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Hamburger Konzerthaus : Treppen in der Elbphilharmonie werden zur Stolperfalle - mit Kommentar

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Stufen entsprechen nicht den gültigen DIN-Normen. Vertreter für Menschen mit Behinderungen fordern Nachbesserungen.

Hamburg | Marita Brunswik aus Itzehoe organisiert seit vielen Jahren ehrenamtlich Ausflüge für Menschen mit Behinderungen. Ende April steht ein Besuch der Hambugrer Elbphilharmonie auf dem Programm, das Interesse in ihrer Gruppe „Gelebte Inklusion“ ist groß. Damit alles klappt, unternahm Marita Brunswik mit fünf Begleitern an Rollatoren einen Testausflug zu Hamburgs neuem Leuchtturm und fühlte sich in ihren langjährigen Erfahrungen bestätigt: „Über Inklusion zu reden, ist einfach. Diese aber umzusetzen, ist etwas ganz anderes.“

Als man ihr sagte, für Menschen mit Behinderungen könnten keine Führungen angeboten werden, traute sie ihren Ohren nicht. Eine Führung mit Rollstuhlfahrern und Gehbehinderte sei „zu aufwändig, nicht leistbar“, hieß es. Enno Isermann, Sprecher der Kulturbehörde in Hamburg, rückt den Vorfall auf Nachfrage zurecht und entschuldigt sich. Selbstverständlich gebe es Führungen auch für Menschen mit Behinderungen. „Wir haben den Fall zum Anlass genommen, das Personal noch einmal entsprechend zu instruieren.“

Wenngleich dieses „Missverständnis“ ausgeräumt werden konnte, muss die Stadt Hamburg auch baulich nachbessern, wenn sie ein „Haus für alle“ sein will, wie Bürgermeister Olaf Scholz mehrfach betont hat. Verschiedene Stolperfallen offenbarten sich jetzt bei einer Begehung der Elbphilharmonie mit Vertretern des Blinden- und Sehbehindertenvereins (BSVH), zu dem die Senatskoordinatorin für die Gleichstellung behinderter Menschen, Ingrid Körner, eingeladen hatte. Eine Mängelliste will der Verein nun an den Kultursenator Carsten Brosda herantragen.

Als größtes Hindernis empfinden die Vereinsvertreter die Struktur der Treppen. „Die Treppen im Foyer sowie im großen Saal verschwimmen zu einer einzigen Fläche, so dass selbst sehende Besucher Schwierigkeiten haben, die einzelnen Stufen zu erkennen“, so Karsten Warnke, Experte für Barrierefreiheit im öffentlichen Raum und Vorstandsmitglied im BSVH.

Die in der Elbphilharmonie angebrachten Streifen auf den Stufen „stellten eine erhebliche Unfallgefahr“ selbst für sehende Menschen dar. Außerdem entsprächen sie nicht den geltenden DIN-Verordnungen. Das bestätigt auch der Sprecher der Kulturbehörde und nennt dafür einen Grund: Während der zehnjährigen Bauzeit hätten sich die DIN-Normen geändert, heute müssten tatsächlich breitere Absatzstreifen angebracht werden als das zu Beginn des Bauens der Fall war. Die Behörden seien aber ein „stückweit überrascht“, dass die Senatskoordinatorin für die Gleichstellung behinderter Menschen Nachbesserungsbedarf sehe, obwohl ihr Büro in die Planungen involviert gewesen sei.

Ob das tatsächlich der Fall war, will die Koordinationsstelle nun anhand von Protokollen und Unterlagen prüfen. Die Senatskoordinatorin Ingrid Körner selbst ist seit 2011 im Amt und sagt, sie sei nicht für Fragen der Innenausstattung eingebunden worden. Lediglich bei den Handläufen der Treppen und der Ausstattung der Zuwegung zur Elbphilharmonie unter anderem mit Metallplättchen für Sehbehinderte sei sie beteiligt gewesen.

Marita Brunswik wird übrigens am 25. April keine Führung mit ihrer 20-köpfigen Gruppe bekommen. Führungen sind erst wieder ab Juni und nur zwölf Wochen vorher buchbar, heißt es auf der Internetseite der Elbphilharmonie. Und im Juli finden keine Führungen statt wegen Sommerpause. Das werden auch viele Touristen bedauern.

Einen Riesenandrang gab es am Mittwoch beim Verkauf der Tickets für die Sommersaison - das führte auch zu Problemen.

Probleme bei Online-Bestellung

Am Mittwoch um 11 Uhr hat der Verkauf für eine Sommerserie in der Elbphilharmonie begonnen. Wer online eine Karte bestellen wollte, hatte oft mit Serverproblemen zu kämpfen. Glücklichere kamen einen Schritt weiter, konnten ein Ticket auswählen, nur um dann in einen Warteraum geleitet zu werden, wo etwa die Nachricht kam: „Aktuell sind noch 8909 Personen vor Ihnen.“

Eis am Stiel vor Vorverkaufsstellen

Vor den Vorverkaufsstellen in der Stadt bildeten sich auch Schlangen, so auch vor der Elbphilharmonie. Hier reiche die Schlange bis auf den Vorplatz, sagte ein Sprecher. Passend zum Motto der Sommerserie wurde an die in der Kälte Wartenden Eis am Stiel verteilt. Insgesamt wurden 30.000 Tickets für die Sommerserie und noch einmal 8000 Tickets für das Transatlantik-Festival angeboten.


Kommentar von Barbara Glosemeyer: Schnell nachrüsten

Inklusion gleich Illusion? Es geht hier nicht um kleinliches Meckern über das „Vergessen“ von zum Teil nicht einwandfreien barrierefreien Zugängen für Menschen mit Behinderung, sondern um die Oberflächlichkeit von öffentlicher Planung eines Konzerthauses für alle.

Wenn ein Unternehmer oder Einzelhändler ihr Firmengebäude oder Ladengeschäft planen und eröffnen wollen, stehen die entsprechenden Genehmigungs-Abteilungen Hamburgs bei Fuß und achten pingeligst auf Einhaltung von Vorschriften. Und das ohne Rücksicht auf mögliche Kompromisse und Kosten für den Investor.

Beim Renommierobjekt Elbphilharmonie dagegen hat man offensichtlich nicht so genau hingeschaut. Pragmatisches Fertigwerden und Eröffnen stand wohl vor Bedenkenträgern der Inklusion. So wie die Stadt den Bürgern Geduld und Verständnis bei den Kosten zur Elbphilharmonie abverlangt hat, so zügig darf die Öffentlichkeit jetzt ein Nachrüsten erwarten −  im Kulturtempel für alle.

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erstellt am 16.Feb.2017 | 17:03 Uhr

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