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Schauspieler : Sebastian Bezzel im Interview: Warum ein Bayer Hamburg so liebt

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Der an der Elbe lebende Schauspieler Sebastian Bezzel spricht über seine Liebe zu Hamburg und warum er den „Tatort“ nicht vermisst.

shz.de von
erstellt am 12.Aug.2017 | 10:00 Uhr

Hamburg | Fast 13 Jahre lang war Sebastian Bezzel Tatort-Kommissar am Bodensee. Wer aber glaubt, er vermisse diesen Job, täuscht sich. Mit der Hauptrolle eines bayerischen Dorfpolizisten in den schrägen Eberhofer-Krimis hat sich der in Hamburg lebende Bayer unverwechselbar gemacht. In einem Hannoveraner Café unterhalten wir uns über Polizistenrollen, Fußball, Hamburg und den G-20-Gipfel.

Herr Bezzel, wo waren Sie gestern zwischen 21 und 23 Uhr?
Sebastian Bezzel: Um 21 Uhr war ich in Köln in einem Restaurant in Bahnhofsnähe, habe Linguine gegessen und den „Kicker“ gelesen. Ich bin dann ins Hotel gegangen und um kurz vor 23 Uhr, nachdem ich mit meiner Frau telefoniert habe, ins Bett gegangen. Zeugen gibt's vielleicht an der Rezeption und meine Frau telefonisch. Aber ansonsten war ich allein unterwegs. Eberhofer würde sagen: Du weißt halt scho, dass des a rechtes Scheißalibi ist.

Sie haben sich ja mehrfach erleichtert geäußert, dass Sie diese Alibi-Frage nicht mehr stellen müssen, seit Sie kein „Tatort“-Kommissar mehr sind.
Als Tatort-Kommissar stellt man halt sehr viele Fragen und viele davon wiederholen sich. Deshalb mochte ich Mehmet Kurtulus im früheren Hamburger Tatort so sehr – für einen verdeckten Ermittler mussten diese Fragen anders abgehandelt werden.

Ist das Leben ohne Tatort für Sie ein anderes, vielleicht sogar ein schöneres als in den 13 Jahren davor?
Das Leben hat sich gar nicht groß verändert. Na klar, wenn es eine Tatort-Ausstrahlung mit vielleicht neun Millionen Zuschauern gab, hat man es ein oder zwei Wochen lang gemerkt, aber so viel hat sich nicht verändert. Was ich aber wirklich vermisse, ist es, zwei Filme pro Jahr mit Eva Mattes am Bodensee zu machen. Wir haben uns sehr gut verstanden, ich habe viel von ihr gelernt und deshalb empfinde ich es wirklich als Verlust.

 

In Zeiten, in denen viele Schauspieler von ihrem Beruf kaum leben können, ist es doch nicht das Schlechteste, jedes Jahr zwei gut bezahlte Filme mit acht oder neun Millionen Zuschauern sicher zu haben.
Na klar, aber das ist ja auch das Grundproblem unseres Berufes. Ich hatte das große Glück, 13 Jahre lang diesen Job machen zu können, in Sicherheit zu leben und mir finanziell ein bisschen an die Seite schaffen zu können. Der Tatort hat mich auch bekannter gemacht, wodurch der Fall danach weicher ist. Ich darf mich wirklich nicht beschweren, zumal ich ja noch den Eberhofer hab.

Was kann man denn von Eva Mattes lernen?
Ich war am Anfang ein anderer Schauspieler. So nach dem Motto „Ich muss mich verwandeln, hier ist die Rolle, und ich geh darauf zu“. Eva hat mir gezeigt, dass man die Rolle auch zu sich holen und aus sich heraus entwickeln kann. Sie hat in der Arbeit eine große Lässigkeit, weil sie auf sich selbst vertraut. Sie ist wahnsinnig diszipliniert und dennoch entspannt, das fand ich immer sehr angenehm.

Perlmann ist tot, es lebe Eberhofer. Ein herrlich schräger bayerischer Dorfpolizist, wie man ihn in keinem anderen deutschen Krimi sehen kann. Was gefällt Ihnen an dieser Figur?
Dass er sich nichts scheißt. Der hat keinen beruflichen Ehrgeiz, der ruht in sich und zeigt sich von Äußerlichkeiten ziemlich unbeeindruckt. Der hechelt keinem Zeitgeist hinterher und ist das ruhige Auge im Hurrikan des Wahnsinns um ihn herum. Alle sind verrückt, und Eberhofer sitzt kopfschüttelnd daneben und denkt: Das ist alles sehr anstrengend.

Wären Sie auch Schauspieler geworden, wenn Sie gewusst hätten, wie viele Polizistenrollen auf Sie warten?
Ja, auf alle Fälle. Ist doch lustig, dass man als Schauspieler ganz oft Berufe darstellen muss, die man eigentlich nie haben wollte. Mein Verhältnis zu Polizisten hat sich durch meinen Beruf wahnsinnig verbessert. Früher waren das für mich „die Bullen“, die mir schlechtes Gewissen gemacht haben, aber seit ich so viele Polizisten spiele, habe ich etliche echte Polizisten kennengelernt, unter denen es viele großartige Menschen gibt, bei denen man nur froh sein kann, dass es sie gibt.

Sebastian Bezzel wird am 18. Mai 1971 als Sohn einer Lehrerin und eines Vogelkundlers in Garmisch-Partenkirchen geboren, wo er mit einem älteren Bruder auch aufwächst und sein Abitur macht. Schon als Achtjähriger führt er in der Schule Sketche und kleine Shows auf. Seine Schauspielausbildung absolviert er an der Bayerischen Theaterakademie August Everding in München. Bezzels Fernsehkarriere wird von Krimis und Polizistenrollen dominiert. Von 2001 bis 2006 verkörpert er in der preisgekrönten RTL-Serie „Abschnitt 40“ den Ulf Meiners, von 2004 bis Ende 2016 ist er im Bodensee-Tatort als Kai Perlmann an der Seite von Klara Blum (Eva Mattes) zu sehen. Auch in Formaten wie „Soko 5113“, „Polizeiruf 110“, „Kommissarin Lucas“, „Der Alte“, „Die Rosenheim-Cops“, „Der Bulle von Tölz“, „Soko Leipzig“ und „Großstadtrevier“ gibt er Gastspiele. Seine Paraderolle aber findet der Schauspieler als bayerischer Dorfpolizist Franz Eberhofer in den herrlich schrägen Verfilmungen der Bücher von Rita Falk. Seit 2009 ist Sebastian Bezzel mit seiner Schauspielkollegin Johanna Christine Gehlen verheiratet, das Paar hat zwei Kinder im Alter von drei und fünf Jahren und lebt in Hamburg-Ottensen.            

Ihr Vater ist Vogelkundler. Hat er Sie nie damit infizieren können?
Nö, eher mit anderen Sachen. Meine Eltern sind früh mit uns ins Theater gegangen. Meine Mutter hat sich immer darum gekümmert, dass wir auch mal Karten fürs Residenz-Theater in München kriegten. Und wenn gute Filme im Fernsehen liefen, schöne alte Western oder Filme von Billy Wilder und die frühen Dietl-Sachen, dann durften mein Bruder und ich auch mal länger aufbleiben. Und sie hatten ganz viele alte Single-Schallplatten aus dem Wiener Kabarett der 50er und 60er Jahre – damit bin ich aufgewachsen.

Als Kind in Garmisch waren Sie kein Naturbursche?
Doch, ich war sogar wahnsinnig viel in der Natur, aber ich habe mich nicht groß für die einzelnen Vogelarten interessiert. Wir haben etwas außerhalb von Garmisch an der Vogelwarte gewohnt, die mein Vater geleitet hat. Da konnte man in der Natur regelrecht versinken – Baumhäuser bauen und im Winter ganz viel Ski fahren. Und zwar nicht wie andere, die einmal im Jahr in den Skiurlaub fahren – für uns war es eher alltäglich.

Und doch hat es Sie als Erwachsenen immer in die Großstädte gezogen – München, Berlin, Hamburg. Warum?
Meine Eltern sind ja keine einheimischen Garmischer, sondern Münchner. Deshalb waren wir oft bei meinen Großeltern in München, und ich habe die Stadt schon immer sehr geliebt. Ich fand es toll, wenn es mehrere Kinos und Theater gibt, auch die Vielfalt der Menschen gefällt mir. Ich mag es einfach gern in der Großstadt.

Was hat denn das bayerische Landei dazu gebracht, heute in Hamburg zu wohnen?
Meine Frau ist Hamburgerin. Aber das bayerische Landei hat zehn Jahre in München und acht Jahre in Berlin gelebt, bevor es nach Hamburg gegangen ist. Da war ich schon nicht mehr ganz so landeiig unterwegs. Und ich höre mich heute noch sagen „Wir können ja mal Hamburg ausprobieren“ – dabei ist es bis heute geblieben. Meine Frau ist in Ottensen aufgewachsen – und in unsere erste gemeinsame Wohnung ist sie eingezogen, als sie zwei Wochen alt war. Mit dem zweiten Kind wurd’s dann ein bisschen eng, deshalb sind wir umgezogen, aber es war immer klar, dass wir in der Ecke bleiben wollen.

Der Liebe wegen nach Hamburg – und heute verliebt in Hamburg?
Ja, total. Hamburg ist eine Superstadt. München und Hamburg sind meine Städte in Deutschland.

Was ist Ihnen heute vertrauter – „Moin moin“ oder „Grüß Gott“?
„Grüß Gott“ immer noch. Damit bin ich aufgewachsen.

Gehen Sie in Hamburg lieber zum Fußball oder ins Theater?
Ich gehe grundsätzlich lieber zum Fußball (lacht). St. Pauli ist immer super, wenn wir Karten kriegen. Da kann man ganz toll auch mit Kindern hingehen, es herrscht eine unglaubliche Stimmung in diesem Stadion mitten in der Stadt, direkt neben Deutschlands bekanntester Amüsiermeile. Die St.-Pauli-Fans haben eine unglaublichen Charme und Witz, so einen Nachmittag zu gestalten. Aber auch beim HSV…

…kann man mal so richtig Abstiegskampf pur erleben.
Ja, aber das ist doch auch großes Drama. Ich war nie in meinem Leben HSV-Fan, aber ich habe natürlich in Hamburg einige Freunde und Bekannte, die totale HSV-Fans sind, und ich sehe, wie sie leiden. Ich hab mich schon ertappt, dass ich mit ihnen mitleide. So ein Bundesliga-Wochenende ist für mich erst rum, wenn auch der HSV gespielt hat, auch wenn ich erst mal natürlich nach den Bayern schau.

Waren Sie schon in der Elphi?
Leider noch nicht. Wir sind bislang zweimal mit einem Boot drumherum gefahren. Aber ich finde sie ganz toll und will unbedingt bald mal rein. Natürlich weiß ich, dass sie viel zu teuer war, aber trotzdem hat sich Hamburg damit ein unglaublich schönes Wahrzeichen gebaut. Die Stadt hat dadurch einen ziemlichen Imagegewinn, auch wenn HSV dagegen arbeitet (schmunzelt). In den Jahren, die ich in Hamburg bin, hat sich was getan, ist die Stadt einen Tick internationaler geworden.

Und dabei lebenswert geblieben?
Natürlich. Aber auch Leute, die aus dem Ausland kommen, sagen: Wow, was für eine Stadt. Andererseits war kürzlich ein Kumpel von mir aus München da, er hatte Geburtstag, wir sind über den Kiez geschlendert und im „Silbersack“ geendet. Das ist dann eben wieder eine komplett kleine altmodische Kneipe, ein Kultraum, den er auch einfach nur schön fand. Oder meine Fußballkneipe, das „Laundrette“, die ist gleichzeitig Waschsalon – man kann Champions League gucken oder Wäsche waschen – das ist doch super.

Elphi, G-20-Gipfel – macht Hamburg ein bisschen auf heimliche Hauptstadt?
Wir haben in Deutschland viele Hauptstädte – und das finde ich allein aus der Geschichte heraus auch sehr wichtig. Berlin ist die große Stadt und auch die Weltstadt, in der man Dinge erleben kann, die man so auch in New York, London oder Paris findet. Trotzdem hat Deutschland viele Hauptstädte und ist im positiven Sinne provinziell. Hamburg ist auch eine Hauptstadt von Deutschland, München auch und Köln auch. Dazu kommt dieses Riesenballungszentrum Ruhrgebiet, das man ja auch als eine Stadt begreifen kann.

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