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Übergriffe auf Frauen : Silvester in Hamburg: Schon 108 Anzeigen – Kritik an der Polizei

vom
Aus der Onlineredaktion

Wegen der Übergriffe an Silvester ermittelt jetzt die Staatsanwaltschaft. Der Kriminalbeamten-Bund kritisiert indes die Polizei.

shz.de von
erstellt am 08.Jan.2016 | 17:48 Uhr

Hamburg | Die Zahl der Anzeigen wegen der sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht ist in Hamburg erneut sprunghaft gestiegen. Bis zum Freitag seien 108 Strafanzeigen von Frauen eingegangen, teilte ein Polizeisprecher mit. Inzwischen gibt es auch Kritik an Polizei und Innensenator.

Am Silvesterabend hatten vor dem Kölner Hauptbahnhof rund 1000 Männer vielfache Übergriffe auf Frauen verübt. Aus der Menge hätten sich Gruppen von mehreren Männern gebildet, die Frauen umzingelt, bedrängt und ausgeraubt hätten, sagte die Polizei. Später wurde bekannt, dass es auch in Hamburg Übergriffe gegeben hat.

Den erneuten starken Anstieg - am Donnerstag waren 70 Anzeigen gemeldet worden - erklärte der Sprecher mit der größeren Aufmerksamkeit der Beamten. Wenn Frauen einen Raub oder Diebstahl anzeigten, fragten die Polizisten inzwischen konkreter nach. Die Ermittler hätten noch keinen Tatverdächtigen identifiziert, sagte der Sprecher weiter.

Nach Angaben von Polizeigewerkschaftern werden die Ermittler von Hinweisen und privaten Videoaufnahmen vom Geschehen an der Großen Freiheit auf St. Pauli und am Jungfernstieg an der Binnenalster überhäuft. Es gehe nun darum, die Spreu vom Weizen zu trennen, sagte der Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Joachim Lenders. Nach seinen Informationen ist nicht auszuschließen, dass es Ansatzpunkte für weitere Ermittlungen gebe.

Der Bund der Deutschen Kriminalbeamten zeigte sich skeptischer. Die Auswertung privater Videoaufnahmen sei ein „Armutszeugnis“ für die Polizei, sagte der Landesvorsitzende Jan Reinecke. Es wäre ein Riesenzufall, wenn die Ermittler über diesen Weg an einen Tatverdächtigen herankämen, meinte er. Reinecke bezweifelte, dass am Ende Täter verurteilt werden würden. Dafür brauche man gerichtsfeste Beweise wie DNA-Spuren oder Fingerabdrücke. Er kritisierte zudem, dass die Polizei in der Silvesternacht keine der Bodycams eingesetzt habe, die derzeit in einem Pilotprojekt erprobt werden.

Die Hamburger CDU warf Innensenator Michael Neumann (SPD) vor, die Sicherheitslage nicht im Griff zu haben. „Durch seine verfehlte Sicherheitspolitik ist Innensenator Neumann mitverantwortlich für die Vorkommnisse der Silvesternacht“, erklärte der innenpolitische Sprecher der CDU in der Bürgerschaft, Dennis Gladiator. „Seit Monaten ist der Polizei das Problem sexueller Belästigungen durch männliche Migrantengruppen auf St. Pauli und am Jungfernstieg bekannt.“ Es sei auch Neumanns Verantwortung, dass die Polizei trotz vielfacher Hinweise nicht ausreichend Personalkräfte vor Ort hatte.

Zum Wochenende verstärkte die Polizei nach eigenen Angaben ihre Präsenz rund um die Reeperbahn, um weitere Taten dieser Art zu verhindern. Auch eine mobile Videoüberwachung sollte in der Nacht zum Freitag und zum Samstag genutzt werden.

Kritik wurde an der Informationspolitik der Polizei laut. Das „Hamburger Abendblatt“ (Freitag) protokollierte die offiziellen Mitteilungen seit Silvester zu den Übergriffen. Demnach hatte die Polizei am Neujahrstag zunächst unter der Überschrift „Silvesternacht in Hamburg - Tausende feiern friedlich den Jahreswechsel“ berichtet, ohne etwas von den besonderen Vorkommnissen zu erwähnen.

„Das kann ich mir persönlich nicht erklären“, sagte dazu Lenders. Er nahm zugleich Polizeipräsident Ralf Martin Meyer und seinen Stellvertreter Reinhard Fallak in Schutz. Fallak hatte am Mittwoch in einem Video-Interview des „Abendblatts“ gesagt, dass die Polizei in der Silvesternacht selbst die Vorfälle nicht bemerkt habe, weil das Gedränge an der Reeperbahn so groß war. Erst an den Folgetagen hätten immer mehr Frauen Anzeigen gemacht, zum Teil in anderen Bundesländern. Zum Vorwurf, die Hamburger Polizei habe Informationen über die Taten wie in Köln erst verspätet herausgegeben, sagte der Polizei-Vize: „Wir haben damit nicht hinterm Berg gehalten.“ Auch die Hamburger Staatsanwaltschaft ist inzwischen an den Ermittlungen beteiligt. Die Behörde habe von der Polizei eine Akte bekommen, in der es um sieben Frauen gehe, sagte Oberstaatsanwältin Nana Frombach. Den unbekannten Tätern werde unter anderem sexuelle Nötigung und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Es gebe noch keine Tatverdächtigen, sagte Frombach.

 

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