„Muttersprache“-Tour : Sarah Connor in Hamburg: Ein sehr intimes Konzert

Sarah Connor (Mitte) mit ihren Background-Sängerinnen auf der Bühne.
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Sarah Connor (Mitte) mit ihren Background-Sängerinnen auf der Bühne.

Nachdenklich, laut, gefühlvoll und zärtlich: Sarah Connor hat einen Weg gefunden, sich musikalisch auszudrücken.

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23. März 2017, 11:36 Uhr

Hamburg | Sie hat momentan nur Augen für ihren neun Monate alten Sohn, doch am Mittwochabend blickten Zehntausend Gesichter nur auf sie: Sarah Connor gab in der fast ausverkauften Barclaycard-Arena in Hamburg ein sehr intimes Konzert mit zutiefst persönlichen Songs ihres ersten deutschsprachigen Albums „Muttersprache“.

Es gibt nur wenige Sänger, die so einen Imagewechsel durchleben, wie die heute 36-jährige Sarah Connor aus Berlin. Vor 15 Jahren präsentierte sich uns ein blondes Anfang-Zwanzigjähriges Popgirl aus Delmenhorst, die mit einem durchsichtigem Kleid bei „Wetten, dass…?“ einen Medienskandal provozierte, Texthänger bei der Nationalhymne hatte, und wirklich banale Songs über One Night Stands, Bettflüstereien und Zungenküsse sang. Tiefgreifend war hier nichts. Oder doch?

Am Strand von Costa Dorada in Spanien gab sie dem späteren Dschungelkönig Marc Terenzi das Ja-Wort - live im Fernsehen vor Millionen Zuschauern. Zwölf Jahre ist das jetzt her, und außer der Songs ihrer Anfangszeit ist nicht viel geblieben von der Märchenbraut, auch der Mann nicht. Und so wirkt ihr Medley aus den Songs vergangener Zeiten am Abend in der Barclaycardarena wie ein Fremdkörper in der sonst sehr anspruchsvollen Setlist. „Let‘s get back to bed, boy“, „Bounce“ und „From Zero to Hero“ dudeln dahin, hinterlassen aber nichts. Nur den Kontrast zu einer reifen Sängerin, die ihr Glück in deutschen Songs gefunden hat.

Ihr achtes Album „Muttersprache“ landete auf Platz Eins der Charts und ist mit über eine Million verkauften Tonträgern und Dreifach-Platin ihr erfolgreichstes Album überhaupt. Fünf Jahre hat sich Sarah Connor bewusst Zeit gelassen, ihr neues Album auf den Markt zu bringen. Bereits zum dritten Mal geht sie nun damit auf Tour, im vergangenen Jahr noch hochschwanger, jetzt mit ihrem Sohn im Backstagebereich. „Meine Mamasita passt auf, ich hab zwei Stunden kinderfrei“, ruft die Vierfachmama ihren überwiegend weiblichen Fans entgegen. Auch ihre Schulfreundinnen sind gekommen. „Was nämlich kaum einer weiß, ich bin ich in Hamburg-Altona groß geworden“ erzählt die Sängerin, die heute mit ihrem Freund Florian Fischer und ihren vier Kindern zurückgezogen in Berlin lebt.

Mit ihrem Leben auf Tour hat sie sich ein hartes Pensum vorgenommen, mit neun Liveterminen allein im März. Auf der Bühne lässt sie es sich nicht anmerken. Da steht eine entspannte Sängerin mit weißem Schlapphut, Lederhose und -jacke und Bikerboots. Sie kreiert ihren Fans vieler Generationen eine heimelige Atmosphäre, singt ihnen aus der Seele, lässt sie teilhaben an ihren Gefühlen. Dafür braucht sie keine Realityshow mehr. Ihre Texte sind sozialkritisch, politisch, zutiefst persönlich und authentisch. Es geht um Freundschaften und das Verlassenwerden, dem Glück Mama zu sein und den Tod. Sarah Connor macht Frauenmusik, heißt, sie tritt ihre Gefühle breit, und das im positiven Sinne. „Wenn der Tag gekommen ist und ich mit dem Wasser fließe, hoffe ich, dass ihr mich nicht vergesst.“ Da haben nicht nur die Fans Tränen in den Augen.

Sarah Connor hat sich und ihre Musik gefunden, das funktioniert im „Bonnie&Clyde“-Duett mit Musikerkollegen Henning Wehland genau so gut, wie alleine zu „Bedingungslos“, „Halt mich“ oder „Das Leben ist schön“. Sarah Connor hat einen Weg gefunden, ihren Weg, sich musikalisch auszudrücken, nachdenklich, laut, gefühlvoll und zärtlich. Dass dieser jetzt auch noch auf Deutsch ist, macht sie in Deutschland zu einer Künstlerin mit Seltenheitswert.

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