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Fahren ohne Führerschein? : So narrt Kiezgröße Kalle Schwensen Hamburgs Justiz

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Fuhr er ohne Führerschein? Seit Jahren beschäftigt die Posse die Gerichte. Heute mal wieder, mit typischem Ausgang.

shz.de von
erstellt am 02.Jun.2017 | 15:02 Uhr

Hamburg | Seit mehr als sechs Jahren ist die Hamburger Kiez-Größe Karl-Heinz „Kalle“ Schwensen ein Fall für die Justiz. Der Vorwurf lautet Fahren ohne Fahrerlaubnis. Kalle Schwensen - wie er sich selbst nennt - soll nach Angaben der Staatsanwaltschaft am Abend des 2. Februar 2011 mit einem Mercedes ohne Fahrerlaubnis die Balduinstraße auf St. Pauli befahren haben. Am Freitag muss der 63-Jährige deswegen vor Gericht erscheinen, wieder einmal. Es gab bereits fünf Urteile in der Sache.

Karl-Heinz „Kalle“ Schwensen hat wegen seines klischeehaften Auftretens Bekanntheit weit über den Kiez hinaus erlangt. Er betreibt zwei Sadomaso-Clubs auf St. Pauli, spielte in Filmen mit und managte die damals erfolgreiche Band „Tic Tac Toe“.

Schwensen erscheint mit seinem Anwalt im Hamburger Landgericht. Sein üblicher Look: dunkle Haare und markanter Schnäuzer, blauer Anzug, weißes Hemd, schwarze Schuhe, dazu Pilotenbrille und Aktenkoffer im hellen Krokodilleder-Design. Nach nur wenigen Minuten kommen beide wieder heraus. „Das Gericht konnte sich nicht einigen, welche Posse es diesmal abzieht“, antwortet Schwensen auf die Frage, warum der Prozess gar nicht erst angefangen hat. Gerichtssprecher Kai Wantzen erklärt, dass die Vorsitzende Richterin den Termin unmittelbar vor Verhandlungsbeginn abgesetzt habe.

Umgibt sich gerne mit Promis: Kalle Schwensen mit Heiner Lauterbach und Friedrich von Thun 2014 in Berlin.

Umgibt sich gerne mit Promis: Kalle Schwensen mit Heiner Lauterbach und Friedrich von Thun 2014 in Berlin.

Foto: Imago/Future Image
 

Laut Anklage soll Schwensen an einem Februarabend 2011 auf St. Pauli einen betagten Mercedes bestiegen und davongefahren sein. Zu dem Zeitpunkt galt für den Ex-Manager der Mädchen-Popband „Tic Tac Toe“ Fahrverbot, sein Verkehrssünderkonto hatte die 18-Punkte-Marke überschritten. Kiezpolizisten beobachteten die Szene, einer sagte aus: „Ich kenne nur zwei Menschen, die nachts eine Sonnenbrille tragen: Heino und Herr Schwensen. Und Heino war das nicht.“ Der Angeklagte erwidert seit Jahren ebenso hartnäckig: „Ich war das nicht. Zu dem Zeitpunkt saß ich bei einer Freundin und habe ,Deutschland sucht den Superstar' geguckt.“

Das Gericht habe mit Schwensens Verteidiger abgesprochen, dass eine Einstellung des Verfahrens ohne Beweisaufnahme und Zeugen geprüft werden solle. Mit der Staatsanwaltschaft sei diese Frage aber nicht geklärt worden. Der Vertreter der Anklagebehörde habe dann im Gerichtssaal deutlich gemacht, dass eine Einstellung für ihn nicht in Betracht komme. Jetzt muss ein neuer Termin gefunden werden. Es gehe um eine Verkettung unglücklicher Zufälle, die nicht gut sei, sagt Wantzen.

In erster Instanz hatte ihn das Amtsgericht Hamburg zu einer empfindlichen Geldstrafe verurteilt, 110 Tagessätze à 100 Euro. Dagegen legte er Berufung ein. Das Verfahren ist voll solcher skurrilen Episoden. Zu dieser Verhandlung am 23. Oktober 2012 erschienen gleich zwei Männer mit Sonnenbrillen, die wie Schwensen aussahen. Mit dem Mummenschanz hat Schwensen gar Hamburger Justizgeschichte geschrieben. Er schickte ein Double mit den Schwensen-typischen Markenzeichen Sonnenbrille, Schnauzbart und dunkler Anzug. Er habe beweisen wollen, wie leicht er zu verwechseln sei, so die schlitzohrige Begründung des tatsächlichen Angeklagten. Der hatte derweil unerkannt mit Pulli, Beulenjeans und glattrasiert im Saal Platz genommen.  Staatsanwalt und Verteidiger hätten sich nicht einigen können, wer der Angeklagte war, sagt Wantzen. Die Richterin verwarf daraufhin die Berufung.

Kalle Schwensen 2008 in Düsseldorf am Rande eines Boxkampfs mit Udo Lindenberg.

Kalle Schwensen 2008 in Düsseldorf am Rande eines Boxkampfs mit Udo Lindenberg.

Foto: Imago/Marianne Müller
 

Schwensen ging erfolgreich in Revision und wurde vom Landgericht erneut verurteilt, diesmal zu 90 Tagessätzen von nur 15 Euro. Aber auch das nahm der Club-Betreiber nicht hin. Nach seiner zweiten erfolgreichen Revision ist nun wieder das Landgericht am Zuge.

Warum wehrt sich Schwensen so hartnäckig gegen den Schuldspruch? Die Frage regt ihn auf. „Legen Sie Berufung ein, wenn man Ihnen vorhält, Ihre Mutter umgebracht zu haben und Sie haben es nicht getan? Das ist ja kein Unterschied hier.“ Er fühlt sich von Polizei und Justiz zu Unrecht verfolgt: „Stellen Sie sich mal vor, wenn hier diese schwachsinnigen Polizisten gesagt hätten, ich hätte einen Raubüberfall gemacht. Dann würde ich immer noch im Knast sitzen, für eine Geschichte, die ich nicht gemacht habe.“ Ob er nun einen Führerschein hat, sagt er nicht. Auf seiner Internetseite beschreibt er unter der Überschrift „Mein Führerschein - eine unendliche Geschichte... Fortsetzung!“, wie er Anfang 2016 erneut von der Polizei im Rotlichtviertel kontrolliert wurde und er seine Fahrerlaubnis vorzeigte.

Bevor sich Schwensen weiter in Rage reden kann, lotst ihn sein Anwalt zu einer dunklen Limousine, die vor dem Gerichtsgebäude wartet. Der 63-Jährige steigt in den Rolls-Royce Phantom - und lässt sich fahren. „Der Kiez hat seine eigenen Gesetze“, heißt es im Untertitel einer seiner Filme. Demnächst will er einen Hardcore-Fight veranstalten, auf St. Pauli.

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