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Hamburg-Barmbek : Tödliche Messerstecherei: Was wir wissen - und was nicht

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Der abgelehnte Asylsuchende beteiligte sich fast vorbildlich am Ausreiseverfahren. Dann kam die Attacke aus dem Nichts.

shz.de von
erstellt am 29.Jul.2017 | 17:51 Uhr

Was ist am Freitag in Barmbek passiert?

Ein 26-Jähriger hat am Freitagnachmittag einen 50-Jährigen getötet. Fünf Menschen wurden nach Angaben der Polizei durch Messerstiche schwer verletzt, ein weiterer wurde verletzt, als er half, den Tatverdächtigen zu überwältigen.

Kurz vor 15 Uhr betrat der 26-Jährige zum ersten Mal den Edeka-Markt an der Fuhlsbüttler Straße, um dort einzukaufen. Gegen 15.08 Uhr soll er in einen Bus der Linie 172 (Hermann-Kaufmann-Straße/Fuhlsbüttler Straße) eingestiegen sein, verließ diesen jedoch sofort wieder und kehrte gegen 15.10 Uhr in den Supermarkt zurück.

Er griff sich ein Küchenmesser mit einer etwa 20 Zentimeter langen Klinge aus einem Verkaufsregal, packte es aus und ging auf Kunden los. Dabei sei er laut Polizeiangaben zielgerichtet auf einen 50-Jährigen zugestürmt. Der Mann starb später an seinen Verletzungen. Danach stach er auf einen zweiten Mann ein. Nach diesen beiden Taten ging der Messerstecher im Eingangsbereich des Supermarktes auf einen 19-Jährigen los und verletzte ihn schwer. Daraufhin flüchtete er ins Freie und stach auf einen weiteren Mann ein und verletzte auch noch eine Frau - allerdings ohne das Messer. Im Anschluss wechselte er die Straßenseite und verletzte einen 64-Jährigen. Couragierte Bürger nahmen die Verfolgung auf und versuchten den Mann zu stoppen, indem sie ihn mit Steinen und Stühlen bewarfen. Um 15.13 Uhr trafen die ersten Polizisten ein. Sie konnten den Angreifer schließlich in der Hellbrookstraße 16 festnehmen.

Wer ist der Täter?

  • Nach Angaben der Hamburger Sicherheitsbehörden wurde der Mann in den Vereinigten Arabischen Emiraten geboren und gehört der Volksgruppe der Palästinenser an. Bei seiner Einreise hatte er demnach keine Ausweispapiere bei sich, aber eine Geburtsurkunde. An seiner Identität habe es wegen dieser Urkunde keine Zweifel gegeben.
  • Der Hamburger Innenstaatsrat Bernd Krösser erklärte, der mutmaßliche Angreifer sei 2015 nach Deutschland eingereist - in jenem Jahr also, in dem eine beispiellos hohe Zahl von Schutzsuchenden einreiste. Zuvor habe er Stationen in anderen europäischen Ländern gehabt: in Norwegen, Schweden und Spanien. Über Norwegen sei der Mann im März 2015 nach Deutschland gekommen, zunächst nach Dortmund. Von dort aus sei er im klassischen Asylverteilungsverfahren nach Hamburg weitergeleitet worden. Hier sei er im gleichen Monat eingetroffen und habe schließlich im Mai 2015 einen Asylantrag gestellt.
  • Er soll laut Ermittlern „hervorragend Englisch, Schwedisch und Norwegisch“ sprechen.
  • Das Ausreiseverfahren lief. Der Mann habe gegen seinen negativen Asylbescheid keine Rechtsmittel eingelegt und auch bei der Organisation von Passersatzpapieren mitgewirkt. Noch am Freitag habe sich der Mann bei der Ausländerbehörde erkundigt, ob seine Passersatzpapiere eingetroffen seien. "Es war damit zu rechnen, dass diese Papiere demnächst eintreffen würden", sagte Innensenator Grote. Der 26-Jährige sei auch willens gewesen auszureisen. Polizeipräsident Ralf Meyer sagte, der Mann sei in dieser Hinsicht eine "fast vorbildhafte Person" gewesen.
  • Im November oder Dezember 2016 habe das zuständige Bundesamt den Asylantrag des Mannes abgelehnt. „Seitdem läuft im Grunde genommen das Ausreiseverfahren, das wegen der notwendigen Passersatzpapierbeschaffung bisher nicht abgeschlossen werden konnte.“
  • Erste Hinweise auf eine Radikalisierung gab es bereits am 29.8.2016.
  • Zuletzt lebte der 26-Jährige in einer Flüchtlingsunterkunft in Langenhorn. Ehemalige Mitbewohner beschreiben ihn als Außenseiter.

Gibt es Hintermänner?

Nach den Erkenntnissen der Ermittler handelte der Mann allein.

Welche politische Dimension hat der Fall?

Der Fall weist einige traurige Parallelen zu den Geschehnissen des vergangenen Jahres auf. Auch die Attentäter von Würzburg, Ansbach und vom Berliner Weihnachtsmarkt kamen als Schutzsuchende nach Deutschland und entluden hier ihren Hass. Der Attentäter von Berlin, Anis Amri, war den Sicherheitsbehörden vorher ebenfalls als Islamist bekannt, bestens sogar. Auch sein Asylantrag hatte keinen Erfolg, auch er hätte ausreisen sollen. Doch nichts passierte. Nach den drei Anschlägen wurden damals hitzige politische Debatten geführt, Untersuchungsgremien eingesetzt, Gesetze verschärft, Abschiebungen erleichtert, die Überwachung von Gefährdern verstärkt.

Alles umsonst? Direkt nach Hamburg werden die ersten Rufe nach einer noch härteren Abschiebepolitik und strengeren Einreisekontrollen laut. Im Internet und der Realwelt beginnen Rechtsausleger sofort mit „Wir-haben-es-doch-immer gesagt“-Rufen. Die Messerattacke von Hamburg hat das Potenzial, den Wahlkampf in eine neue Richtung zu drehen.

Worin unterscheidet sich der Fall von früheren?

Der Fall hat seine Eigenheiten - und unterscheidet sich trotz einiger Parallelen doch sehr von den bisherigen Anschlägen. Bislang ist nicht klar, ob es überhaupt eine Terrorattacke war, ob bei dem Hamburger Täter tatsächlich islamistische und ideologisch gefestigte Motive im Vordergrund standen oder doch eher persönliche und psychische Probleme. Anis Amri dagegen war eng verstrickt in die Islamistenszene, soll von der Terrormiliz IS gesteuert worden sein.

Bei Amri scheiterte die Abschiebung an Schwierigkeiten mit seinem Herkunftsland Tunesien. Auch hier fehlten Papiere. Immer wieder gibt es Fälle, in denen Deutschland Straftäter oder gefährliche Islamisten nicht los wird, weil die Heimatländer sich weigern, diese aufzunehmen. Bei dem Hamburger Täter war das nach offiziellen Angaben etwas anders: Die Auslandsvertretung der Palästinenser habe sich bereiterklärt, ihn als Mitglied ihrer Volksgruppe anzuerkennen und ihm Ersatzpapiere zu besorgen. Der junge Mann habe dabei mitgewirkt, sich sogar am Tag der Attacke noch bei der Ausländerbehörde erkundigt, ob seine Unterlagen angekommen seien. Diese hätten demnächst eintreffen sollen. Und der Tatverdächtige habe „unbedingt ausreisen“ wollen. Hamburgs Polizeipräsident Ralf Meyer sagt, der Mann sei in dieser Hinsicht eine „fast vorbildhafte Person“ gewesen.

Allerdings steht die drängende Frage im Raum, ob Polizei und Verfassungsschutz in Hamburg anders mit dem 26-Jährigen hätten umgehen müssen, ob sie den den Hinweisen und Auffälligkeiten nicht weit mehr hätten nachgehen müssen. Ob sie die tödliche Attacke hätten verhindern können. Auch Hamburgs Innensenator Andy Grote (SPD) räumt ein, solche Fragen seien zu prüfen. Anschlägen dieser Art wohne allerdings immer „ein hohes Maß an Unberechenbarkeit“ inne, sagt er, „weil es eine in gewisser Weise willkürliche Tat ist - mit primitivsten Mitteln, an einem fast beliebigen Ort ausgeführt“.

Fest steht aber eines: Die Hamburger Sicherheitsbehörden haben sowohl islamistische Bezüge als auch psychische Probleme bei dem jungen Mann entdeckt. Egal was davon ausschlaggebend für die Tat war: Die Gefahr, die von ihm ausging, haben sie unterschätzt.

Wer sind die Opfer?

  • Ein 50-Jähriger Mann erleidet tödliche Verletzungen.
  • Eine 50-jährige Frau und vier Männer im Alter von 19, 56, 57 und 64 Jahren werden ebenfalls durch Messerstiche zum Teil schwer verletzt.
  • Ein 35-Jähriger wird zudem verletzt, als er hilft den Täter zu stellen.
  • Eine 29-Jährige stürzt im Rahmen der Auseinandersetzung und zieht sich Schürfwunden und einen Schock zu.
  • Einen Tag nach der Tat waren alle außer Lebensgefahr.

 

Was wir nicht wissen

Warum hat der Mann das gemacht?

Der Hintergrund der Tat liegt für die Fahnder noch im Dunkeln. Es gab einerseits Hinweise auf eine Radikalisierung und islamistische Motive. Auf der anderen Seite haben die Behörden in der Vergangenheit auch Hinweise auf psychische Probleme des Mannes erhalten. Die Fahnder gehen von einem Gemengelage aus beidem aus, wobei noch nicht geklärt ist, was den Ausschlag für die Bluttat gegeben hat.

 

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