„St. Pauli lebt vom Mythos, den es mal hatte“

Eine Institution auf dem Kiez: Susi Ritsch vor ihrem Etablissement.
Eine Institution auf dem Kiez: Susi Ritsch vor ihrem Etablissement.

Showbar-Betreiberin und Kiez-Urgestein Susi Ritsch über die Reeperbahn als Unesco-Kulturerbe, ihr Leben im Rotlicht und die Liebe zum Fußball

shz.de von
22. August 2018, 18:49 Uhr

Die Oma ist schuld. Als ihre leibliche Mutter verstarb, zog die 18-jährige Susi Ritsch aus Köln zu ihrer Hamburger Oma. Inzwischen ist die gebürtige Rheinländerin auf St. Pauli eine Institution. Seit fast 35 Jahren betreibt sie mit ihrem österreichischen Mann Heinz, einem Musiker, auf dem Kiez „Susis Show Bar“ – eines der letzten Etablissements, die dem einstigen Rotlicht-Milieu zu Weltruhm verhalfen. Angefangen haben die beiden 1980 mit einem Café an der Ecke zur „Großen Freiheit“, das 24 Stunden täglich geöffnet hatte. Nach einem Brandanschlag, bei dem 1984 ihr „Copacabana“ und fast auch ihre Existenz zerstört wurden, entschlossen sie sich zu einem völlig anderen Neuanfang. Sie beantragten die Lizenz zur Eröffnung eines „Cabarets“ – genau genommen war das die „Erlaubnis zur Zurschaustellung von Personen“. So nannte sich damals die Rechtsgrundlage für Live-Sex-Theater wie das „Salambo“ oder das „Regina“, die St. Pauli zu seinem Mythos verhalfen aber inzwischen Geschichte sind. „Susis Show Bar“ ist geblieben. Das Konzept ist simpel. Auf einer Bühne in der Mitte der Bar tanzen Frauen und ziehen sich dabei aus. Am „Schnüffelbalken“ drum herum sitzen die Gäste und schauen ihnen dabei zu. Nur gucken, nicht anfassen, harten Sex und Prostitution gibt es bei ihr nicht. Susi Ritsch (58) lacht viel, wenn sie über ihre „Mädchen“ spricht und die Veränderungen auf St. Pauli. Es sind nur noch wenige Bars wie ihre oder das „Dollhouse“ übrig geblieben. Sind sie die Seele von St. Pauli, über den seit Wochen so heftig diskutiert wird? Oder sind es die Theater, die neue Gastronomie, die Klubs? Das Quartiersmanagement möchte St. Pauli als „immaterielles Unesco-Kulturerbe“ anerkennen lassen, so wie Pizza backen aus Neapel, den Rheinischen Karneval oder die Ostfriesische Teekultur. Viele Geschäftsleute und Vereine unterstützen die Idee. Es gibt aber auch Gegner, denn die „Seele des Stadtteils“ – dazu gibt es ganz unterschiedliche Vorstellungen.

Frage: Was ist eigentlich die Seele von St. Pauli?
Susi Ritsch: Oha, das ist eine echt schwierige Frage. Für mich gehört sicher der Rotlicht-Mythos dazu, früher gab’s hier schließlich nur Sex, viele Menschen, und die hatten Spaß daran. St. Pauli lebt noch immer von dem Mythos, den es mal hatte, das Rotlicht zieht noch immer die Gäste an, auch wenn es immer weniger wird. Insofern ist es auch Teil der Seele.

Die Frage spaltet derzeit Gastronomen und Kneipenwirte, aber auch Anwohner und Politiker, die St. Pauli zum Kulturerbe der Unesco machen und so den Stadtteil retten möchten. Zum Rotlicht gehörte immer auch Kriminalität, von Frauenhandel bis zu Gewalt. Was ist daran so rettenswert?
Die ganze Diskussion hängt schon mit dem Mythos zusammen, mit diesem Ruf von früher. Sicher gab es auch Kriminalität, aber kein Mensch, der heute über den Mythos St. Pauli spricht, denkt dabei an Kriminalität. Sondern eher an dieses Prickeln, Frauen kennenlernen zu können, das war schon zu Zeiten von Hans Albers so. Das ist immer noch in den Hinterköpfen, obwohl es garantiert nicht mehr realistisch ist, aber realistisch ist hier schon lange nichts mehr. St. Pauli ist heute wirklich eine Mischung aus Kunst, Kultur, Events, Techno-Discos und sich zuschütten.

Was würde sich denn für Sie verändern, wenn St. Pauli Unesco-Kulturerbe würde?
Auf jeden Fall unsere Werbung (lacht). Ich weiß selbst nicht so genau, was die erwarten und was gerettet werden soll. Die Kioske auf gar keinen Fall.
Diesen Ballermann-Mythos braucht hier keiner.

Wie hat sich St. Pauli seit Ihren Anfängen verändert?
Alle zehn Jahre gibt ist hier einen Wandel. In den achtziger Jahren gab es die ganzen Cabarets, „Salambo“, „Colibri“, „Tabu“ und wie sie alle hießen. Das „Salambo“ war der Hauptanziehungspunkt, da wurden Sex-Shows mit allem geboten, die St. Pauli weltberühmt machten, es kamen dazu sogar viele Männer aus dem Publikum auf die Bühne. In den Neunzigern, kam die Disco-Welle. Später kamen dann die Musik-Klubs, Corny Littmann folgte mit seinen Theatern, es gibt neue Qualitätsgastronomie. Es blieben nur noch ein paar Leute von den Alten übrig. Die Zeiten verändern sich. Die Kriminalität übrigens auch.

Wie sind Sie auf die Idee der Showbar gekommen, Strip und „Oben Ohne“ waren verglichen zu den harten Sex-Klubs auf der Großen Freiheitdamals doch vergleichsweise harmlos.
Ich bin typische Kölnerin, der lustige Typ, der Karneval liebt und viel Spaß haben möchte. Ich habe deshalb sogar selbst über Jahre hier ein bisschen getanzt. Wir hatten immer tolle Musik. Die Leute kamen gut gelaunt, es war einfach lustig bei uns, gute Stimmung, darum ging es den Leuten, die wollten feiern.


Mehr nicht?
Wenn sie mehr wollen, sollen sie doch in die Herbertstraße gehen oder sonst wo in den Puff. Hier gab’s nur gute Laune, das ist bis heute so.

Passen nackte Frauen, die an der Stange tanzen, heute noch in die Zeit?
Erstens haben wir keine Stange (lacht). Sie tanzen auf einer kleinen Bühne. Und natürlich kann man das heute alles im Internet haben und überall. Dazu für weniger Geld. Aber sogar die Veranstalter des „Wacken Open Air“ buchen Frauen bei uns. Wir verkaufen gute Stimmung, gutes Klima und tolle Mädchen, nicht die typischen von St. Pauli. Die Mädchen unterhalten die Gäste, und die können sich auch mit ihnen unterhalten.

Finden Sie Ihr Gewerbe eigentlich politisch korrekt?
Was heißt schon politisch korrekt. Wir machen doch gar nichts. Wir fördern keine Prostitution.

Immerhin stellen Sie Frauen als reine Sexualobjekte zur Schau, während zugleich öffentlich über „#MeToo“ diskutiert wird. Passt „Susis Show Bar“ noch in die politische Landschaft?
In Hamburg haben wir das Problem nicht. Alles ist doch freiwillig. Die Frauen kommen ja von selber zu uns, wollen hier arbeiten und fragen höflich, darf ich. Das ist doch toll. Die Gäste kommen auch freiwillig (lacht). Am Wochenende, freitags und sonnabends, haben wir bis gegen Mitternacht fast nur Pärchen als Gäste. Weil wir auch ein nettes Show-Programm für Frauen machen. Das müssen wir jedes Wochenende zehn Mal wiederholen. Die Frauen wollen nämlich auch ein bisschen was sehen. Nicht nur die Männer.

Was sind das für Frauen, die bei Ihnen tanzen?
Das geht durch alle Schichten. Wir haben Mädels, die gehen zur Uni oder auf die Privathochschule, die müssen ihr Studium finanzieren. Wir haben auch Mütter mit Kindern, die durch Tanzen ihr Leben als Alleinerziehende aufbessern. Das sind keine Frauen, die in der Herbertstraße oder im Bordell arbeiten. Sie bewerben sich übers Internet oder kommen einfach hier rein und fragen ob sie mal vortanzen können. Wir können ja nicht jede nehmen. Manche tanzen nur zwei Tage in der Woche, manche häufiger. Alle sind sozialversicherungspflichtig angemeldet

Wer sind die Gäste? Touristen auf ihrem Reeperbahnbummel, Betrunkene oder Theaterbesucher, die nach der Aufführung noch etwas erleben wollen?
Auch, aber wir haben unheimlich viele Stammgäste, und das über Jahre und Jahrzehnte. Die reservieren auch. Manchmal ist es schwierig, noch einen freien Tisch zu ergattern. Alle haben Lust auf gute Laune und einen netten Abend.

Sind Betriebe wie „Susis Show Bar“ oder das „Dollhouse“ die letzten Relikte, mit denen die Illusion von Rotlicht und käuflichem Sex aufrechterhalten und der Mythos am Leben gehalten wird?
Wir sind alte Haudegen und der Rest der sündigen Meile. Wir tragen sicher einen großen Teil dazu bei, die Illusion zu erhalten. Mehr aber auch nicht. Denn wenn Gäste manchmal fragen, können wir hier Sex machen, denen sagen wir, nein, dann musst du in den Puff gehen. Da sind wir ganz klar. Sogar die Polizei schickte uns schon Gäste, die wissen ganz genau, wo man nicht betrogen und abgezogen wird.
Sie sind Fußball-Fan vom FC St. Pauli, nur weil das auf dem Kiez dazugehört?
Nein, ich bin echter Fußball-Fan. Ich habe früher selbst gespielt, in Bergisch-Gladbach. Eigentlich bin ich mehr für Kölle, das sag ich aber nicht so laut. Über Corny Littmann (Ex-Vereinspräsident und Theatermacher, Red.) bin ich zum FC St. Pauli gekommen. Wir haben inzwischen viel mit dem Verein zu tun, wir sind über Jahre eine Art Mannschaftslokal, die Spieler feiern hier ihren Ausstand, Einstand, Umstand, das ging schon zur Zeit von Holger Stanislawski los. Das ist immer noch so und bringt einfach viel Spaß. Die Spieler kommen und gehen, wir bleiben. Gerade erst waren auch wieder Spieler hier. Die waren schon echt alt.

Sie haben ein Loge im Millerntor-Stadion gemietet und sind deswegen zum Streitobjekt im Verein geworden. Linke Ultras kritisieren, dass nackte Tatsachen und Fußball in einem sich links gerierenden Verein nicht zusammenpassen. Verstehen Sie die Diskussion?
Habe ich verstanden.

Und, wie fanden Sie die?
Eigentlich schlimm. Denn unsere Mädels waren nie nackt, wie behauptet wurde. Die hatten immer ihren Dress an. Andererseits hatten wir die beste Werbung. In der ganzen Welt wurde darüber geschrieben, dass bei uns die Mädchen Oben Ohne tanzen, obwohl das gar nicht stimmte. Hat sich auf unser Geschäft aber positiv ausgewirkt.

Sie engagieren sich sehr sozial. Ist das ein bisschen schlechtes Gewissen?
Nein, mein Herz schlägt so. Ich komme aus einem armen Elternhaus, ich will helfen. Wir sind Teil von St. Pauli und haben einige soziale Probleme direkt vor der Haustür, und wir wollen auch was zurückgeben, ob für Flüchtlinge, Obdachlose oder die Kinderkrebshilfe. Es gibt viel zu tun.

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