Schauspieler und Sänger aus Eckernförde : Rüdiger Wolff lässt sich trotz schwerer Krankheit nicht unterkriegen

Seit vier Jahren kämpft Rüdiger Wolff gegen seine Erkrankung an der Nervenlähmung ALS.
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Seit vier Jahren kämpft Rüdiger Wolff gegen seine Erkrankung an der Nervenlähmung ALS.

Der 65-Jährige leidet an der tödlichen Nervenlähmung ALS. Nun hat er ein neues Album aufgenommen – einhändig am Klavier.

shz.de von
14. September 2018, 08:02 Uhr

Hamburg | Was er mit Wilhelm Busch gemeinsam hat, das fürchten viele Künstler: „In eine Schublade gesteckt zu werden“, sagt Rüdiger Wolff. Der 65-Jährige hat gerade ein neues Album als Hommage an den Dichter veröffentlicht. Wolff selbst ist für viele der Ex-Moderator der „Aktuellen Schaubude“ geblieben, obwohl er im Fernsehen und auch auf der Theaterbühne viel mehr gemacht hat. Als Musiker gilt er als Schlagersänger, auch wenn er gern verschiedene Stilrichtungen bediente. Doch seit seiner Erkrankung an der tödlich endenden Nervenlähmung ALS kämpft der in Hamburg lebende Künstler gegen sehr viel mehr an.

„Dideldum!“ – da liegt es vor ihm, sein gleichnamiges Album. 15 Chansons zu Lyrik von Busch (1832-1908), den seine Zeitgenossen am liebsten nur als Verfasser fröhlicher Bildergeschichten sehen wollten. Wolff hat so manches in Buschs weitaus vielfältigerem Werk neu für sich entdeckt und die Lieder selbst komponiert. „Mit einer Hand bekomme ich das am Klavier noch hin“, erzählt der Sänger und Komponist. Den Kopf kann er an schlechten Tagen nicht gut aufrecht halten, auch sonst fallen viele Bewegungen schwer. „Die Krankheit hat schon ziemlich Besitz ergriffen.“ Doch weil Stimme und Kreativität noch funktionierten wie in „alten, guten Tagen“, habe er die Lieder aufgenommen, sagt Wolff.

Er singt Zeilen, die den Dichter und Zeichner von Geschichten wie „Die fromme Helene“ und von den Lausbuben „Max und Moritz“ als verletzlichen, sensiblen und unglücklich verliebten Menschen zeigen. „Seine wahren lyrischen Edelsteine sind die melancholischen und auch autobiografischen Gedichte, in denen er sich ganz genau beschreibt“, sagt er. „Ich wollte ihn von einer anderen Seite präsentieren und habe mich sehr auf sein geniales Dasein als Einzelgänger konzentriert.“

Zurückgezogen hat sich seit der Erkrankung auch Wolff. Rund 6000 bis 8000 ALS-Patienten gibt es in Deutschland, wie die ALS-Ambulanz der Berliner Charité auf ihrer Homepage schreibt. Wie sich die Amyotrophe Lateralskleroe (ALS) bei ihm bemerkbar machte, daran kann Wolff sich noch genau erinnern. „Ich stand 2012 auf der Bühne in einem Weihnachtskonzert in Quickborn und bemerkte plötzlich, dass ich das Mikrofon nicht mehr zum Mund führen konnte.“ Zunächst sei Überarbeitung vermutet worden, 2014 habe er die Diagnose erhalten.

„Damals stellten mir die Ärzte vorsichtig noch zwei bis drei Jahre in Aussicht, jetzt lebe ich damit schon vier Jahre.“ Rund ein Jahr lang haben er und die ihn begleitenden Musiker sowie Produzenten am jüngsten Werk gearbeitet. Seine Lieblingslyrik von Busch, Erich Kästner und Kurt Tucholsky vertont der studierte Literaturwissenschaftler schon seit langem. Rund vier Jahrzehnte lang stand er als Schauspieler auf der Bühne, als Sänger trat er unter anderem zehn Jahre gemeinsam mit Tochter Katharina Wolff auf. Er wirkte in Fernsehserien mit und moderierte TV-Formate auf Sat.1, im ZDF und vor allem beim Norddeutschen Rundfunk (NDR).

In seiner Altbauwohnung in Hamburg-Winterhude wohnt Wolff allein, seine Familie, eine Haushaltshilfe und Diakonie-Ehrenamtliche helfen ihm. „Ich versuche, so lange es geht, viel allein hinzubekommen“, sagt er. Er habe eine Handvoll enger Freunde, die ihn oft besuchten, darunter seine ehemalige TV-Kollegin Sabine Sauer. Aber viele frühere Freunde und Kollegen meldeten sich nicht mehr, könnten mit der Situation wohl nicht umgehen. Manche rieten ihm von weiteren Auftritten ab: „Lass das Publikum dich lieber als Strahlemann in Erinnerung behalten.“ Inzwischen würde ihn das ohnehin zu sehr anstrengen, erzählt Wolff, aber Lieder schreiben wolle er so lange wie möglich.

„Ich habe meinen Lebenswillen nicht verloren und möchte mit meiner Arbeit auch anderen Menschen Mut machen“, erklärt er. „Es gibt viele Schicksale, die schlimmer sind, und Menschen, die weniger Hilfe bekommen als ich.“ Ihn halte die Arbeit am Leben – und der Humor, gerne schwarz und selbstironisch wie bei Busch. „Denn dass ich, der eigentlich nicht mehr kann, immer noch singe, ist doch eigentlich grotesk.“

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