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Hamburg : Übergriffe an Silvester: Noch keine Verdächtigen ermittelt

vom
Aus der Onlineredaktion

Mehr Frauen als gedacht sind in Hamburg belästigt und beraubt worden. Jetzt ist die Videoüberwachung wieder in der Diskussion.

shz.de von
erstellt am 07.Jan.2016 | 16:00 Uhr

Hamburg/Köln | Die Zahl der sexuellen Übergriffe auf junge Frauen in der Silvesternacht in Hamburg-St. Pauli ist erheblich höher als zunächst gedacht. Bis zum Donnerstagnachmittag gingen bei der Polizei 70 Anzeigen ein, bei denen Frauen Opfer sexueller Belästigung geworden sind. Drei dieser Taten wurden in Hamburg-Neustadt am Jungfernstieg begangen. In 23 der genannten Fälle sind die Frauen auch bestohlen oder beraubt worden, zudem sind zwei Fälle von Körperverletzung angezeigt worden, wie die Polizei mitteilte. Es werde bislang nicht wegen sexueller Nötigung oder Vergewaltigung ermittelt.

Vor dem Kölner Hauptbahnhof hatte es in der Silvesternacht massive Übergriffe auf Frauen gegeben. Nach Angaben der Polizei waren sie von Männergruppen umzingelt, bedrängt und ausgeraubt worden. In einem Fall ermittelt die Polizei auch wegen des Verdachts der Vergewaltigung.

Die Opfer seien zwischen 18 und 25 Jahren alt. Die Täter - jeweils Gruppen von fünf bis 20 Männern - werden von den Frauen als „südländisch, nordafrikanisch, arabisch“ beschrieben. Auf die Frage, ob bereits Täter identifiziert worden seien, sagte der Sprecher Holger Vehren: „Die Ermittlungen dauern an.“ Die Ermittler seien noch dabei, das Bildmaterial auszuwerten und Zeugen und Opfer zu befragen.

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) lässt prüfen, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen der Vielzahl von ähnlichen Taten in Köln und den Übergriffen in Hamburg. „Das Ganze scheint abgesprochen gewesen zu sein,“ sagte Maas im ZDF-„Morgenmagazin“. „Es wäre schön, wenn das keine Organisierte Kriminalität wäre, aber ich würde das gerne mal überprüfen, ob es im Hintergrund Leute gibt, die so etwas organisieren.“ So etwas geschehe nicht aus dem Nichts, es müsse jemand dahinterstecken. Falls Asylsuchende unter den Tätern gewesen sein sollten, so könnten sie ausgewiesen werden, glaubt Maas.

Die Hamburger Polizei geht dagegen nicht von Verbindungen zu den Tätern von Köln aus. Dort gingen nach den Exzessen an Silvester bis Mittwoch mehr als 100 Anzeigen bei der Polizei ein, darunter zwei wegen Vergewaltigung. „Wir haben keine Anhaltspunkte dafür, dass es da Verbindungen gibt“, sagte Vehren. Man stehe aber mit den Kölner Kollegen in Kontakt und gehe dieser Frage nach.

Polizeipräsident Ralf Martin Meyer hat zur Aufklärung der Taten eine Ermittlungsgruppe eingesetzt. Darüber hinaus wird im Bereich des Vergnügungsviertels Hamburg-St. Pauli die polizeiliche Präsenz erhöht. Zudem setzt die Polizei am Wochenende anlassbezogen eine mobile Videoüberwachung ein, die temporär genutzt wird.

Einige der Opfer äußerten sich in Medien. „Sie schafften es, uns in dem Gewühl zu trennen und fassten uns an, vor allem untenrum“, zitierte die „Bild Hamburg“ am Mittwoch eine 18-jährige Schülerin aus Schleswig-Holstein, die mit drei Freundinnen auf der Großen Freiheit unterwegs war. „Mir griff einer in die Jeans, in den Slip. Wir versuchten, ihre Hände abzuwehren. Erst hinterher, als wir da raus waren, haben wir gemerkt, dass unsere Handtaschen offen waren. Meine Freundinnen waren ihre Handys los, mir fehlten 50 Euro. Überall habe ich Mädchen gesehen, die weinten und getröstet wurden.“

Katharina B. sagte dem NDR-„Hamburg Journal“: „Plötzlich standen 10, 15 Leute um uns rum und haben - wie gesagt - meine Freundin und mich auseinandergerissen.“ Sie hätten „Ficki, Ficki“ gesagt und die beiden Frauen ausgelacht, wenn sie versuchten, sich zu wehren. „Sie haben uns angegriffen, also in den Schritt natürlich vor allem gefasst, und ziemlich aggressiv, nicht dass man leicht dagegen gekommen ist, sondern sie haben wirklich reingegriffen.“ Die 25-Jährige fügte hinzu: „Ich hatte wirklich in meinem Leben noch nicht so viel Angst.“

Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) bezeichnete die Übergriffe als Schande. „Wer sich in Gruppen zusammenrottet, um sich an Frauen zu vergehen, hat keine Ehre. Er handelt kriminell, böse und feige“, schrieb Scholz am Dienstagabend auf seiner Facebook-Seite und seiner Homepage. Keine entwickelte Kultur und keine Religion duldeten so ein Verhalten. Die Täter müssten mit aller Härte und Konsequenz verfolgt werden. „Es ist nicht so wichtig, woher sie kommen. Aber es ist wichtig, dass wir wissen, wo sie jetzt sind“, erklärte Scholz.

Auch Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank verurteilte die Übergriffe scharf. Sie sei wütend und beschämt, twitterte die Grünen-Politikerin. „Allen Tätern sei gesagt: Eure Mütter würden sich für Euch schämen!“

Die Polizei prüft, ob eine Videoüberwachung temporär - etwa an Wochenenden oder bei Großereignissen wie dem Alstervergnügen - möglich ist. Auf dem Kiez sind demnach noch mehrere Videokameras installiert, aber nicht in Betrieb. Die Hamburger Polizei hatte 2011 entschieden, die Kameras nach Klagen von Anwohnern abzuschalten. Später hatte das Bundesverwaltungsgericht die Videoüberwachung öffentlicher Plätze wie etwa auf der Reeperbahn grundsätzlich für rechtens erklärt.

Die Streifen im Bereich St. Pauli seien verstärkt worden, sagte Vehren. Mit Blick aufs kommende Wochenende sagte er: „Wir sind mit einer starken Polizeipräsenz da, auch wenn man uns nicht unbedingt sieht.“ In einem Pilotprojekt setzt die Polizei derzeit an Wochenenden auch zwei sogenannte Bodycams ein. Die Beamten dürfen ihre Kameras aber nur bei drohender Gefahr einschalten. Die Bild- und Tonaufnahme muss den Umstehenden zuvor angekündigt werden.

 

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