in Ägypten. Als dort in den 1960er Jahren der Assuan-Staudamm gebaut wurde, drohten die tausende Jahre alten Tempel von Abu Simbel im Wasser zu versinken. Die Unesco rief zu einer Hilfsaktion auf, an der sich 50 Staaten beteiligten. Ein paar Jahre später folgte dann die Verabschiedung der Konvention.

Was sind die Kriterien für die Aufnahme in die Welterbe-Liste?

Ein starkes Kriterium ist die Einzigartigkeit der Stätte. Ein Naturerbe soll „von außergewöhnlicher Schönheit“ sein, Kulturerbestätten gelten oft als „Meisterwerke der menschlichen Schöpferkraft“. Außerdem sind für eine erfolgreiche Bewerbung die historische Echtheit und die Unversehrtheit relevant. Entscheidend ist natürlich auch das Votum des Unesco-Welterbekomitees. Es entscheidet Jahr für Jahr, welche Stätten neu auf die Welterbe-Liste kommen.

Wie viele Welterbestätten gibt es bisher?

Weltweit gibt es mittlerweile 1031 Natur- und Kulturstätten in 163 Ländern. Unter anderem gehören das Great Barrier Reef in Australien,  die Akropolis in Athen, Stonehenge in England sowie die Inka-Bergfestung Machu Picchu in Peru dazu.

 

Welche Stätten hat Deutschland auf der Liste?

Deutschland ist auf der Liste mit 40 Stätten vertreten. Dazu gehören Orte wie Weimar, die Altstädte von Stralsund und Wismar, Bauten wie der Kölner Dom oder die Wartburg. Dem Dresdner Elbtal wurde der Titel 2009 wegen des Baus einer Brücke aberkannt. Zuletzt wurden 2014 das Karolingische Westwerk und die Civitas Corvey in Höxter (NRW) auf die Liste gesetzt.

Nach der Aufnahme der Hamburger Speicherstadt stehen 40 Kultur- und Naturdenkmäler in Deutschland auf der Unesco-Welterbeliste:

- Hamburger Speicherstadt und Kontorhausviertel (2015)

- Karolingisches Westwerk und Civitas Corvey (2014)

- Bergpark Wilhelmshöhe Kassel (2013)

- Markgräfliches Opernhaus Bayreuth (2012)

- Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen (2011)

- Fagus-Werk in Alfeld, Niedersachsen (2011)

- Alte Buchenwälder Deutschlands (2011)

- Wattenmeer (2009)

- Siedlungen der Berliner Moderne (2008)

- Altstadt von Regensburg mit Stadtamhof (2006)

- Obergermanisch-rätischer Limes (2005)

- Muskauer Park, Sachsen (2004)

- Rathaus und Roland in Bremen (2004)

- Oberes Mittelrheintal (2002)

- Altstädte von Stralsund und Wismar (2002)

- Industriekomplex Zeche Zollverein in Essen (2001)

- Klosterinsel Reichenau (2000) -

 Gartenreich Dessau-Wörlitz (2000)

- Museumsinsel Berlin (1999)

- Wartburg bei Eisenach (1999)

- Klassisches Weimar (1998)

- Luther-Gedenkstätten in Eisleben und Wittenberg (1996)

- Das Bauhaus und seine Stätten in Weimar und Dessau (1996)

- Kölner Dom (1996)

- Grube Messel, Hessen (1995)

- Völklinger Hütte (1994)

- Stiftskirche, Schloss und Altstadt von Quedlinburg (1994)

- Klosteranlage Maulbronn, Baden-Württemberg (1993)

- Altstadt von Bamberg (1993)

- Bergwerk Rammelsberg, Altstadt von Goslar und Oberharzer Wasserwirtschaft (1992)

- Kloster Lorsch, Hessen (1991)

- Schlösser und Parks von Potsdam und Berlin (1990)

- Hansestadt Lübeck (1987)

- Römische Baudenkmäler, Dom und Liebfrauenkirche von Trier (1986)

- Dom und Michaeliskirche in Hildesheim (1985)

- Schlösser Augustusburg und Falkenlust in Brühl, NRW (1984)

- Wallfahrtskirche „Die Wies“ in Steingarden, Bayern (1983)

- Würzburger Residenz und Hofgarten (1981)

- Speyerer Dom (1981)

- Aachener Dom (1978)

Wie viele Welterbestätten befinden sich in SH und Jütland?

Seit 1987 steht Lübeck auf der Liste. Mit dem historischen Stadtkern der Hansestadt wurde erstmals in Nordeuropa eine ganze Altstadt von der Unesco als Weltkulturerbe anerkannt. Die Altstadt gilt als herausragendes Beispiel der Backsteingotik.

Das Holstentor in Lübeck.
Das Holstentor in Lübeck. Foto:imago/Westend61

 

2009 erkannte die Unesco außerdem das Wattenmeer Weltnaturerbestätte an. Es erstreckt sich von den Niederlanden bis nach Dänemark. In Deutschland gehört es neben Schleswig-Holstein zu Niedersachsen und Hamburg. Es ist weitgehend in seinem ursprünglichen Zustand erhalten und ist das vogelreichste Gebiet Europas. Und es gilt als Deutschlands bedeutendster Naturraum.

Christiansfeld, die um 1771 über einen königlichen Blankocheck erstellte Planstadt der Herrnhuter Brüdergemeine in Nordschleswig ist seit 2015 offiziell Träger des Titels. Die auch für ihren Honigkuchen bekannte Stadt nördlich von Hadersleben mit dem architektonisch geschlossenen Stadtbild hatte rund 15 Jahre an der Ernennung gearbeitet, die vom dänischen Kulturministerium gefördert wurde.

Foto:Villy Fink Isaksen, Wikimedia Commons, License cc-by-sa-3.0

 

Jelling, nordwestlich von Ribe in Jütland, gehört zu den bedeutenden archäologischen Fundplätzen und als Wiegeplatz des Christentums in Nordeuropa. Das Ensemble von Kirche, Grabhügeln und Runensteinen wurde 1994 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.  König Harald Blauzahn ließ sich im Jahre 960 taufen und gab wohl daraufhin den den großen „Jellingsten“, einen Runenstein, in Auftrag. Die Inschrift lautet: „König Harald befahl, diesen Stein zu errichten zum Gedenken an Gorm, seinen Vater, und an Thyra, seine Mutter. Der Harald, der (dem) sich ganz Dänemark und Norwegen unterwarf und die Dänen zu Christen machte.“

Foto:Imago

 

Welche Rolle spielen die Finanzen?

Da jedes Jahr neue Stätten zur Liste zugefügt werden, verschärft sich die sowieso schon prekäre Finanzlage der UN-Kulturorganisation: Seit die Unesco Palästina 2011 als Vollmitglied aufgenommen hat, hat der größte Beitragszahler USA den Geldhahn zugedreht. Das bedeutet mal eben 22 Prozent weniger. So kommt es, dass für die Welterbe-Programme noch nicht einmal fünf Millionen Euro im Jahr zur Verfügung stehen.

Davon fließen mittlerweile 80 Prozent in die Bewertung und Überprüfung der Stätten. „Das ist in der Tat ein kritischer Punkt“, sagt die Vorsitzende des Welterbekomitees, Staatsministerin Maria Böhmer (CDU), in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur. „Bei den Finanzen knirscht's.“

Gibt es Kritik an der Liste?

Ja. Stephan Dömpke, Vorsitzender des Berliner Vereins World Heritage Watch, hält die immer länger werdende Liste für höchst problematisch. „Denn mit der zunehmenden Zahl geht unweigerlich eine schleichende Entwertung einher.“ Man müsse sich darüber einigen, wie man zu einem Ende der Liste kommen könne.

Staatsministerin Maria Böhmer ist keinesfalls dafür, die Liste zu schließen: „Qualitätsvolle Welterbestätten sind immer willkommen.“

Ein Aufnahmestopp erscheint sowieso illusorisch - denn mit dem Welterbetitel sind handfeste wirtschaftliche Interessen verknüpft.

Viele Kulturreise-Veranstalter steuern inzwischen nur noch Regionen an, die auch Welterbestätten vorweisen können. In dieser Hinsicht ist das Welterbekonzept ein Opfer seines eigenen Erfolgs: Immer mehr Länder wollen sich mit noch mehr Einträgen profilieren.

Was ist mit Haithabu und dem Danewerk?

Seit 2013 heißt das transnationale Projekt „Wikingerzeitliche Stätten in Nordeuropa“. Deutschland, Island, Dänemark und Lettland wollten bedeutende Stätten der Wikingerkultur in Nordeuropa in einer transnationalen Welterbestätte zusammenzufassen. Dazu gehören auf schleswig-holsteinischer Seite das frühere Handelszentrum der Wikinger Haithabu und die Verteidigungswälle des Danewerk. Die Denkmale Jelling in Dänemark und Thingvellir in Island sind bereits auf der Welterbeliste.

Rekonstruierte Wikingerhäuser in Haithabu.
Rekonstruierte Wikingerhäuser in Haithabu. Foto:imago/imagebroker

Die Sammelbewerbung hat es im ersten Anlauf im Juli 2015 nicht auf die Unesco-Welterbeliste geschafft. Das Welterbekomitee der UN-Kulturorganisation forderte wie zuvor erwartet umfassende Nachbesserungen. Der Internationale Denkmalrat ICOMOS hatte Bedenken geäußert, ob mit den sieben Stätten das gesamte Phänomen der Besiedlung und des Handels durch die Wikinger in Nordeuropa nachgewiesen werden könne. Letztlich sei das Konzept zu vage für ein so ehrgeiziges Projekt.

(mit dpa)

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen