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Welterfolg mit der „Deutschstunde“ : Schriftsteller Siegfried Lenz gestorben

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Der Autor lebte bis zuletzt in Hamburg. Der 88-Jährige setzte sich für die Versöhnung mit Polen und Israel ein. Ministerpräsident Torsten Albig würdigte Lenz für seine Verdienste für die schleswig-holsteinische Literatur.

shz.de von
erstellt am 07.Okt.2014 | 12:26 Uhr

Hamburg | Siegfried Lenz, einer der großen Schriftsteller der deutschen Nachkriegsliteratur, ist tot. Lenz starb am Dienstag im Alter von 88 Jahren im Kreise der Familie, wie der Verlag Hoffmann und Campe mitteilte. Lenz' wichtigstes Werk ist der in viele Sprachen übersetzte und verfilmte Roman „Deutschstunde“ (1968) über die Nazizeit und einen falsch verstandenen Pflichtbegriff.

Der Ostpreuße galt aber vor allem als ein Meister der Erzählung. Dafür stehen humorvolle Bände wie „So zärtlich war Suleyken“ (1955) oder „Lehmanns Erzählungen“ (1964). Vor zwei Jahren (2011) erschien sein letzter Erzählband „Die Maske“. Seit Jahren war Lenz gesundheitlich schwer angeschlagen.

Bereits auf den Rollstuhl angewiesen, hatte der Autor in den letzten Jahren ein Appartement in einer Hamburger Senioren-Residenz an der Elbchaussee mit freiem Blick auf den Elbstrom. 2010 heiratete er im Alter von 84 Jahren  - vier Jahre nach dem Tod seiner Frau Lieselotte - seine zweite Ehefrau. Die Hochzeit fand im kleinen Familienkreis im dänischen Kollund statt.

Am 12. Juni 2010 heiratete Lenz zum zweiten Mal.
Am 12. Juni 2010 heiratete Lenz zum zweiten Mal in Dänemark. Foto: Karsten Sörensen
 

Mit großer Trauer reagierte Ministerpräsident Torsten Albig auf den Tod von Siegfried Lenz. „Siegfried Lenz hatte sich über viele Jahrzehnte hinweg Schleswig-Holstein als zweite Heimat gewählt und war dem Land auf das Engste verbunden", sagte Albig. Er habe mit seinen Werken die Landschaften und Orte sowie die Menschen in Schleswig-Holstein in unvergleichlicher, charmanter und vor allem immer einfühlsamer Weise in die Welt hinausgetragen und sie literarisch bedeutsam werden lassen. „Dass das Land zwischen den Meeren wieder eine Literatur-Landschaft von Rang wurde, ist nach Theodor Storm und Thomas Mann vor allem auch Siegfried Lenz zu verdanken", so der Regierungschef. Der Ministerpräsident sprach im Namen der gesamten Landesregierung sein Mitgefühl aus.

Siegfried Lenz, geboren am 17. März 1926 in Lyck, einer Kleinstadt im masurischen Ostpreußen, zählte seit langem zu den bedeutendsten Autoren der deutschsprachigen Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur. Lenz kam zum Studium der Philosophie, Anglistik und der deutschen Literaturgeschichte nach Hamburg, ehe er 1950/51 als Redakteur für die „Welt“ arbeitete. Seit 1951 lebt er als freier Schriftsteller in der Hansestadt.

Lenz' Bücher sind in rund 30 Ländern in einer Auflage von mehr als 20 Millionen Exemplaren erschienen. Für sein Œuvre wurde er mit zahlreichen Ehrungen ausgezeichnet, darunter der Gerhart-Hauptmann-Preis, der Thomas-Mann-Preis, der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, der Bayerische Staatspreis für Literatur, der Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main sowie seit dem 2. Dezember 2004 die Ehrenbürgerschaft des Landes Schleswig-Holstein.

Neben den Nobelpreisträgern Heinrich Böll und Günter Grass gehörte Lenz zu jenen Autoren, die die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und die Aussöhnung insbesondere mit Polen und Israel als Lebensaufgabe verstanden.

Bei einem Festakt zum 85. Geburtstag (17.3.2011) in Hamburg würdigte der damalige Bundespräsident Christian Wulff, wie sehr Lenz zum wiedergewonnenen Ansehen Deutschlands nach dem Krieg beigetragen habe. Der Börsenverein würdigte Lenz 1988 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Noch im hohen Alter gelang Lenz mit seiner ersten Liebesnovelle „Schweigeminute“ ein Bestseller.

Die „Deutschstunde“ (1968) gilt als Lenz' Schlüsselwerk zur Aufarbeitung der Nazizeit und historischer Schuld. Darin geht es um einen Vater-Sohn-Konflikt - stellvertretend für die Kriegsgeneration und die rebellierende Folgegeneration - sowie um die fatalen Folgen eines unkritischen Pflichtbewusstseins in der NS-Zeit. In dem ebenfalls verfilmten Roman „Heimatmuseum“ (1978) lässt Lenz die verlorene ostpreußische Heimat literarisch wiederauferstehen und schenkt so zumindest einem Teil der Vertriebenen inneren Frieden. Die Hauptfigur, der masurische Teppichwebermeister Zygmunt Rogalla, verbrennt das von ihm einst gerettete Heimatmuseum, um es vor ideologischem Missbrauch zu retten.

Auch politisch engagierte sich der in der Nazizeit aufgewachsene Autor für die Aussöhnung mit Polen. 1970 begleitete er mit Grass den damaligen Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) zur Unterzeichnung des Warschauer Vertrages. Außerdem mahnte Lenz Solidarität mit Israel an, als der damalige irakische Diktator Saddam Hussein den jüdischen Staat mit Raketen bedrohte.

Besonderen Erfolg hatte der begnadete Erzähler mit seinen vergnüglichen Kurzgeschichten. Unvergessen ist sein legendärer Erzählband „So zärtlich war Suleyken“ mit humorvollen Geschichten aus Ostpreußen. Publikumserfolge wurden auch „Lehmanns Erzählungen“, die amüsant geschriebenen Erfahrungen eines Schwarzhändlers nach dem Zweiten Weltkrieg - Lenz hatte sein Studium in Hamburg selbst mit Schwarzhandel weitgehend finanziert.

Seine Werke sind nach Angaben des Hoffmann und Campe Verlags (Hamburg), dem Lenz seit Beginn seiner schriftstellerischen Arbeit sein Leben lang die Treue hielt, in mindestens 35 Sprachen übersetzt.

Die Weltauflage dürfte bei über 30 Millionen liegen. Ein Millionenpublikum fanden die Fernsehverfilmungen „Der Mann im Strom“, „Das Feuerschiff“ und „Die Auflehnung“, jeweils mit Jan Fedder in der Hauptrolle. Das breite Oeuvre von Lenz umfasst Romane, Erzählbände, Theaterstücke, Hörspiele und Essays - etwa über das Selbstverständnis des Schriftstellers als „Ein-Mann-Partei“.

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