Schlagermove 2018 in Hamburg : Schriller Ausstieg aus dem Alltag beim Karneval des Nordens

Zahlreiche Besucher des Schlagermoves fahren mit Wagen an den Landungsbrücken entlang und feiern zur Musik.

Zahlreiche Besucher des Schlagermoves fahren mit Wagen an den Landungsbrücken entlang und feiern zur Musik.

Der Schlagermove auf dem Kiez zieht seit 1997 Fans der Kult-Schlager an. Mehr als 300.000 feierten am Samstag friedlich.

shz.de von
15. Juli 2018, 09:30 Uhr

Hamburg | „Steht auf, wenn Ihr für Schlager seid“, skandiert eine Gruppe junger Leute auf ihrem Weg von der U-Bahnstation Landungsbrücken auf den Hamburger Kiez - allesamt angetan mit leuchtenden Teufelshörnern in grellbunten Perücken, Hawaiihemden, Blumenketten oder auch Schlaghosen und Minröcken in psychedelischen Mustern. Mehr als 300.000 Fans haben das Motto am Sonnabendnachmittag bereits zu eigen gemacht. Der Veranstalter sprach von fast 400.000.

In ähnlich schriller Retro-Verkleidung, viele mit Bierdosen, Fischbrötchen und Bratwurst in der Hand, tanzen, singen und schunkeln sie auf dem Areal zwischen Heiligengeistfeld, Fischmarkt und Reeperbahn. Es ist der Karneval des Nordens - der 22. Schlagermove.

Dessen Kernstücke bilden 46 schwere, von Privatleuten und Firmen finanzierte Trucks mit aufgebauten Musikanlagen, die im Minutentakt über die 3,3 Kilometer lange Strecke auf St. Pauli rollen. Kult-Hits der 60er bis 80er ertönen von ihnen in voller Lautstärke - ob „Ein Bett im Kornfeld“, „Schöne Maid“, „Manchmal möchte ich schon mit Dir“ oder „Fiesta Mexicana“. Neben Hardcore-Fans in Schlumpf-Outfit und Bayerntracht, die Bonbons und Konfetti in die Menge werfen, lassen sich auf den von nah und fern herbeigefahrenen Wagen auch Stars der Szene von damals live blicken. In diesem Jahr etwa Bernhard Brink, Bata Illic, Klaus und Klaus sowie erstmals Eva von den Jacob-Sisters.

Von Privatleuten und Firmen finanzierte Trucks mit aufgebauten Musikanlagen rollen durch die Innenstadt.
dpa

Von Privatleuten und Firmen finanzierte Trucks mit aufgebauten Musikanlagen rollen durch die Innenstadt.

 

Aus einer Idee von Freunden geboren, hatte der aller erste Schlagermove 1997 bereits 14 Trucks und einige Zehntausend Fans angezogen. Seither haben laut Sprecher Axel Annink von der Hossa-Hossa Veranstaltungsgesellschaft mbH wohl 8,6 Millionen die Riesenfete bei freiem Eintritt gefeiert. Besondere Zwischenfälle sind auch nach Polizeiaussagen in den ersten Stunden der Massenveranstaltung 2018 nicht zu verzeichnen.

Wer mag denn auch eine ausgewachsene Biene Maja schlagen? Als Übeltäter lassen sich auf den ersten Blick hier und da höchstens jene ausmachen - die ihre Dosen, Flaschen und Plastikbecher gern mal auf der Straße entsorgen. Da sind dann aber schnell Ordnungskräfte hinterher und sammeln den Müll stillschweigend ein. Dennoch haben die Veranstalter immer wieder mit dem Unmut der Anwohner zu kämpfen.

Die Feierenthusiasten zwischen 18 und 80 Jahren - die meisten eher jung - lassen sich davon ohnehin nicht verdrießen. „Das hat so eine Eigendynamik - die sind gar nicht mehr Herr ihrer Sinne“, analysieren drei Freundinnen gut gelaunt die Ausgelassenheit ihrer Mitmenschen.

Schnell spürbar wird der altersbedingt unterschiedliche Erfahrungshintergrund der Fans. So erklären die Freundinnen Faby (19) und Dana (20) aus dem niedersächsischen Buxtehude, dass sie zu den 1970er Jahren an sich keine innere Beziehung empfänden - die einschlägige Musik aber klasse fänden. „Wir hören das auch in unserer Freizeit - dazu kann man besser feiern“, sagen die beiden jungen Frauen kichernd, die zum ersten Mal auf dem Move und dazu in ihre Dirndl vom vergangenen Oktoberfest geschlüpft sind.„Ich hätte nie gedacht, dass das mal wiederkommt“, reflektiert dagegen der 79-Jährige, farbig gekleidete Bernd aus Hamburg den Sound von einst. Schließlich hätten viele Menschen damals anspruchsvollere, englischsprachige Songs - etwa von den Beatles und den Stones - bevorzugt. Dennoch ist Bernd, der von seiner Freundin Birgit (70) begleitet wird, bereits zum zehnten Mal dabei. „Das Bunte, die Menschen, die Freude, die Stimmung, das Lachen, das Singen und das Tanzen“ - all das begeistere ihn einfach.

Aus Sicht der Hamburger Polizei ist der diesjährige Schlagermove ruhig verlaufen. Einem Sprecher der Feuerwehr zufolge benötigten 265 Besucher Erste Hilfe, etwa 90 von ihnen kamen in Krankenhäuser. Übermäßig viele Beschwerden von Anwohnern habe es dann auch nicht gegeben, sagte ein Polizeisprecher.

Nach der Parade feierten demnach rund 14.000 Besucher den sogenannten Aftermove - eine Party in mehreren Zelten auf dem Heiligengeistfeld in St. Pauli.

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