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Zahlen der Justizbehörde : Selbstmordrate in Hamburger Gefängnissen gestiegen - Höchststand seit 2009

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In diesem Jahr haben sich bereits vier Insassen das Leben genommen. Das entfacht jetzt eine Diskussion über Vorsorge.

shz.de von
erstellt am 02.Okt.2017 | 12:34 Uhr

Hamburg | Eine gestiegene Anzahl von Suiziden in den Gefängnissen hat die Hamburger Politik alarmiert. Innerhalb von drei Wochen haben sich im August und September nach Angaben der Justizbehörde drei Menschen das Leben genommen. Seit Jahresbeginn sind es vier Fälle. Das ist nach Angaben des justizpolitischen Sprechers der CDU-Bürgerschaftsfraktion, Richard Seelmaecker, die höchste Zahl seit 2009.

Im vergangenen Jahr hatte sich nur ein Gefangener selbst getötet, 2015 waren es zwei Fälle gewesen und 2014 kein einziger. 2013 hatte die Justizbehörde ein sogenanntes Suizidscreening eingeführt, das von Spezialisten am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) entwickelt wurde. Seitdem soll durch eine Befragung bei der Aufnahme ins Gefängnis eine mögliche Suizidgefahr erkannt werden. Im Jahr vor Einführung des Programms hatten sich drei Gefangene das Leben genommen.

Seelmaecker kritisierte am Montag, dass für Sport und andere Angebote, die zu einer Senkung des Risikos führen, das Personal in den Hamburger Haftanstalten fehle. „Es fallen ganz viele Freizeitangebote weg“, sagte der Abgeordnete. Auch Besuchskontakte seien nur eingeschränkt möglich. Seelmaecker forderte für Gefangene auch die Möglichkeit, mit der Telefonseelsorge sprechen zu können.

Die Sprecherin der Justizbehörde, Marion Klabunde, sagte dazu, bei Gefangenen mit Suizidgefahr werde genau darauf geachtet, dass sie Sport- und Freizeitangebote bekämen. Aus einer Senatsantwort auf eine Anfrage Seelmaeckers geht allerdings hervor, dass es in der Zeit der beiden letzten Suizide Einschränkungen beim Sport-, Telefon- und Besuchsangebot gab.

Für Menschen in Haft haben die Behörden eine besondere Verantwortung. „Die sind in staatlicher Obhut“, betonte Seelmaecker. Zugleich sind Gefangene besonders suizidgefährdet, wie der Leiter des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am UKE, Prof. Peer Briken, im Justizausschuss erklärte. Mit der Inhaftierung rissen viele persönliche Bezüge ab, familiäre Beziehungen, Wohnung und Arbeit drohten verloren zu gehen. Außerdem seien Gefangene häufiger von psychischen Störungen und Erkrankungen betroffen, oft seien sie auch drogen- oder medikamentenabhänging.

Unter den jüngsten Suizidfällen war auch ein 40 Jahre alter mutmaßlicher Islamist aus Syrien. Der justizpolitische Sprecher der Linksfraktion, Martin Dolzer, stellte in der Ausschusssitzung am vergangenen Freitag die Frage, ob Gefangene mit Herkunft aus Kriegsgebieten besonders gefährdet seien. Justizsenator Till Steffen (Grüne) betonte daraufhin, dass dem 40-Jährigen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung vorgeworfen worden sei, nicht die Teilnahme an Kampfhandlungen.

Gefangene mit terroristischem Hintergrund gelten nach Angaben der Justizbehörde als Hochrisikogruppe in Bezug auf Suizidgefahr. Ein Mitarbeiter von Steffen verwies auf den Fall eines jungen Syrers, der sich vor knapp einem Jahr in einem Leipziger Gefängnis das Leben genommen hatte. Der 22-Jährige stand im Verdacht, einen Sprengstoffanschlag auf einen Berliner Flughafen geplant zu haben.

Steffen versicherte, dass die Mitarbeiter in den Hamburger Vollzugsanstalten auf Anzeichen für Suizidabsichten achteten und diesen entgegenwirkten. Briken gab zu bedenken, dass Menschen nicht zu Unrecht auf eine Beobachtungsstation gebracht werden dürften. „Das wäre alles andere als ein humaner Strafvollzug.“ Suizidgefährdete Gefangene unter Beobachtung müssen in kurzen Abständen rund um die Uhr ein Lebenszeichen von sich geben.

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