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20-Jährige in Berlin gestorben : U-Bahn-Schubser war regelmäßig in der Psychiatrie - Justizsenator unter Druck

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Nachdem ein Hamburger in Berlin eine Frau mutwillig vor eine U-Bahn schubste und tötete, steht Hamburgs Justizsenator unter Druck. Hätte die Tat verhindert werden können?

shz.de von
erstellt am 07.Feb.2016 | 14:58 Uhr

Hamburg |  Seit der Tragödie vom 19. Januar, als ein Hamburger in der Berliner U-Bahn-Station Ernst-Reuter-Platz eine 20-Jährige vor den einfahrenden Zug stieß und tötete, bewegt viele Menschen die Frage: Hätten die Behörden erkennen müssen, wie gefährlich der Tatverdächtige ist und den Gewaltakt verhindern können?

Schon Stunden nach dem Drama wusste die Berliner Staatsanwaltschaft, dass der 28-Jährige ein beachtliches Vorstrafenregister hat und wegen schwerer psychischer Probleme unter Betreuung stand. Hamburgs Justizsenator Till Steffen (Grüne) aber hüllte sich in Schweigen, ehe er zwei Tage nach dem Tod der jungen Frau verkündete: „Wir müssen sehr gründlich aufarbeiten, ob es Möglichkeiten gegeben hätte, diese Straftat zu verhindern.“

Die Oppositionsfraktionen von CDU und FDP begrüßen die Aussage, zweifeln indes an der Ernsthaftigkeit und am Willen des Senators. Die justizpolitischen Sprecher Richard Seelmaecker (CDU) und sein FDP-Pendant Anna von Treuenfels-Frowein schickten dem rot-grünen Senat jeweils parlamentarische Anfragen.

Die Erklärungen des Senats geben Einblicke in die traurige Vorgeschichte des offenbar geistesgestörten Mannes, der sich seitdem Vorfall in Berlin in der Psychiatrie befindet. Er war wegen Eigengefährdung insgesamt fast vier Jahre in der Psychiatrie. „Der Betroffene stand seit Juni 2007 fortlaufend unter Betreuung“, gab die Landesregierung bekannt. Aus der Mitteilung geht zudem hervor, dass die Behörden sich offenbar immer wieder bemühten, den mehrfach Vorbestraften zu kontaktieren, er aber Gespräche ablehnte.

Insgesamt gab es den Antworten zufolge 18 Gerichtsbeschlüsse zur Unterbringung in der Psychiatrie oder Verlängerung des Aufenthalts. Im zeitlich längsten Fall war er eineinhalb Jahre in der Klinik. Die kürzesten Abschnitte betrugen rund zwei Wochen. Mal war der Mann ein paar Tage, dann wieder – zwischen Mai 2010 und Mitte November 2012 – zweieinhalb Jahre draußen, ehe sein Betreuer abermals die Einweisung in die Psychiatrie befürwortete.

Die Unterbringungen erfolgten stets wegen Eigengefährdung. Am 10. Dezember 2014 verfügte das zuständige Hamburger Amtsgericht – zu der Zeit war der Betroffene bereits ein Jahr am Stück in der Psychiatrie – eine Verlängerung des Klinikaufenthalts bis zum 12. Dezember 2015. „Diese Unterbringung endete im März 2015 nach Antrag des Betreuers“, heißt es in der Mitteilung des Senats.

Ob sich der Lebenshelfer des Mannes mit seiner Einschätzung irrte oder sich der Zustand des Patienten wieder verschlechterte, ist nicht bekannt. Jedenfalls ordnete das Gericht Mitte Mai 2015 abermals einen – allerdings nur zweiwöchigen – Psychiatrieaufenthalt an, ein weiterer, relativ kurzer folgte am 24. November, „vorläufig bis längstens zum 15. Dezember 2015“. Dazu heißt es, dass der Betreuer „keine weitere Unterbringung des Betroffenen“ beantragt habe.

Wiederum zwei Wochen später beging der Obdachlose mutmaßlich weitere Straftaten. Der Mitteilung des Senats zufolge liegen gegen ihn vier Ermittlungsverfahren wegen Diebstahlsdelikten vor, die er am 29. Dezember 2015 begangen haben soll. Die Frage, ob es absehbar gewesen sei, „dass der Täter erneut Straftaten begehen würde“, beantwortete die Landesregierung unter Verweis auf Persönlichkeitsrechte des Beschuldigten und den Datenschutz nicht.

Am Sonntag wird bekannt: Nur einen Tag vor dem tödlichen Schubser in Berlin war der 28-Jährige aus Hamburg wieder aus der Psychiatrie drei. Das geht aus der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Hamburger FDP hervor, über die das Magazin „Focus“ berichtete. Die FDP bestätigte am Sonntag die Angaben. Demnach war der in Hamburg aufgewachsene Mann vom 1. bis 18. Januar „freiwillig“ in einer psychiatrischen Klinik in Hamburg. Von dort sei er wegen fehlender Behandlungsgrundlage und fehlender akuter Eigen- oder Fremdgefährdung entlassen worden. Am Tag danach stieß er in Berlin eine 20-jährige Abiturientin, die er nicht kannte, vor einen U-Bahn-Zug in den Tod. Die junge Frau wurde überrollt.

 

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