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Tornado in Hamburg : Unwetter: Aufräumarbeiten in Hamburg, weiter Starkregen im Süden

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In Hamburg entspannt sich die Lage nach dem Unwetter. Die Menschen im Süden Deutschlands kommen dagegen nicht zur Ruhe.

shz.de von
erstellt am 08.Jun.2016 | 12:56 Uhr

Hamburg | Erst gab es Tornados in Schleswig-Holstein, am Dienstagabend dann mit großer Wahrscheinlichkeit auch in Hamburg - dort setzen die Hilfskräfte nach dem schweren Unwetter am Mittwoch ihre Aufräumarbeiten fort. Die Einsatzkräfte räumten in den betroffenen Stadtteilen im Nordosten vor allem umgeknickte Bäume und abgebrochene Äste fort, sagte ein Sprecher der Feuerwehr sagte. Der zwischenzeitlich verhängte Ausnahmezustand sei wieder aufgehoben worden.

Die Unwetterbilanz: Dutzende Bäume stürzten um, bei etlichen Häusern wurden die Dächer abgedeckt, Keller liefen mit Wasser voll. Das stark beschädigte Dach eines neungeschossigen Hochhauses habe gerade noch vor dem Absturz gesichert werden können, sagte der Sprecher. Ein Gesamtbild des entstandenen Schadens habe sich die Feuerwehr noch nicht machen können, ergänzte er.

Die Rettungskräfte waren seit Dienstagabend zu mehr als 250 Einsätzen ausgerückt. Über 1000 Feuerwehrleute waren im Einsatz. Verletzte gab es nach Angaben des Sprechers trotz der Verwüstungen nicht.

Diese Tornados wüteten schon in SH und Hamburg

Helgoländer Düne/Sylt, 12. Juli 2010:

Windhosen verwüsten auf der Helgoländer Düne einen Campingplatz und auf der Nordseeinsel Sylt ein Zeltlager. Auf der Düne vor Deutschlands einziger Hochseeinsel Helgoland werden elf Menschen verletzt, sie erleiden überwiegend Knochenbrüche, vor allem durch Strandkörbe. Lutz Hardersen, Wirt des Dünenrestaurants, berichtete damals von Strandkörben, die 100 Meter weit durch die Luft gewirbelt und völlig zerstört wurden: „Es sieht aus wie nach einem Bombenangriff“. Auf Sylt gibt es keine Verletzten, als ein Tornado in Hörnum über ein Zeltlager hinwegfegt.

Bad Bramstedt, 11. November 2007:

Einigermaßen glimpflich übersteht Bad Bramstedt (Kreis Segeberg) einen Tornado, der nach heftigem Hagel auf rund 1300 Metern Länge über den Nordrand des Kurortes zieht.

Niemand wird verletzt, auch die Schäden halten sich in Grenzen. Ein entwurzelter Baum kippt auf ein Auto, Dächern werden bis zu 20 Quadratmeter abgedeckt.

Hamburg, 27. März 2006:

Zwei Tote, 300 000 Hamburger ohne Strom, Chaos im Nahverkehr und Schäden in Millionenhöhe: Das ist die verheerende Bilanz eines Unwetters mit einem Tornado, der am Abend um 19.00 Uhr über den Stadtteil Harburg mit 150 Stundenkilometern fegt. Zwei Bauarbeiter im Alter von 43 und 45 Jahren sterben in ihren Führerhäuschen, als ihre Kräne auf einer Baustelle „wie in Zeitlupe“ umkippen, zwei weitere Arbeiter werden verletzt. Abgedeckte Dächer, umgeknickte Bäumen, abgerissene Stromleitungen - doch der damalige Innensenator Udo Nagel (parteilos) betont:

„Es hätte alles noch viel schlimmer kommen können, (...) nicht auszumalen, wenn das ganze einige Stunden früher auf belebten Straßen passiert wäre.“

Norderstedt, 23. Juni 2006:

In der schleswig-holsteinischen Stadt am nördlichen Speckgürtel Hamburg richtet ein Tornado schwere Schäden an. Besonders heftig wütet die Windhose auf einem Reiterhof: Eternit-Platten fliegen wie Geschosse durch die Luft. 10 Kinder werden noch rechtzeitig in einer Reithalle in Sicherheit gebracht.

Eine Joggerin wird leicht verletzt. Zahlreiche Bäume stürzen um, die Dächer einiger Häusern abgedeckt, aber es wird niemand verletzt.

Basedow, 15. Juli 2005:

Die Die Menschen auf dem Campingplatz „Lanzer See“ in Basedow (Kreis Herzogtum Lauenburg) werden gegen 14.00 überrascht: Ein Sturm mit Hagel und Regen fegt über den Platz am Ufer des Elbe-Lübeck-Kanals hinweg. Der Tornado fällt Bäume, deckt Dächer ab und zerfetzt Vorzelte. Äste stürzen in Stromleitungen und fangen Feuer. Umgekippte Bäume zerdrücken Autos. Menschen werden nicht verletzt. „Der Spuk dauerte keine 30 Sekunden“, berichtet Platzwart Jürgen Heine damals. Auf fast allen der 200 Plätze des Campingplatzes sind anschließend Schäden zu beklagen.

Kiel, 5. Mai 1973:

An einem verkaufsoffenen Samstag tobt nachmittags ein Tornado durch die Kieler Innenstadt. Ein Mensch stirbt, es gibt mehr als 100 Verletzte. Der Sturm richtet Schäden von etwa 15 Millionen Euro an, betroffen sind auch der Kieler Hauptbahnhof und das Werftgelände von HDW (heute TKMS). Schon bevor das Unwetter Kiel erreicht, zerstört es mehrere Bauernhöfe und knickt Hochspannungsmasten.

 

Eine kurze Bilanz fasste die Feuerwehr am Mittwochmorgen bei Twitter zusammen:

 

Sicher ist: Das Unwetter hat im Hamburger Osten eine Schneise der Zerstörung hinterlassen. „Auf Hunderten Metern Länge gibt es massive Schäden“, sagte ein Feuerwehrsprecher am späten Dienstagabend.

Schuld an der Zerstörung ist „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ ein Tornado, sagte eine Sprecherin des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Angesichts der Bilder und Berichte über entwurzelte Bäume, Hagel mit mehr als drei Zentimetern Größe und Starkregen, könne dies angenommen werden.

 

Eine Kleingartenanlage im Stadtteil Farmsen gleicht am Mittwochmorgen einem Trümmerfeld. Gartengeräte und Rohre liegen durcheinander, eine Laube wurde völlig weggerissen, nur ein Sofa steht noch im Freien. Nicole Greve wollte mit ihrem 13-jährigen Sohn gerade Würstchen grillen, als über der Kleingartenanlage in Hamburg-Farmsen plötzlich das Unwetter hereinbrach. Erst habe kräftiger Regen eingesetzt, dann fielen Hagelkörner fast so groß wie Tischtennisbälle und plötzlich war der Tornado da. „Die Veranda fing an zu dröhnen, das Dach flog weg und der Apfelbaum fiel direkt auf die Laube drauf“, sagt die 47 Jahre alte Chemielaborantin, während sie am Dienstagabend noch immer fassungslos vor ihrem schwer beschädigten Gartenhäuschen steht.

Auch diese Laube wurde völlig zerstört.
Auch diese Laube wurde völlig zerstört. Foto: dpa
 

Ihre Nachbarin traf es noch schwerer. Deren Laube ist komplett zerlegt. Das Ecksofa steht völlig frei, daneben die kleine Küche, ebenfalls unter freiem Himmel. Die Umgebung ist voller Trümmer: Bretter, Teile von Dächern und Wänden, Gartenmöbel ein orangefarbenes Bobbycar. Dazwischen umgestürzte Bäume, dicke Äste. Die Storchenfiguren am Goldfischteich haben Schlagseite. Wer das Trümmerfeld sieht, kann kaum glauben, dass die ebenfalls 47 Jahre alte Frau unverletzt blieb.

„Sie war völlig aufgelöst, hat gezittert“, sagt Greve. Sie habe sie in ihr noch stehendes Häuschen reingeholt, doch dann sei die Frau unter Schock weggelaufen. Ihr Sohn holte sie nach Hause. Er berichtet am Telefon, seine Mutter habe sich in dem Gartenhäuschen auf den Boden geworfen. Um sie herum seien Einrichtungsgegenstände und noch stromführende Kabel im Kreis herumgewirbelt. „Sie hat sich tierisch erschrocken“, sagt er.

Das Unwetter habe nur fünf oder sechs Minuten gedauert, erinnert sich Greve. Während der Tornado die Kleingärten verwüstete, habe es nicht einmal mehr geregnet. „Die Geräusche machten einem Angst, es war wie im Film“, sagt eine Anwohnerin in der Straße Rönk, wenige Schritte weiter. „Der Schuppen ist komplett zerstört, das Trampolin flog 20 Meter hoch“, ergänzt ihr Nachbar.

In der Parallelstraße Kiebitzhegen, direkt an der Kleingartenanlage, hat der Wirbelsturm fast alle Spitzdächer der kleinen Einfamilienhäuser beschädigt. Von einem der Häuser hat der Tornado einen Teil des Giebels weggerissen. Die Nachbarn helfen sich gegenseitig, die Schäden noch am Abend provisorisch zu reparieren. „Einige haben die Dachziegel von der Garage runtergenommen, um damit die Hausdächer zu reparieren“, sagt ein Anwohner.

Auch Tiefgaragen liefen mit Wasser voll.
Auch Tiefgaragen liefen mit Wasser voll. Foto: dpa
 

Frappierend ist, wie punktuell die Naturgewalt zugeschlagen hat. In der Straße Sandstücken stehen noch immer große prächtige Laubbäume in einer Reihe, offensichtlich ohne einen abgeknickten Zweig. Zehn Meter weiter ist ein Baum mit 80 Zentimeter dickem Stamm komplett zerlegt. Glück und Unglück sind an diesem Abend sehr ungleich verteilt.

Auch etwas abseits der Schneise, die der Sturm hinterlassen hat, kam es in der Hansestadt vereinzelt zu schweren Schäden. Im Stadtteil Rahlstedt fing laut Feuerwehr ein Dachstuhl nach einem Blitzeinschlag Feuer - in Sasel wurde eine Straße überschwemmt. Satellitenbildern zufolge seien örtlich teils mehr als 50 Liter Regen pro Quadratmeter niedergegangen, sagte die DWD-Sprecherin.

Auch diese Fotos zeigen das Ausmaß der Verwüstung:

Dieser Baum kippte auf ein Grundstück.
Dieser Baum kippte auf ein Grundstück. Foto: dpa
Hamburg am Dienstagabend: Auch hier zeigt sich, mit welcher Wucht der Wind einzelne Häuser getroffen hat.
Hamburg am Dienstagabend: Auch hier zeigt sich, mit welcher Wucht der Wind einzelne Häuser getroffen hat. Foto: dpa
Am Dienstagabend wurde in Hoisbüttel eine mächtige Eiche gespalten und die Krone quer über einen beliebten Wanderweg gelegt - auch hier mussten die Einsatzkräfte ran.
Am Dienstagabend wurde in Hoisbüttel eine mächtige Eiche gespalten und die Krone quer über einen beliebten Wanderweg gelegt - auch hier mussten die Einsatzkräfte ran. Foto: Peter Wüst
Mächtige Bäume knickten um.

Mächtige Bäume knickten um.

Foto: dpa
 

Und in den sozialen Netzwerken wurden zahlreiche Bilder und Videos geteilt - auch vom Tornado:

This evening in #hamburg    #tornado

Ein von Kung Fu AJ (@kungfu_aj) gepostetes Foto am

Doch während der Norden langsam aufatmen kann, kämpfen die Menschen im Süden weiter gegen das Unwetter:

Im niederbayerischen Landkreis Rottal-Inn sind dort - eine Woche nach den verheerenden Überschwemmungen - noch immer mehrere hundert Einsatzkräfte mit den Aufräumarbeiten beschäftigt. „Es läuft aber alles gut voran“, sagte der Sprecher des Landratsamtes, Robert Kubitschek. Sieben Menschen starben, als sich am vergangenen Mittwoch eine Welle aus Schlamm und Geröll durch mehrere Ortschaften wälzte und Schäden in Milliardenhöhe verursachte.

Im Südwesten kommen die vom Unwetter geplagten Menschen noch immer nicht zur Ruhe: Starker Regen überflutete in einigen Regionen Baden-Württembergs erneut Straßen und Keller. Der Starkregen von Dienstagabend bis Mittwochfrüh habe sich vor allem auf die Region zwischen dem Nord-Schwarzwald und Zollernalb sowie auf die Ostalb konzentriert, teilte ein DWD-Sprecher mit. In Frankfurt wurde ein Flughafenmitarbeiter von einem Blitz getroffen und schwer verletzt. Der Blitz traf am Dienstagabend das Headset des 44-Jährigen, wie die Polizei mitteilte.

Vor allem im Süden ist die Unwettergefahr auch weiter nicht gebannt. Besonders Baden-Württemberg, Saarland und der westliche Landesteil Bayerns müssten sich auf erneuten Starkregen einstellen, sagte eine Sprecherin des Deutschen Wetterdienstes (DWD) am Mittwochmorgen.

Lokal seien wieder starke Niederschläge von bis zu 40 Litern pro Quadratmeter innerhalb kurzer Zeit möglich - laut DWD an manchen Orten ein vergleichbarer Wert zu den vergangenen Tagen.

Wo es in diesem Jahr bereits Tornados in Deutschland gab und wo welche vermutet werden, sehen Sie auf dieser Karte:

Die Karte erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Mit dem Baumsymbol werden die Verdachtsfälle markiert. Hier ist unklar, ob zum Beispiel ein fotografierter Funnel (Trichterwolke) Bodenkontakt hatte. Kann dies bestätigt werden, hat es sich in dem Fall um einen Tornado gehandelt. In anderen Fällen deuten Indizien und Schäden auf einen Tornado hin. Auch Gewitterfallböen (Downbursts) können ähnliche Schäden anrichten wie ein Tornado. Das Ausmaß der Schäden variiert bei den Fällen 2016. Mal gab es keine, in anderen Fällen wurden zum Beispiel Dächer abgedeckt oder Bäume umgeknickt. Die in der Karte als plausibel klassierten Vorfälle sind mit ziemlicher Sicherheit Tornados. Hier deuten Zeugenaussagen, Schadensmeldungen oder Wetterdaten auf eine Windhose hin.

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