Hamburg : Streit um Fernwärme: Jens Kerstan sieht Kauf als guten Deal

Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne)

Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne).

Der Umweltsenator rechnet mit stabilen Preisen für die Kunden und Gewinne für die Anlieger.

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11. Oktober 2018, 17:29 Uhr

Hamburg | Der Kauf des Fernwärme-Netzes durch die Stadt Hamburg wird nach Einschätzung von Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) nicht nur den Kunden stabile Preise garantieren, sondern auch erkleckliche Gewinne abwerfen. Die Stadt mache ein gutes Geschäft, sagte Kerstan am Donnerstag in Hamburg. Der Wert der Fernwärme liege für die Stadt über dem zu zahlenden Preis von 950 Millionen Euro. Das gehe aus den Gutachten der Beratungsgesellschaft LBD hervor, die von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC und der Hamburger Beteiligungsgesellschaft HGV eng begleitet wurden. „Es entstehen keine finanziellen Lasten für die Kunden oder den Steuerzahler“, sagte Kerstan.

Gemeinsam mit LBD-Geschäftsführer Ben Schlemmermeier präsentierte Kerstan in der Umweltbehörde Teile des Gutachtens, das letztlich zu der Kaufentscheidung des Senats führte und in der kommenden Woche veröffentlicht werden soll. Danach ergibt sich unter mittleren Annahmen ein Wert von 1,1 Milliarden Euro für die Fernwärme und auch bei einer etwas skeptischeren Sicht noch von 979 Millionen Euro. Der Wert wurde gegengecheckt durch eine Umfrage bei Banken und Beratern, die ebenfalls zu Marktwerten oberhalb von 950 Millionen Euro führte.

Da nach dem Kauf für einige Zeit hohe Investitionen bis zu einer Milliarde Euro für neue Erzeugungsanlagen und den Ausbau des Fernwärme-Netzes zu stemmen sind, werden zunächst kaum Gewinne anfallen. Mittelfristig sei in den Jahren bis 2030 jedoch mit Erträgen und Ausschüttungen zu rechnen. Für die Kunden soll sich die Fernwärme in den kommenden zwölf Jahren um rund zehn Prozent verteuern, das entspreche der allgemeinen Preisentwicklung auf dem Wärmemarkt.

Voriges Gutachten beziffert niedrigeren Unternehmenswert

Der am Dienstag verkündete Kauf der Fernwärme ist umstritten, weil ein Wertgutachten der Beratungsgesellschaft BDO im Frühjahr lediglich auf einen Unternehmenswert von 645 Millionen Euro gekommen war und die Stadt sich zuvor zur Zahlung eines Mindestpreises von 950 Millionen Euro verpflichtet hatte. Das BDO-Gutachten sei unter den methodischen Vorgaben nicht falsch, aber nicht geeignet, um den korrekten Käuferwert und den Marktwert wiederzugeben, sagte Schlemmermeier.

Das liege daran, dass die Renditeziele zu hoch angesetzt seien und die bevorstehende Verlängerung der Förderung von KWK-Kraftwerken nicht einbezogen werden konnte. Das Gutachten gehe von einer Rendite von sieben bis acht Prozent aus, die Stadt sei mit 3,5 bis 5,5 Prozent zufrieden. Bei einem Kaufpreis von 950 Millionen Euro werde die Rendite 6,16 Prozent betragen. Schlemmermeier erwartet, dass der Absatz von Fernwärme in Hamburg bis 2030 um rund zehn Prozent steigen wird, obgleich die Wohnungen generell weniger Heizenergie benötigen.

Kerstan will die Fernwärme-Versorgung vorantreiben

Fernwärme sei sehr wettbewerbsfähig, weil sie bereits CO2-arm erzeugt werde und weniger Dämmungsmaßnahmen an Immobilien erfordere. Kerstan will nun die notwendigen Bauprojekte vorantreiben, um die Fernwärme-Versorgung nach der Abschaltung des Kraftwerkes Wedel zu sichern. Dazu gehört auch eine Wärmeleitung unter der Elbe, für die zunächst das Planfeststellungsverfahren abgeschlossen werden muss. Die Umweltbehörde will Wedel bis zum Beginn der Heizperiode 2022/23 abschalten. Das könne sich unter ungünstigen Umständen um bis zu zwei Jahre verzögern.

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