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Nie mehr „Final Countdown“ am Weinregal : Supermarkt-Revolution: Wie spezielle Musik den Einkauf beeinflusst

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Das Hamburger Unternehmen „ReAct“ arbeitet mit Musik daran, dass sich Supermarkt-Kunden bei ihrem Einkauf wohler fühlen.

shz.de von
erstellt am 27.Okt.2017 | 14:27 Uhr

Hamburg | Musik im Alltag ist die Regel. Sie läuft in Einkaufszentren, Kaufhäusern, Restaurants, Cafés, Telefonschleifen oder Supermärkten. „Bei einer heterogenen Masse ist es nicht möglich den Musikgeschmack aller zu treffen“, so der Hamburger Unternehmer Wilbert Hirsch. Was dem einen gefällt, stört den anderen und kann einen dritten gar zur Eile ermutigen. „Was wir aus der Wissenschaft wissen ist, dass musikalische Parameter Einfluss auf uns haben.“

Beispiel Geschwindigkeit: „Man hat herausgefunden, dass das Tempo der Musik Einfluss auf die Laufgeschwindigkeit hat“, so Wilbert Hirsch. Schon eine Studie von 1982 belegt, dass die Geschwindigkeit von Hintergrundmusik im Supermarkt einen direkten Einfluss auf die Aufenthaltsdauer von Konsumenten hat. Die meisten Titel im Supermarkt seien dennoch viel zu schnell. Seit 20 Jahren erklärt der Filmkomponist, wie Ohren funktionieren und wie Klänge wirken. Sein Unternehmen Responsive Acoustics (kurz: ReAct) hat dem Gedudel und akustischen Störfaktoren im Supermarkt den Kampf angesagt. „Die meisten Anbieter versuchen, Musik fürs Publikum anzubieten. Unserer Meinung nach geht es nicht darum, einen Musikgeschmack zu treffen, sondern darum über Klang Atmosphäre zu schaffen“, so Hirsch.

Im neuen Edeka am Mittelweg herrscht eine angenehme Atmosphäre. Einige Mitarbeiter räumen die Regale ein, eine Kasse ist besetzt. Es ist ruhig. Musik ist im ersten Moment gar nicht zu hören. Doch sie ist da, so leise, dass sie gerade wahrzunehmen ist, so laut, dass sich die Kunden wohl fühlen: so zumindest die Idee von ReAct. Das Hamburger Unternehmen arbeitet seit sechs Jahren daran, die richtige Atmosphäre zu schaffen, um damit eine längere Verweildauer der Kunden zu erreichen und Mitarbeiter effizienter zu steuern. „Wir sorgen dafür, dass kein ,Final Countdown‘ am Weinregal läuft.“ Mit Erfolg. Eine Auswertung von Kundenbefragungen in einem Tankstellenshop von Lekkerland in diesem Jahr ergab einen Anstieg der Spontankäufe von durchschnittlich 5,50 auf 8 Euro, wenn die „ReAct Funktional Ambiances“ gespielt wurden. Das Unternehmen hat ein System außerdem mit verschiedenen Universitäten in Deutschland, einigen Edeka-Märkten und der Edeka-Zentrale Nord getestet.

Beispiel Wein und Sekt: Kunden kaufen tendenziell teureren Wein, wenn das Audiosystem aktiv ist. Zudem werden Kunden zu Impulskäufen als kleine Belohnung im Alltag angeregt. Seit Jahren arbeitet ReAct eng mit Edeka zusammen. Etwa 15 Prozent der Nord-Edekaner sind bereits ReAct-Kunden. Mittlerweile sind es über hundert Supermärkte in Deutschland. In Hamburg sind es etwa Edeka Niemerzein, Clausen, Kraus oder Woytke, das Kaufmannshaus Große Bleichen oder das Planetarium.

7000 Euro hat Filialleiter Sebastian Kraus aus Hamburg bislang in das Audio-Konzept investiert. Nicht wenig. „Die bislang gängige Beschallung halte ich für veraltet“, so Kraus. Die Musik in seinem neuen Markt ist kaum zu hören, sie passt sich dynamisch an die wechselnde Kundenfrequenz und die Raumlautstärke an. Mehrere Lautsprecher sind in dem Markt am Mittelweg integriert und werden getrennt bespielt. „Jede Produktwelt hat unterschiedliche Parameter“, erklärt Wilbert Hirsch. „Die Musik wird so synchronisiert, dass es zwischen den einzelnen Zonen nicht zu Missklängen kommt.“

Doch es geht nicht nur um die Musik. Durch die unabhängigen Lautsprecher-Zonen sind Durchsagen nur noch dort zu hören, wo sie gehört werden müssen. Wenn eine weitere Kasse geöffnet wird, hören das nur die Kunden am Ausgang. Braucht der Kunde am Weinregal oder am Pfandautomat Hilfe, drückt er die Klingel, mit der er einzelne oder gruppierte Mitarbeiter zielgerichtet auf ihrer Smartwatch oder dem Smartphone informiert. Auch Mitarbeiter an der Kasse können ihre Kollegen durch verschiedene Icons auf Tablets um Unterstützung bitten. „So können wir Störfaktoren minimieren“, erklärt Wilbert Hirsch. „Viele Durchsagen interessieren den Kunden nicht, warum ihn damit belästigen.“ Durchsagen werden so überflüssig, sind aber weiterhin möglich. Nur müssen die Kollegen sie nicht mehr selbst einsprechen, das übernimmt eine programmierte Stimme.

„Unsere Arbeit ist kein Hexenwerk, aber wir haben Lösungen gefunden, die es so nicht gibt. In der Komplexität des Angebots sind wir weltweit die einzigen auf dem Markt“, so Wilbert Hirsch. Momentan noch hat sich das Unternehmen mit seinen Systemen auf den Lebensmitteleinzelhandel fokussiert. Letztendlich ließen sich die Systeme aber auf viele Branchen adaptieren. Adaptieren will Sebastian Kraus sein neues System auch auf seine andere Filiale in Eppendorf. Spätestens in zwei Jahren soll dort dann auch kein Gedudel mehr aus dem Lautsprecher kommen.

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