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„Die Nachtigall muss weiter zwitschern“ : Udo Lindenberg spricht im Interview über sein Leben im Alter und politische Botschaften in der Rockmusik

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Keine Spur davon, dass die „Nachtigall“ gerade 71 Jahre alt geworden ist.

shz.de von
erstellt am 10.Jun.2017 | 10:00 Uhr

Hamburg | Einen Abend nach seinem mehr als zweieinhalbstündigen Konzert in Hamburg ist Udo Lindenberg schon wieder total entspannt und pafft zwischendurch dicke Zigarre. Keine Spur davon, dass die „Nachtigall“ gerade 71 Jahre alt geworden ist. Er fährt in einem alten DDR-Trabant vor dem „Klubhaus“ auf dem Spielbudenplatz an der Hamburger Reeperbahn vor. Die ostdeutsche Plaste soll später in der „Panik City“ zu sehen sein, zu der Udo gemeinsam mit Theatermacher Corny Littmann den Startschuss gibt. Der Rock-Musiker posiert für Fotografen und für Selfies, er albert mit Hunderten Schaulustigen und Touristen herum. „Da komm ich extra aus Bayern her, das glaubt mir Zuhause keiner“, jubelt einer in urigem Dialekt. Im vierten Stock soll Ende des Jahres auf 700 Quadratmetern das neue „Udoversum“ eröffnet werden. Die Multimedia-Schau über sein Leben sei für ihn eine „große Herausforderung“, sagt Lindenberg, „weil ich all diese Hightech-Möglichkeiten ja selbst noch nicht richtig kenne“. Er verspricht einen Streifzug durch die verrücktesten Zeiten seines Lebens, der völlig neu und unkonventionell sein wird. „Das interessiert viele“, sagt er, „aber wer geht schon gern ins Museum“.

Nun kommt also die privat finanzierte „Panik City“ mitten auf den Kiez an die Reeperbahn. Ist das ein bisschen die Rache dafür, dass Hamburg sich seit Jahren ziert, ein Udo-Lindenberg-Museum einzurichten?
Udo Lindenberg: Nee, der Reiz daran ist der Aufbruch, der Durchstart in andere, neue Ausdrucksformen für unser Gemache mit Musik und Malerei, im Umgehen mit Gesellschaft und Kulturgestaltung in der Bunten Republik Deutschland. Die Stadt ist ja involviert. Und Olaf Scholz ist, seit er das erste Mal davon hörte, sehr angetan. Ein Udo-Museum in der konventionellen Art ist nicht so mein Ding. Wir stehen mehr für Innovation, etwas auszuprobieren, eine „Experience“ zu schaffen, und nicht nur Bilder hinzuhängen für den stillen Betrachter oder Dokumente zum Durchzublättern.

Welche Erfahrung können Fans und Besucher dort machen, die Sie nicht schon von Konzerten oder Liedern kennen?
Für die ganz jungen Leute, die nur den „Sonderzug nach Pankow“ kennen oder vielleicht sogar davon noch gar nichts gehört haben, ist es auch ein Fenster in die deutsche Geschichte hinein, eine Erinnerung an diese wahnsinnig durchgeknutschten Dinger, die wir in den verrückten Zeiten gemacht haben mit Theatermachern wie Peter Zadek oder Heiner Müller.

Und die anderen?
Die können in einer Art Virtual-Reality neben mir auf der Bühne stehen, mit dem Kinderchor „Wozu sind Kriege da“ singen oder einen anderen geilen Song. Sie können mit Touchscreens meine Malerei – die „Likörelle“ – antesten, einen Drohnenflug durch Stadien erleben oder die ganze Story von meiner Geburtsstadt Gronau: Wo kommt so ein Vogel her, durch welche Jahrzehnte ist er wie gelatscht, was hat er reflektiert, welche politischen Dinger hat er gemacht, Friedensbewegung und so. Einen Ejakulator gibt es auch, ein Schlagzeug ist das, da kannst du als Trommler einen rausknallen.

Es wird auch bislang Unveröffentlichtes geben, zum Beispiel einen völlig unbekannten Song...
„Father you should have killed Hitler“ heißt der, wurde aber nie gezeigt. Es ist eine schöne alte Story von einem Vater und Violinisten in einem alten Berliner Kabarett, der seine Geige eintauscht gegen ‘ne Knarre, um Hitler zu erschießen. Ein geiles Video, irgendwann aus den achtziger Jahren, aber keiner wollte es zeigen.

„Panik City“ wird neben Ihrer Musik und Malerei also doch auch ein Stück Vermächtnis sein. Braucht Deutschlands erfolgreichster Rockmusiker so etwas noch?
Ein bisschen, ja, aber nicht eitel-mäßig oder so. Ich habe wie Bert Brecht immer Wert darauf gelegt, dass meine Lieder möglichst zeitlos sind. Dass sie auch weitergetragen werden können, von Generation zu Generation, auch durch Aktualisierung oder durch spielerischen Umgang mit dem Material, wie Brecht immer gesagt hat. Denn sie sind ja irgendwie Bestandteil dieser Bunten Republik Deutschland. Und sie stehen gegen diese ganzen Schlager und das flache Entertainment, was sich ja sehr großer Beliebtheit erfreut, gegen diese ganze Sülze. Und sie haben Texte, mit denen du viele Leute erreichen kannst, manchmal mit politischer Attacke, das gibt es ja sonst nicht so viel. Trotzdem sind sie wichtig für eine Gesellschaft, wenn wir Interesse daran haben, dass die sich in unserer Welt weiter entwickelt.

 

Auf Ihrer aktuellen CD gibt es das Lied „Wenn die Nachtigall verstummt“. Beschäftigen Sie sich mit dem Alter?
Nee, ich hab das mal eine Weile gemacht, aber dann irgendwann ad acta gelegt. Denn ich hab gedacht, das bringt ja nix. Mit dem Alter habe ich sowieso eigentlich nichts zu tun. Diese Art zu leben, diese Art von Rock’n Roll lässt normales Altern gar nicht zu. Ich habe kein Problem mit dem Alter, das Alter hat scheinbar eher ein Problem mit mir.

„Irgendwann ist auch für die Nachtigall die Zeit vorbei“, singen Sie, so richtig ironisch hört sich das nicht gerade an.
Ich fühl mich inzwischen zeitlos. Ich habe mich auch so eingestellt und habe mein Leben dahingehend verändert. Ich halte mich sehr fit, sehr frisch und sehr geschmeidig, für die Zuschauer und für diesen Lebensstil, um ohne Notärzte durch irgendwelche Dschungel streunen zu können. Das geht alles sehr gut, nachdem ich die Trinkerei nach der Mengenlehre aufgegeben habe. Manchmal finde ich es selber ein bisschen erstaunlich, dass es diesen Typen in diesem Alter nach irdischer Zeitzählung überhaupt noch gibt: ein Alien, ein Zeitloser, der drei Stunden auf der Bühne rumflitzt ohne die geringsten Ermüdungserscheinungen. Dann muss ich mich kneifen, was ist eigentlich los? Ich bin ein Glückspilz mit einer speziellen Genetik, vielleicht hat die ein bisschen zu tun mit meiner indonesischen Ur-Herkunft mütterlicherseits.

Was haben Sie gedacht, als die Rolling Stones, die noch ein paar Jahre älter sind, für den Sommer noch einmal eine Deutschland-Tournee angekündigt haben?
Charles Aznavour ist über 90, der macht das ja auch noch und geht bis heute auf Tour. Wir haben uns das auch vorgenommen und den Klub der Hundertjährigen schon lange gegründet, weil uns das Freude macht. Die Stones machen das ja sicher nicht, weil sie Knete brauchen, sondern weil sie gerne auf die Bühne gehen und Musik machen.

Ist Rockmusik alterslos?
Jetzt ja. Wir sind die Ersten, die das zeigen, unsere Generation wie Steven Tyler und Aerosmith, Iggy Pop oder die Stones, aber wir sind nicht so viele.

Was ist das Geheimnis, den Spagat zu schaffen von Fans, die mit Ihnen alt geworden sind, bis zu deren Kindern und Enkeln?
Diese Art von Musik und Themen. Wenn ich singe „Ich mach mein Ding“ oder „Coole Socke“, kann jedes kleine Kind da was mit anfangen. Das sind Themen, die alle Menschen berühren, und das ist das Schönste, was einem passieren kann. Denn ich würde ja nie so Nischen oder Eliten bedienen, ich will immer breitensportlermäßig alle Leute erreichen. Als wir anfingen, da gab’s nur Schlager und sehr ernste Liedermacher und ansonsten englischsprachigen Beat. Aber es gab nicht Rock’n Roll in deutscher Sprache, kein ordentliches Angebot, das alle erreichte. Ton Steine Scherben fand ich total gut, aber das war eben auch nur für ‘ne kleine Gruppe von Experten, Hausbesetzerszene und so. Ich wollte Breitensport machen und das hat hingehau‘n.

Sie sind auf Ihrer Tournee wieder politischer denn je. Sie nennen US-Präsident Trump einen „Schwachmaten“, kritisieren Despoten wie Erdogan und Putin und machen sich lustig über die rechtspopulistische AfD. Muss Rockmusik wieder politischer werden?
Das ist eigentlich eine Art Ur-Auftrag, den alten konservativen Scheiß aufzubrechen und wegzusprengen. Das war damals Anti-Vietnam mit Jimi Hendrix, das war der Schrei nach sexueller Befreiung mit David Bowie oder die Bürgerrechtsbewegung mit großen Pop-Sängern wie Harry Belafonte. Es ist Tradition, dass Kulturmenschen sich einmischen in die Gestaltung der Welt, in der wir leben, um Schlimmeres zu verhindern, und deshalb Lieder singen wie Bob Dylan.

Kann Rockmusik ein verbindendes friedliches Element sein in dieser unberechenbaren Weltlage?
Themen wie „Krieg der Religionen“ oder „Wozu sind Kriege da“ können eine Rolle spielen. Wenn man zum Beispiel sieht, wie jetzt Trump seine Rüstungsgeschäfte über alles stellt, auch über Menschenrechte, wenn er seine Deals mit Saudi-Arabien macht und nicht daran denkt, dass die Bomben dann im Jemen landen oder so. Es gibt auch Lieder wie „Bananenrepublik“, in denen ich den Clash der Kulturen thematisiert habe. Man muss das natürlich fein dosieren und nicht endlose Ansagen machen. Dann trifft es die Leute auch. Man kann mit schlauer Musik die Leute gut sensibilisieren.

Fast zeitgleich zum Hamburger Auftritt war das Benefizkonzert zum Gedenken an den Anschlag von Manchester. Hat man das im Hinterkopf, bevor man selbst auf die Bühne geht?
Ja, klar. Wir haben eine extreme Steigerung unserer Sicherheitsmaßnahmen vorgenommen, mit allem was dazugehört, das ganze Programm, damit wir im Vorfeld eine größtmögliche Sicherheit garantieren. Aber wir dürfen nicht vor dem Terror zurückweichen, wir müssen unseren Lebensstil und unsere Kunst so weiter leben und erhalten.

Was ist die nächste Herausforderung?
Die Tour zu Ende zu bringen und danach erst mal ein bisschen rumstreunen. Hier in Hamburg die „Panik City“ mitgestalten, dann ein paar Reisen machen, ein bisschen Abenteuer, irgendwann neue Songs, es geht ja weiter. Ich hab noch nie so viel Energie gehabt, wie auf dieser Tour mit über 250.000 Besuchern, die einen wirklich beschenken mit solcher Liebe und Verbundenheit. Die Nachtigall muss weiter zwitschern.

Lieber in riesigen Stadien oder in etwas intimeren Hallen?
Im Moment finde ich die Kompaktversion etwas schöner. Aber die Stadien waren ein totaler Kick, wenn Du merkst, dass das auch mit 50.000 Leuten funktioniert und das Gefühl hast, du singst für jeden einzelnen, direkt in die Seele rein. Dieses Knistern, diese Intensität zwischen 50.000 Leuten und mir, davor hatte ich anfangs Angst. Ich wusste nicht, ob das funktioniert, dass es zu anonym wird. Aber wenn dann diese Power kommt, diese Energie von 50.000 Leuten, und die singen auch noch mit, dann ist das schon ein echter Flash. Eines der tollsten Erlebnisse meines Lebens.

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