zur Navigation springen

Verstorbenes Kind in Hamburg : Tayler und das „Rauhe Haus“

vom
Aus der Onlineredaktion

Das „Rauhe Haus“ ist eigentlich eine gute Adresse. Doch nicht zum ersten Mal steht es durch eine mutmaßliche Kindestötung im Fokus.

shz.de von
erstellt am 22.Dez.2015 | 15:44 Uhr

Hamburg | Nachdem es den öffentlichen Institutionen in Hamburg im Fall des verstorbenen Tayler wiederholt nicht gelungen ist, den Tod eines Kleinkinds zu verhindern, kommen kurz vor Weihnachten Fragen auf. Wie kann es sein, dass es in Hamburg immer wieder zu Kindestötungen in Familien kommt, die dem Jugendamt bereits bekannt sind? Und welche Rolle spielt das „Rauhe Haus“, das für die Betreuung von Tayler zuständig war?

Wer ist Schuld am Tod von Tayler? Die Aussagen der Hamburger Senatorin Melanie Leonhard und die des „Rauhen Hauses“ über die Verantwortlichkeiten im Fall des verstorbenen Jungen Tayler gehen auseinander.


Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) gesteht zwar ein, dass es in Hamburg angesichts der Kindstötungen offenbar ein Problem gibt. „Ganz allgemein kann ich sagen, dass es vergleichbare Konstellationen zu früheren Fällen zu geben scheint“, sagt die 38-Jährige. Die nach vergleichbaren Fällen wie Chantal und Yagmur deutlich verschärften Regelungen seien allerdings mehr als ausreichend. Leonhard fordert Aufklärung. Die Schuldfrage müsse zunächst der Jugendhilfeinspektion und der Staatsanwaltschaft überlassen werden. Wenn der Kindesschutz in der Hansestadt laut Leonhard aber nicht an den Kontrollinstanzen scheitert, ist dann der Fehler im nächsten Glied der Kette zu suchen?

Der einjährige Tayler starb vermutlich, weil er heftig geschüttelt wurde und dadurch schwere Kopfverletzungen erlitt. Der Junge war am 12. Dezember in die Klinik gebracht worden, wo es keine Rettung mehr für ihn gab. Bereits im Sommer hatte das Baby – laut Aussagen der Mutter bei einem gemeinsamen Sturz vom Trampolin – einen Schlüsselbeinbruch erlitten und war daraufhin in eine Pflegefamilie gekommen. Die Experten vom Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) entschieden im Anschluss daran, der 22-jährigen Mutter im Oktober ihr Kind zurückzugeben. Der Verdacht der Misshandlung habe sich nicht erhärtet. Zugleich wurde aber eine sozialpädagogische Betreuung der Familie angeordnet.

Diese Betreuung übernahm ab 21. August das „Rauhe Haus“ in Hamburg – eine altehrwürdige diakonische Institution in der Hansestadt. Sie ist ins Zentrum der kritischen Betrachtung gerückt, weil die zuständige, erfahrene Sozialpädagogin am Vortag der mutmaßlichen Misshandlung bei einem Hausbesuch blaue Flecken im Gesicht von Tayler der „wachsenden Mobilität“– also aus Gehversuchen entstandenen Stürzen – zugeschrieben hatte.

Zwei bis drei Mal wöchentlich kümmerten sich seit Spätsommer insgesamt drei Pädagogen um Tayler und seine Mutter. Bei diesen Terminen wurden Leibesvisitationen vorgenommen und in Gesprächen die Bindung zwischen Kind und Mutter geprüft. „Es gab eine gute Entwicklung. Die Mutter hat sich liebevoll um die Kinder gekümmert“, sagt der Sprecher der Stiftung „Rauhe Haus“, Uwe Mann van Velzen. Ihr Lebensgefährte sei als eher stabilisierender Faktor wahrgenommen worden. Darum sei der Umfang der Betreuung von zunächst zwölf auf später acht Stunden pro Woche reduziert worden. Das Jugendamt habe – anders als einige Medienberichte unterstellten – allerdings keine Kindeswohlgefährdung gesehen und demnach den Betreuern auch keine damit verbundenen stringenten Berichtspflichten auferlegt, so Mann van Velzen am Dienstag. Das Jugendamt oder das Kinderkompetenzzentrum des UKE wurden deshalb auch nicht informiert.

Der Chef der Deutschen Kinderhilfe, Rainer Becker sieht die Versäumnisse bei den Hamburger Behörden. „Wenn man davon ausgeht, dass das Kind schon einmal einen Schlüsselbeinbruch erlitten hat, darf man es nicht ohne eine genaue und sorgfältige Gefahrenprognose in die Familie zurückgeben“, sagte der Polizeidirektor im Ruhestand am Dienstag. Das Gefahrenabwehrrecht erlaube es, ein Kind in behördlicher Obhut zu belassen, wenn der Haushalt oder die Familiensituation gefährlich für es ist, erklärte Becker. Zudem sei der Familienhelferin die Vorgeschichte möglicherweise nicht richtig übermittelt worden. „Das Kind wurde zur Experimentiermasse.“

Der Fall der durch Unterernährung gestorbenen Lara Mia aus dem Jahr 2009 rückte das „Rauhe Haus“ erstmals ins kritische Licht der Öffentlichkeit. Auch hier war es wenige Tage vor dem Tod zu einem Hausbesuch einer Betreuerin gekommen. Ein unabhängiger Gutachter nahm das auch damals für die Betreuung der Familie verantwortliche Haus unter die Lupe. Gegen die zuständige Sozialarbeiterin wurde ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet. Sie habe sich zu leichtgläubig auf falsche Aussagen der Mutter und auch der Großmutter von Lara Mia verlassen, so der Vorwurf. Es stellte sich heraus, dass ihre Aktenführung und die Betreuung unzureichend waren. Der damalige Senator Dietrich Wersich (CDU) begrüßte seinerzeit die „offene und selbstkritische Auseinandersetzung“ des „Rauhen Hauses“ mit dem „tragischen Vorfall“. Als Konsequenz wurde das Vier-Augen-Prinzip eingeführt, um zukünftig „blinde Flecken“ wie im Fall Lara zu vermeiden.

460 Familien bekommen am Hauptstandort der Stiftung in Hamburg Unterstützung – allesamt von fest angestellten Sozialpädagogen. Kinder, die vorübergehend oder auf Dauer nicht in ihrer Familie sein können, leben dort ebenso wie Rentner. Ebenso junge Menschen in Jugendwohngruppen, die nach dem Leitbild „von Schulverweigerern zu Abiturienten“ eine Perspektive erhalten sollen. 620 Diakoninnen und Diakone gehören der Brüderschaft an. Insgesamt beschäftigt das Haus rund 1000 Mitarbeiter an seinen knapp 100 Standorten in der Kinder- und Jugendhilfe, der Sozialpsychiatrie, der Altenhilfe und der Wichern-Schule.

Johann Hinrich Wichern – der später an selbem Ort den Adventskranz erfand – gründete das Rettungsdorf 1833 vor den Toren der Stadt als Zufluchtsstätte in Zeiten der um sich greifenden Industrialisierung. Das Projekt des Theologen zur Kinder- und Jugendhilfe begann in einem alten Bauernhaus in Horn, das noch heute an selber Stelle als Rekonstruktion erhalten ist. Ein drastischer Bevölkerungszuwachs hatte die Zahl verwahrloster und hungerleidender Kinder rasch ansteigen lassen, die in den wachsenden Elendsvierteln lebten. Das Elend im Stadtteil St. Georg erlebte der Theologe so hautnah, dass er sich zum Handeln gezwungen fühlte. In den Jahren bis 1855 entstanden in Deutschland über 100 Rettungshäuser nach diesem Vorbild, auch die Diakonie geht auf Wichern zurück. Die Rückkehr eines Kindes ins Elternhaus wurde seit jeher als optimale Lösung gesehen, was aber selten möglich war. Vorsteher des Hauses ist seit 2009 der gebürtige Eckernförder und ehemalige Pastor von Sörup, Dr. Friedemann Green.

Mit dpa

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert