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„Hamburg ist nicht die schönste Stadt“ : Stararchitekt Hadi Teherani über die Defizite der Hafencity, Kreativität und eine Wohnbrücke über die Elbe

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Kein anderer Architekt hat dem modernen Stadtbild von Hamburg so den Stempel aufgedrückt wie Hadi Teherani. shz.de hat den Baumeister in seinem Büro im Lofthaus am Elbberg getroffen.

shz.de von
erstellt am 22.Jul.2017 | 10:00 Uhr

Hamburg | Man sagt, er baut Hamburgs Denkmäler von morgen. Kein anderer Architekt hat dem modernen Stadtbild so den Stempel aufgedrückt wie Hadi Teherani. Wir treffen den Baumeister mit persischen Wurzeln in seinem Büro im Lofthaus am Elbberg, eine dieser atemberaubenden Teherani-Schöpfungen. Aus dem Fenster fällt der Blick über Elbe und Hafen – und auf eine seiner Lieblingskreationen.

Herr Teherani, wie gefällt Ihnen die Elbphilharmonie?
Die gefällt mir gut. Das ist mal ein Highlight für Hamburg, das international ausstrahlt. Mittlerweile ist es schon ein Wahrzeichen. Bei anderen Immobilienprojekten sagt man jetzt, man hat Elbphilharmonie-Blick.

„Mal ein Highlight“? Wagt Hamburg architektonisch zu selten etwas?
Viel zu selten. Hamburg ist der eigenen Schönheit verfallen. Die Stadt ist durch ihre natürliche Lage mit Elbe und Alster gesegnet. Sie ist zu selbstgenügsam.

Ist Hamburg denn nicht die „schönste Stadt der Welt“, wie so manche sagen?
Nein. Es ist eine der schönsten Städte. Es gibt aber viel spannendere Städte, wie London, Barcelona oder auch Istanbul. Aber das stört die Hamburger nicht. Die fühlen sich wohl in ihrem Nest und wollen nicht gestört werden.

Ist das ein Fehler?
Wenn man an die Konkurrenz unter Städten bei der Stadtentwicklung denkt, dann ist es ein Fehler. Städte, die sich nicht verändern, sind uninteressant.

Welche Rolle spielt Architektur dabei? Braucht Hamburg mehrere Elbphilharmonien?
Hamburg braucht nur eine Elbphilharmonie. Aber die Stadt braucht zusätzlich noch andere Gebäude, die eine ähnliche Funktion übernehmen. Der Grund, warum wir andere Städte besuchen, ist schließlich die Architektur. Niemand würde nach Rom fahren, wenn die alten Römer dort nicht die tollen Gebäude hingestellt hätten. Sonst könnte man ja nach Hannover oder Dortmund fahren.

Was ist mit der Hafencity? Die haben Sie früher mal als „Würfelhusten“ kritisiert. Fällt Ihr Urteil inzwischen milder aus?
Die Hafencity ist eigentlich ganz gut gelungen ...

… aber?
Es ist noch Luft nach oben.

Das heißt?
Es müsste noch einige tolle Bausteine geben, damit die Hafencity ihren Reiz zeigt. Mir fehlt eine übergeordnete Idee, die die besondere Atmosphäre des Ortes aufnimmt. Den Genius loci, die besondere Spannung zwischen Wasser und Gebäuden, wie etwa in Venedig. Das architektonische Niveau ist schon hoch, aber manches ist zu austauschbar und zu eng bebaut.

Zum Beispiel?
Zum Beispiel am Kaiserkai, darauf bezog sich der „Würfelhusten“. Gerade jetzt, wo die Elbphilharmonie fertig ist, hätte der Kaiserkai ein breiter Boulevard sein müssen. Aber diese Fehler sind vor langer Zeit gemacht worden.

Abgesehen von der Elbphilharmonie: Welches Gebäude in der Hafencity gefällt Ihnen am besten?
Mein eigenes, das Gebäude von China Shipping am Sandtorkai. Es nimmt Strukturen aus dem Hafen auf und orientiert sich an einem Vancarrier.

Sie planen derzeit ein neues Projekt in der Hafencity...?
Am Strandkai haben wir ein Wohngebäude entworfen, neben dem Marco-Polo-Tower und genauso hoch.

Wie drückt sich dabei der Genius loci aus?
Das Haus nimmt die Idee eines Schiffes auf. Wir bauen Decks, so dass die Menschen um ihre Wohnung herumgehen können. Man kommt vom Wohnzimmer auf ein Holzdeck, davor ist eine Reling. Das Ganze gestapelt und leicht verdreht.

Am östlichen Ende der Hafencity will Hamburg erstmals ein 200-Meter-Hochhaus bauen, den Elbtower. Gute Idee?
Ja, eine gute Idee. Ich finde allerdings, dass so ein Hochhaus in der Mitte der Hafencity in Höhe Baakenhöft besser aufgehoben wäre als am Rand. Auch dort würde ein schlankes Gebäude nicht die Silhouette mit den Kirchtürmen zerstören.

Bürgermeister Scholz hat für den Elbtower „Weltklassearchitektur“ angekündigt und um Entwürfe gebeten. Machen Sie mit?
Ja. Wir lassen uns jetzt mal die Unterlagen kommen.

Viele Ihrer Gebäude prägen das moderne Hamburg, etwa die Tanzenden Türme auf St. Pauli, das Dockland in Altona und der Berliner Bogen. Sprechen Menschen Sie darauf an und sagen: „Das hast Du gut gemacht“?
Ja. Das passiert ständig.

Was ist das für ein Gefühl?
Das ist eine schöne Bestätigung meiner Arbeit. Die Leute sagen das mit Respekt. Dann geben sie mir die Hand, springen über ihren Schatten und sagen: „Ich möchte Ihnen mal danken für die schönen Häuser, die sie gebaut haben.“

Mögen Sie den Begriff „Stararchitekt“?
Naja. Den Titel gibt’s ja gar nicht. Wir sind alles Architekten. Aber aus dem Produktdesign weiß ich, dass es dazu gehört, solche Marken zu kreieren.

Sie haben eine besondere Formensprache, etwa bei den Knicks der Tanzenden Türme oder beim Dockland, das wie ein Schiff aussieht. Wo kommen Sie auf so was?
Es steckt immer eine Idee dahinter und eine Klarheit. Hamburg ist eine klare Stadt und klar eingeteilte Stadt. Hier Alster, dort Elbe. Hier weiße Villen, dort roter Backstein. Mit meinen Gebäuden antworte ich auf diese Klarheit, und ich berücksichtige immer die besonderen Eigenarten des Ortes, an dem das Gebäude stehen soll.

Woher schöpfen Sie ihre Kreativität?
Für mich ist Kreativität normal. Ich schöpfe meine Ideen aus der Umgebung.

Ein Beispiel, bitte.
Bei den Tanzenden Türmen habe ich den Spirit und den Move des Viertels St. Pauli aufgenommen. Und habe eben kein gerades Hochhaus entworfen wie die anderen. Ganz einfach.

Aber so einfach scheint es nicht zu sein, wenn andere nicht darauf kommen...?
Doch. Die anderen denken zu kompliziert.

Welche Rolle spielt dabei, dass Ihre Wurzeln im Iran liegen?
Das kann eine Rolle spielen. Aber ich bin in Deutschland zur Schule gegangen und ausgebildet worden. Ich bin deutsch geprägt, auch wenn meine Eltern mit mir Persisch gesprochen haben.

Hadi Teherani ist 1954 als Sohn einer Kaufmannsfamilie in Teheran geboren und kam als Sechsjähriger nach Hamburg. Studiert hat er an der TU Braunschweig. Heute verfügt er über Büros in mehreren Ländern, entwarf und realisierte Bauten unter anderem in Abu Dhabi, Berlin, Dubai, Istanbul, Kopenhagen, Rom und Teheran. In Hamburg stehen mehrere spektakuläre Teherani-Gebäude wie die Tanzenden Türme, der Berliner Bogen, das Dockland, die Europa-Passage und das Deichtor Center. Der nimmermüde Kreative ist zugleich Designer, schuf unter anderem Manschettenknöpfe für Montblanc, ein E-Bike und eine modulare Küche.

Kein Einfluss aus dem persischen Kulturkreis?
Doch. Im Iran sind beispielsweise Gastfreundschaft und Respekt stärker ausgeprägt. Bei Gebäuden muss man Respekt für die Umgebung zeigen. Und es gibt im Iran die Tradition, nachhaltige Häuser zu bauen. Wind wurde durch das Innere geleitet und zum Kühlen über ein Wasserbecken geführt. Dieses Prinzip der Luftbewegung habe ich auch eingesetzt, etwa im Deichtorcenter und im Doppel X.

Welches Ihrer Hamburger Gebäude gefällt Ihnen am besten?
Ich mag das Dockland noch immer, blicke aus meinem Büro darauf und freue mich, dass so viele Menschen da rauflaufen. Und wenn ich an den Tanzenden Türmen vorbeifahre, freue ich mich, dass sie von jeder Seite anders aussehen. Das Gebäude hat eine seltene Tiefe und Reife.

Hamburg streitet derzeit über den Abriss des denkmalgeschützten City-Hofs. Wie gefällt Ihnen der Entwurf für den Nachfolgebau?
Ich verstehe diejenigen, die für den Abriss sind, aber auch die, die dagegen sind. Insgesamt könnte Hamburg mehr Brüche in der Architektur gebrauchen. Wenn jetzt so ein Bruch wie der City-Hof wegfällt und ein Möchtegern-Kontorhaus entsteht, finde ich das eher langweilig. Die Stelle ist die eigentliche Einfahrt nach Hamburg, dort hätte die Chance zu Weltarchitektur bestanden.

Welchen Traum als Architekt wollen Sie sich noch erfüllen?
Mein Traum wäre, weiterhin so arbeiten zu können wie derzeit und immer wieder was Neues zu machen. Ich bin im Moment so frisch wie vor 40 Jahren.

Eine Ihrer großen Ideen, die nie verwirklicht wurden, war die Living Bridge, eine Wohnbrücke über der Elbe in Hamburg mit 1000 Wohnungen. Sehen Sie noch eine Chance?
So lange an der Stelle noch nichts gebaut ist und der Sprung über die Elbe ein Ziel Hamburgs bleibt: ja. Eine Wohnbrücke wäre die beste Möglichkeit, den Süden urban anzubinden. Das ist eine historische Chance.

Hadi Teherani... persönlich
Mein Lieblingsplatz in Hamburg ist … meine Lounge an der Außenalster, direkt am Wasser.

Dieses Hamburger Gebäude würde ich sofort abreißen … das Millerntor Center gegenüber den Tanzenden Türmen.

Arbeiten bedeutet für mich … mein Leben.

Entspannung finde ich … bei der Arbeit.

Ich möchte niemals wohnen in … einer dunklen Straße ohne Grün.

Ich habe Angst vor … Dummheit.

Das schönste Gebäude der Welt ist für mich … die Villa Malaparte auf Capri.

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