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Urteil in Hamburg : „Schändliche Taten“: Bewährungsstrafe für falschen Polizisten

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Weil er nur den „Idioten“ für die Haupttäter gemacht habe, falle die Strafe milde aus, so das Gericht.

shz.de von
erstellt am 09.Okt.2017 | 19:09 Uhr

Hamburg | Die Masche der Trickdiebe ist immer die gleiche: Zwei vermeintliche Polizisten passen ältere Frauen oder auch Männer an ihrer Haustür ab und erklären, dass bei ihnen eingebrochen worden sei. Sie sollten ganz schnell nachsehen, ob Geld und Schmuck noch da seien. „Die sahen sehr gepflegt aus, dass mir gar keine Zweifel kamen“, sagte eine 87-Jährige als Zeugin vor dem Amtsgericht Hamburg.

Die Frau ließ die beiden jungen Männer in die Wohnung. Als sie zehn Minuten später wieder gingen, waren ihre vier Ringe mit Brillanten im Wert von mehreren tausend Euro und eine EC-Karte mit PIN-Nummer verschwunden.

Einen Komplizen der beiden Trickdiebe verurteilte das Amtsgericht Hamburg am Montag wegen schweren Bandendiebstahls und Amtsanmaßung zu zwei Jahren Haft auf Bewährung. Der 58-Jährige hatte gestanden, sich an sieben Taten in Hamburg und Norderstedt (Kreis Segeberg) beteiligt zu haben.

Er hatte für die beiden Haupttäter, einen 19-Jährigen und einen Jugendlichen, ein Hotelzimmer und ein Auto gemietet. Er fuhr sie von Bremen nach Hamburg und half bei der Beobachtung möglicher Opfer. In einem Fall holte er als vermeintlicher Polizist einen Geldumschlag ab. Außerdem hob er 1000 Euro mit einer gestohlenen EC-Karte ab.

Die Liebe bringt den Beschuldigten in Kontakt mit der Familie der Haupttäter

Das Gericht sah den psychisch labilen Angeklagten nur als Mittäter. Er war nach eigenen Angaben durch eine Liebesbeziehung in Kontakt mit der Familie der Haupttäter gekommen. Vor anderthalb Jahren hatte er die mit dem Schwager des 19-Jährigen verheiratete Frau kennengelernt.

Die Familie habe ihn immer wieder um Gefallen gebeten und unter Druck gesetzt. Für das Mitmachen bei den Trickdiebstählen hätten die Männer ihm versprochen, ihm dringend benötigte 10.000 Euro zu leihen. Von der Beute habe er nur 260 Euro abbekommen. Nach Einschätzung der Staatsanwältin war der in der Sachsen aufgewachsene 58-Jährige in den Familienclan der Haupttäter eingewoben.

Am 3. März wurde das Trio auf einer Raststätte an der A1 bei Sittensen (Niedersachsen) festgenommen. Im Auto fanden die Fahnder eine Sporttasche mit Bekleidung, Einweghandschuhe und einen Polizei-Dienstausweis mit Fantasieangaben. Den 19-Jährigen verurteilte das Hamburger Amtsgericht am 11. September zu drei Jahren und zwei Monaten wegen schweren Bandendiebstahls und anderer Delikte. Das Urteil ist allerdings nicht rechtskräftig. Gegen den Jugendlichen wurde von der Bremer Justiz ein Verfahren eingeleitet.

Richter: „Sie waren der Idiot für die!“

Der Richter machte dem 58-Jährigen in deutlichen Worten klar, welche Rolle er für die Haupttäter gespielt habe. „Sie waren der Idiot für die“, sagte er in der Urteilsbegründung. Der gelernte, aber zurzeit arbeitslose Tischler sei bei den Trickdiebstählen ein kleines, aber notwendiges Rad gewesen. Aus abgehörten Telefongesprächen gehe hervor, dass eigentlich der 19-Jährige das Auto gemietet habe. Nur weil er keinen Personalausweis hatte, habe der 58-Jährige einspringen müssen. Der Richter gestand aber zu, dass die Familie eine Art und Mittel habe, „der man möglicherweise schlecht entkommen kann“.

Auch für die Taten fand er klare Worte: „Sie haben sich die schwächsten Teile der Gesellschaft rausgesucht. Das ist schändlich!“ Eine 79-jährige Hamburgerin hatte vor Gericht gesagt, sie habe nach der Erklärung der vermeintlichen Polizisten, dass bei ihr eingebrochen worden sei, „wahnsinnige Angst“ gehabt. Nach der Tat sei es ihr sehr schlecht gegangen. Sie sei psychisch so verhaltensauffällig gewesen, dass Nachbarn einen Krankenwagen riefen, der sie für 26 Tage in die Klinik brachte.

Auch der Angeklagte erlebte einen Zusammenbruch, musste ins Krankenhaus und bekam daraufhin Haftverschonung. Er berichtete nun, dass er eine Stelle in einer anderen Stadt in Aussicht habe, sich von seiner Lebensgefährtin aber nicht trennen wolle. Der Haupttäter habe ihn schon wieder angesprochen, doch habe er den Kontakt abgelehnt. Der Richter ermahnte ihn eindringlich: „Lassen Sie sich von diesen Leuten nicht verarschen!“

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