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Beiersdorf AG, Tesa, Jungheinrich : So wirkt sich der Konflikt in der Türkei auf Hamburger Unternehmen aus

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Massenentlassungen und eine mögliche Verfassungsreform: Die Lage in der Türkei sorgt bei Unternehmen für Verunsicherung.

shz.de von
erstellt am 12.Apr.2017 | 07:20 Uhr

Hamburg | Der weltweit größte Flughafen, ein Tunnel unter dem Bosporus, gigantische Brücken: Die Türkei von Präsident Recep Tayyip Erdogan ist ein Land der Megaprojekte. Seit seinem Amtsantritt als Premierminister 2003 wuchs die Wirtschaft im Schnitt jährlich um fast fünf Prozent - mit dem Wachstum kamen die Großbaustellen. Nun hat Erdogan ein neues Projekt: den Umbau des Staates zum Präsidialsystem. Im Erfolgsfall wäre er in Zukunft Staatsoberhaupt und Regierungschef in einer Person - und könnte ohne Zustimmung des Parlaments mit Dekreten regieren.

Das umstrittene Referendum spaltet nicht nur die Türkei, auch die Beziehung zu Deutschland ist schwer angeknackst. Die islamisch-konservative AKP und Staatschef Recep Tayyip Erdogan bleiben auf Kurs, die Opposition fürchtet, die Türkei könne durch das angestrebte Präsidialsystem zur Diktatur werden.

Das belastet die Konjunktur und schafft Unklarheit. Doch Unternehmen brauchen Rechtssicherheit. Auch Hamburger Unternehmen stellen ihre Türkei-Geschäfte auf den Prüfstand. Und das, obwohl sich zumindest der Außenhandel mit der Türkei trotz insgesamt sinkender Wachstumsraten 2016 positiv entwickelt habe, wie die Handelskammer mitteilt. „Unternehmen, die noch nicht in der Türkei am Markt sind, halten sich mit Investitionen derzeit erkennbar zurück“, sagt eine Sprecherin. Wer bereits vor Ort sei, suche nach einem Umgang mit der Situation.

Das gilt auch für den Hamburger Maschinenbauer Jungheinrich. Trotz 3,1 Milliarden Euro Umsatz 2016 und erwarteten Erlösen von 3,3 bis 3,4 Milliarden Euro in diesem Jahr, verzichtet der führende Hersteller von Gabelstaplern und Lagertechnik auf geplante Investitionen in der Türkei. In einer Prognose vom August 2016 war Jungheinrich zunächst davon ausgegangen, bis zu 85 Millionen Euro in Sachanlagen zu investieren, darunter ein geplanter eigener Standort für die etwa 160 Mitarbeiter in der Türkei. Statt Millionen in ein eigenes Gebäude zu stecken, arbeiten die Mitarbeiter nun bis auf Weiteres in gemieteten Räumen. Und die Jungheinrich-Investitionen des Geschäftsjahrs 2016 fallen um 32 Millionen Euro geringer aus.

Man müsse die Entwicklung in der Türkei nun abwarten, äußerte sich auch der Vorstandsvorsitzende der Beiersdorf AG, Stefan Heidenreich, bei der Vorstellung der Jahresbilanz 2016 des Konzerns zurückhaltend.

Mit negativen wirtschaftlichen Auswirkungen der politischen Situation rechnet auch die Beiersdorf Tochter Tesa, wie das Klebstoff-Unternehmen im März mitteilte.

Wie diese aussehen könnten, zeigt das Beispiel des Hamburger Unternehmens ECE, das unter anderem Shopping-Center in der Türkei vermietet und leitet. Im November löste die Firma den Managementvertrag für eines von dreizehn türkischen Einkaufszentren auf. Zuvor hatten türkische Behörden statt der Eigentümer-Familie einen Verwalter eingesetzt. Die Familie stehe der Gülen-Bewegung nahe, so die Begründung der türkischen Behörden.

„Wir sind weiterhin an Geschäften mit der Türkei interessiert und glauben nach wie vor, dass das Land großes Potenzial hat“, sagt ein ECE-Sprecher. Ohne Auswirkungen sei die innenpolitische Situation jedoch nicht. „Wer im Moment häufiger Probleme hat, sind unsere Mieter“, heißt es. Der Verfall der Lira verringere die Einnahmen. Die Mieten seien jedoch weiterhin in Euro fällig. „Wegen des Verfalls der Lira haben wir mehrfach Nachlässe bei Mieten gewährt, wenn wir die jeweilige Geschäftsprognose insgesamt noch positiv bewertet haben“, sagt der Sprecher. „Bei einer insgesamt positiveren Bewertung des Landes gäbe es das Problem nicht“, heißt es.

Und während sich die Türkei von Europa abwendet, nähern sich die türkischen Wachstumsraten langsam den Verhältnissen auf dem „alten Kontinent“ an. Das liegt auch am Einbruch der Tourismus-Einnahmen um fast 30 Prozent im vergangenen Jahr. Das Bruttoinlandsprodukt 2016 wuchs laut türkischem Statistikamt zwar immer noch um 2,9 Prozent. Doch das für türkische Verhältnisse unterdurchschnittliche Wachstum war teuer erkauft. Unter anderem drängte Erdogan die Zentralbank, trotz Inflation den Leitzins zu senken.

Und er schaffte das Staatsbürgerschaftsgesetz ab, um Investitionen aus dem Ausland zu erleichtern, wie ein Sprecher der Hamburger Unternehmensberatung Germela, die Kunden in der Region berät, erklärt: „Wer mindestens 100 Arbeitsplätze schafft, für 3 Millionen Dollar Staatsanleihen kauft, 2 Millionen Euro Anlageinvestitionen tätigt oder türkische Immobilien für 1 Million Dollar erwirbt, erhält die türkische Staatsbürgerschaft.“ Trotz allem befindet sich die türkische Lira weiter im Sinkflug.

Die Kreditwürdigkeit des Landes wird von Rating-Agenturen weltweit seit dem Putschversuch im Juli deutlich negativer beurteilt. Die Folge: „Unsere türkischen Mandanten investieren momentan vor allem in Deutschland, weit häufiger als in umgekehrter Richtung“, heißt es bei Germela. Das gelte auch für regierungsnahe Investoren, die ihr Geld in Deutschland sicherer vermuteten.

Man dürfe die Türkei trotz allem nicht aufgeben, sagt er: „Die Region bleibt ökonomisch interessant und das Durchschnittsalter ist niedrig.“ Denn - rein ökonomisch betrachtet - sei vor allem der Schwebezustand in der Türkei Investitionshemmnis. „Ein Präsidialsystem könnte auch eine gewisse Sicherheit garantieren: kein Streit zwischen den Koalitionspartnern. Da ist dann fünf Jahre lang wirklich Ruhe“, sagt er - rein ökonomisch, versteht sich.

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