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Inklusiver Schulunterricht : Senator Rabe: Große Idee der Inklusion nicht kaputtreden lassen

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Lehrer stöhnen über die zusätzlichen Aufgaben durch die Inklusion. Parteien streiten, wieviel Geld benötigt wird. Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe lobt lieber die Vorteile.

shz.de von
erstellt am 16.Aug.2015 | 10:08 Uhr

Hamburg | Auf dem Weg zu einer gelungenen Inklusion hat Hamburg nach Einschätzung von Schulsenator Ties Rabe (SPD) bereits mehr als die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Wie jede große Schulreform brauche auch die Inklusion Zeit, sagte Rabe. Er habe diese Zeit, bis sich die Schulwelt endgültig darauf eingestellt habe, auf zehn Jahre geschätzt, aber: „Wir haben jetzt Halbzeit und sind weiter als gedacht.“

Am 26. März 2009 trat die UN-Konvention zur Inklusion in Kraft, die die Abkehr vom derzeitigen Sonderschulsystem vorschreibt. Hamburg setzt diese Vorgabe seit einigen Jahren um. Vor der Umsetzung (ab 2010) waren 5227 Kinder und Jugendliche mit Lern-, Sprach- und Entwicklungsproblemen an Hamburgs Schulen gemeldet. Bis zum Schuljahr 2014/15 stieg die Zahl auf 8031 (+40 Prozent). Für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf stellt der Senat den Schulen mehr als 1100 Lehrerstellen zur Verfügung. Schulen mit Inklusion haben rund 13 Prozent mehr Personal als gleich große Schulen ohne Inklusion.

Rabe kritisierte die Diskussionen über zusätzlich benötigte Lehrer. „Wer sagt, in jeder Inklusionsklasse müssten zwei Lehrer sein, hat Inklusion völlig missverstanden. Inklusion bedeutet, einen differenzierten Unterricht zu gestalten, der Kindern aller Begabungen gerecht wird, auch den begabteren Schülern.“ Zudem würden viele Schulfachleute erklären, dass Doppelbesetzung an sich kein Erfolgsfaktor sei. „Wenn wir einen Menschen aus dem Wasser retten wollen, dann nützt es nichts, wenn 13 Nicht-Schwimmer reinspringen, sondern ein Schwimmer wäre besser.“ Es gehe also darum, wie gut Inklusion konkret gemacht werde, sagte Rabe. „Wir haben viele Beispiele, wo gute Lehrer allein einen wesentlich besseren und erfolgreicheren Unterricht gestalten als in vielen anderen Fällen, wo zwei Lehrer in der Klasse sind.“

Rabe wandte sich gegen Klagen, die Inklusion belaste die Lehrer über die Maßen. „Viele Probleme, die Lehrer und Öffentlichkeit mit der Inklusion verbinden, haben mit Inklusion nichts zu tun“, versicherte der Senator. „Ich lese immer wieder Horrorgeschichten von aggressiven, zappeligen und unaufmerksamen Schülern. In den meisten Schulen wären diese Schüler auch ohne Inklusion gewesen.“ „Das größte Defizit in der Inklusion ist, dass wir immer nur über die Defizite der Inklusion sprechen“, sagte Rabe. Es gehe aber um Hoffnung und Verbesserung. „Es zeigt sich beispielsweise, dass Länder ohne Inklusion wesentlich mehr Schulabbrecher haben als Länder mit Inklusion. Dort, wo Schüler sehr häufig auf Sonderschulen abgeschult werden, ist die Quote der Schulabbrecher ohne Abschluss sehr hoch.“

Auch die Befürchtung, kluge Schüler würden im gemeinsamen Unterricht mit Kindern mit Behinderung zu langsam lernen, sei falsch, versicherte der Schulsenator. Mit der Inklusion werde endlich ein differenzierter Unterricht mit unterschiedlichen Herausforderungen notwendig. Zudem würden kluge Schüler in inklusiven Klassen Dinge lernen, die sie sonst nicht lernen würden, die sie aber in ihrem Leben dringend bräuchten: „Nämlich das Miteinander in Gruppen mit unterschiedlicher Leistungsstärke und das Sozialverhalten.“ „Inklusion ist eine große Idee, die wir uns nicht kaputtreden lassen sollten“, sagte Rabe. „In der Weimarer Republik wurde die Idee geboren, Kinder aller Schichten und Begabungen in einer einheitlichen Grundschule zu unterrichten. Das war damals ein Skandal. Heute denken wir alle, das war doch eine gute Idee. Und bei der Inklusion wird das in 20 Jahren auch so sein.“

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