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Schauspielhaus in Hamburg : „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq feiert furiose Premiere

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Aus der Onlineredaktion

Houellebecqs für Furore sorgende Roman-Utopie „Unterwerfung“ über eine Islamisierung Europas erobert nun auch die Theater - mit einem grandiosen Solo Edgar Selges.

shz.de von
erstellt am 07.Feb.2016 | 13:40 Uhr

Hamburg | Welch ein Wagnis, welch ein Gewinn: Am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg hat die Premiere des Ein-Personen-Stücks „Unterwerfung“ umjubelte Premiere gefeiert. Nach 160 Minuten intensiver Theaterkunst honorierten die Besucher die Bühnenfassung der Roman-Utopie von Michel Houellebecq mit stehenden Ovationen. Im Zentrum der Begeisterung: Edgar Selge, der über rund zweieinhalb Stunden als Solist Bühne und Publikum fest im Griff hat.

Der Roman wurde vielen bekannt, weil er am Tag des Terroranschlags auf die Pariser Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ im Januar 2015 erschien und in Zusammenhang mit dem Anschlag gebracht wurden. Auf dem damals aktuellem Titel der Satirezeitschrift war ein Porträt Houellebecqs abgedruckt.

„Unterwerfung“ beschreibt die Islamisierung Frankreichs im Jahr 2022. Der erste muslimische Staatspräsident, Einführung der Vielweiberei, Burka-Gebot und Entfernung der meisten Frauen aus der Berufswelt: Die Satire entwirft ein beklemmendes Bild vom Sieg des Korans über die Bibel – und ist doch weniger Kritik am Islam als am Zustand der westlichen Welt.

Als Uni-Literaturprofessor verkörpert Selge das kraft- und wertelos gewordene Alt-Frankreich - intellektuell, egomanisch, ebenso unfähig zu menschlichen Bindungen wie zum Glauben. Innerlich ist Francois hoffnungslos entkernt, so wie das überdimensionale Kreuz, dem die zweite Hauptrolle des Abends zufällt. Das Symbol des Christentums hat Bühnenbildner Olaf Altmann als Hohlkörper in einer schwarzen Wand gestaltet. Dort dreht sich das Kruzifix immer fort, mal langsam, mal schnell, steht Kopf und legt sich quer. Selge nutzt den gekreuzten Raum als Bühne in der Bühne, veranstaltet Klimmzüge, lümmelt sich, richtet sich auf und kommt ins Rutschen.

Der TV-bekannte Mime („Polizeiruf“) interpretiert Francois in dem Endlos-Monolog als hedonistischen Opportunisten einer endzeitlichen Welt. Nie geht es ihm um Liebe, nur um Sex. Nie um übergeordnete Werte, nur um sich selbst. Ein weinerlicher Professor, der den Elfenbeinturm freilich schnell zu verlassen bereit ist, als sich der Wind dreht. Mit Hautcreme im Gesicht zum Clown gewandelt, konvertiert der Atheist am Ende zum Islam, unterwirft sich aus Überzeugung der neuen Ordnung. Im weißen Gewand des Moslems und ohne einen Anflug moralischer oder politischer Gewissensbisse. Drei huschende Burka-Trägerinnen haben zuvor alle Requisiten seines früheren Lebens abgeräumt.

Regisseurin Karin Beier versteht Houellebecqs Utopie als „Kopfgeschichte“. Mit Dramaturgin Rita Thiele hat die Schauspielhaus-Intendantin die Romanvorlage von 200 auf 40 Seiten verdichtet und lässt den Ich-Erzähler sämtliche Rollen ausfüllen. Eine kluge Idee. Das vordergründig realistische Geschehen erhält so eine zweite Ebene als reines Gedankenexperiment. Dieses wird von Selge furios ausgelotet, der gerade mit seiner unaufdringlichen Spielweise den Zuschauer in den Bann zieht. Es ist eine Meisterleistung des 67-Jährigen, die durch die wenigen Texthänger noch an Echtheit gewinnt.

Hamburg erlebt einen langen, nicht ganz mühelosen Abend, der eine wohltuende Erkenntnis bringt. Theater kann noch die Kraft aufbringen, in einer schlaff gewordenen Gesellschaft die wichtigen Fragen zu stellen - ohne sie alle beantworten zu müssen. Absolut empfehlenswert.

Info: „Unterwerfung“, bis 26. März, 20 Uhr, Tickest ab 10 Euro; Deutsches Schauspielhaus, Kirchenallee.

 

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